In Europa leben heute noch rund 20.000 Wölfe, die meisten davon in Russland. In Polen sind es noch knapp 700 Tiere. Vor 15 Jahren wanderten einige von ihnen westwärts. Sie fanden zwischen Poznan und Berlin einen neuen Lebensraum. Aus dem so genannten westpolnischen Rudel wechseln immer wieder einzelne Tiere über Oder und Neiße. Seit 1991 wurden auf deutscher Seite mindestens sechs Wölfe illegal abgeschossen. Jäger begründeten dies meist mit der Verwechslung mit wildernden Hunden. Abschussgenehmigungen werden weder in Brandenburg noch in Sachsen erteilt.
Folgende Artikel stammt von JENS RÜMMLER.
Zu sehen sind sie selten. Ihr Heulen ist jedoch unverkennbar. Der mythenbildende Ruf des Wolfes war in märkischen Gefilden in den letzten 100 Jahren nur noch selten zu hören. Deshalb trauten Siedler nördlich der Muskauer Heide ihren Ohren kaum, als sie im vergan-genen Jahr erstmals das Wolfsheulen vernahmen. "Wer nicht ganz nervenfest war, der bekam eine Gänsehaut", erinnert sich ein Einwohner des kleinen Lausitz-Dorfes Lieskau (Spree-Neiße). 1904 wurde in der Nähe von Spremberg der letzte deutsche Einzelwolf geschossen. Doch seit einigen Jahren fühlen sich die Tiere mit dem graugelb bis graubraunen Fell in Brandenburg wieder wohl. Zusammen mit Sachsen gilt die Mark als Einwanderungsland Nummer 1 für Wölfe in Mitteleuropa. "Es stimmt, Brandenburg ist Wolfsland", sagt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg.
Förster, Jäger und Naturschutzbund (Nabu) gehen von 10 bis 20 Wölfen zwischen Uckermark und Elbe-Elster aus. Die meisten Neuankömmlinge leben in Ost- und Südbrandenburg. Viele "pendeln" zwischen Brandenburg und Sachsen bzw. Deutschland und Polen. Alle Tiere kommen direkt aus unserem östlichen Nachbarland. Naturschützer und Jäger sichteten Wölfe unter anderem in Gardewitz (Uckermark), zwischen Garz (Uckermark) und Jägerbrück (Mecklenburg-Vorpommern), am Kleinen Wotzensee bei Reichenwalde (Oder-Spree) und in der Schorfheide. Nach Beobachtungen durchschwammen einzelne Tiere die Oder zuletzt bei Küstrin-Kietz und bei Ratzdorf. Einige der sozialen und intelligenten Wesen schafften es sogar bis an die Berliner Stadtgrenze, so Mitarbeiter der Naturschutzstation Zippelsförde (Ostprignitz-Ruppin). Die Einrichtung des Landesumweltamtes kümmert sich um die Wolfsbeobachtung in der Mark.
Ihren "Durchbruch" schafften Wölfe offenbar im Frühjahr 2000. Auf einem ausgedienten Truppenübungsplatz in der Muskauer Heide zogen zwei Elterntiere erstmals nach 150 Jahren wieder Wolfs-Nachwuchs auf. Heute lebt dieses Rudel sowie eine weitere Wolfs-Familie in der Neustädter Heide mit bis zu 16 Wölfen in der Lausitz. Einige der Nachkommen des Neustädter Rudels könnten nach Brandenburg abgewandert sein, mutmaßt die Naturschutzstation Zippelsförde. Als wahrscheinlich gilt, dass auch einige der zehn sächsischen Welpen 2005 die Lausitz in Richtung Mark verlassen. Hier finden sie nach Ansicht der Wolfsexpertin Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus in Spreewitz (Sachsen) gute Lebensbedingungen. "Wölfe haben bei uns grundsätzlich genug zu fressen", so die aus Mecklenburg-Vorpommern stammende junge Frau. Sie und ihre Mitarbeiterin Gesa Kluth sammelten mittlerweile Hinweise auf über 60 Wölfe in Ostdeutschland. Die Wildbiologische Gesellschaft München schätzt, dass allein in der Schorfheide und in der Märkischen Schweiz rund 200 der Tiere dauerhaft leben könnten. "Wölfe ernähren sich zu 98 Prozent von Schalenwild, vor allem von Rehen und Hirschen", erklärt Jana Schellenberg, Leiterin des "Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz" im sächsischen Rietschen. Menschen hätten von dem sehr sozialen und intelligenten Vierbeiner nichts zu befürchten. Kaum ein Tier sei so menschenscheu wie der Wolf, so Schellenberg.
Nur einige Jäger stehen mit dem Einwanderer aus Osteuropa auf Kriegsfuß. Einige Waidmänner befürchteten durch Wölfe scheu gemachtes Rehwild. "Wild ist herrenlos. Es gibt keinen Anspruch auf den Abschuss von Reh und Hirsch", sagt Wolfsfachfrau Jana Schellenberg. Landwirte, deren Nutztiere von Wölfen gerissen werden, entschädigt das Land. In den letzten 15 Jahren gab es allerdings nur eine Hand voll solcher Vorfälle.