Karlsruhe, Kriegstr. 286 -
abgedruckt im „Merian“, 15. 9. 1950 - 2. Jahrgang 11. Heft - Das Monatsheft im
Hoffmann und Campe Verlag
„Vom Wesen der Ebene“
Es ist noch gar nicht so lange
her, daß das künstlerische Naturgefühl der Menschen die Ebene und das Gebirge
als ästhetische Werte zu vergleichen und zu werten begann. Die Antike liebte
das Gebirge nicht: dort wohnten in ferner Unzulänglichkeit die Götter, auch die
Dämonen aller Art, im Gebirge spielten sich die Verbrechen der Sage ab, der
Vatermord des Ödipus etwa, und im Gebirge wohnten die bösen Fabelwesen. Aber
Homers Ilias vollzieht sich in der Ebene von Troia und die Odyssee stammt von
der Ebene des Meeres. Wenn aber Orpheus in Gebirgswäldern erschlagen wird oder
Empedocles sich in den Krater des Ätnagebirges stürzt, - dann sind das
außerordentliche Vorgänge bei mystischen Personen. Wie wenig das sogenannte
Mittelalter sich um Ebene und Gebirge als ästhetische Werte kümmerte, zeigt am
deutlichsten die Vorstellung, welche Dante von seinem Berg der Läuterung geben
möchte. Erst 1336 besang Petrarca seine Besteigung des Mont Ventoux samt der
Bergwanderung. Dilthey meint, daß damit sich ihm der Blick der Seele weitete,
aber Petrarca blieb auch noch für lange Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Erst
Leonardo da Vinci entwirft ganze Landschaftsbilder aus der Vogelschau, ihm
blühen Gebirge und Ebene als Bildhintergrund ebenso auf, wie Matthias Grünewald, dem Schöpfer des Isenheimer Altars. Und
wiederum wird es Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, bis man die Landschaft des
Gebirges zu schätzen begann; 1729 - im Geburtsjahr Lessings - bezwang Haller
die Alpen, erst als Forscher, dann als lehrender Dichter, und Goethes
„Harzreise im Winter“ läßt 1777 moderne Töne erklingen.
Vorher mied man das Gebirge. Es
gibt Zeugnisse dafür, daß man Städte, am Gebirgsrand gelegen, etwa Heidelberg,
als häßlich empfand. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ging der Zug des Menschen
aus den Tälern hinaus in - die Ebene. Die Ritterburgen auf den Bergen wurden
unbeliebt, und blieben es, bis die Romantik und die reisenden Engländer sie
wieder schön fanden. Der Barock jedoch breitete sich am liebsten in der Ebene
draußen aus, wofür Schwetzingen, Bruchsal, Karlsruhe und Rastatt samt den
Weiterbildungen in Nymphenburg und Schleißheim Denkmäler sind; jetzt hat man es
wahrlich nicht mehr nötig, Felsennester an Gebirgsrändern zu türmen, die
Mehrzahl derselben war gottlob zerstört, die Berge verloren ihre Kahlheit, die
Ruinen traten diskret zurück, man baute, man lagerte sich draußen in der Ebene,
ganz wie in Versailles, König Ludwig II. von Bayern bauliche Verstiegenheit mit
den Königsschlössern gehört nicht in diese Reihen, das ist spätere Zeit mit überhitzten
Naturbetrachtungen ganz im Sinne der Opern von Richard Wagner; und wenn zur
Zeit der Romantik Waldgebirge mit Kruzifix samt Wolfsschlucht und ferner hoher
Gralsburg in erregten Hirnen auftauchen: mit dem Einsetzen der Technik wird
dies alles gegenstandslos, ebenso wie die Italienauffassung der Nazarener oder
die griechischen Malereien Rottmanns; solche heftigen Gegensätze bracht der
Barock ganz und gar nicht.
Ebene und Gebirge sind
grundverschiedene Wesens; deshalb stellen sie auch ganz verschiedene
Forderungen an den Menschen. Eine stundenlang in schnurgerader Richtung sich
dehnende Parkallee oder Heerstraße zu wandern, die durch nichts gestörte Linie
des Horizontes vor sich und das Himmelsgewölbe über sich, - das verlangt
Seelengröße. Damals ging man so weit, nicht mehr durch Mauern ein Besitztum zu
umfriedigen, sondern durch Wassergräben und andere „ebene“ Hindernisse. Dies
geschah, um den Eindruck des Ungehemmtseins zu wahren. Das Gebirge erforderte
völlig andere Leistungen, weil dort die Höhenunterschiede bezwungen werden
müssen, von den Gefahren des Kletterns ganz zu schweigen; aber durch Vorsprünge
und Überschneidungen wird dort dauernd der Blickbahn ein vorzeitiges Ende
bereitet. Der Umblick auf dem Gipfel zeigt endlich enorme Weiten, aber an Größe
und Höhe der Nachbargipfel sind sie meßbar. Im Tale jedoch wird de Blick
unweigerlich vergewaltigt durch die gegebenen, unveränderlichen Konturen, durch
die ewig gleichbleibenden Überschneidungen in wechselnder Beleuchtung, woran
man sich endlich müde schauen muß. Daher wird die Gebirgslandschaft stets
bedenklich in die Nähe der Theaterstaffage rücken, wie eintöniger man sie gar
nicht sehen kann als etwa in den modischen Landschaftsbildern aus der Schweiz.
Gewiß kommt die Kletterforderung im Gebirge der Sportlust weit entgegen, sie
schafft ihr Abenteuer in Mühe und Wettbewerb, - eines aber ist feststehend: im
Gebirge sind alle Entfernungen festgelegt, unvermeidlich und unveränderlich.
Scheinbar mag es vom Tale her gesehen, etwas wie Bewegungsfreiheit geben,
faktisch aber herrscht die Vorstellung von Schacht, Gefängnis und Bedrängertum.
Aber in der Ebene herrscht die
große Freiheit. Denn dort wird der Blick nicht hin und her gezwungen, sondern
er schweift grenzenlos, immer ins Ungemessene. In tiefer Schwermut oder in
großem Frohsein lagert die Ebene und erhebt keine momentane Forderung auf eine
meßbare Leistung: denn Ebene ist einsam, wie der Mensch in ihr, der
dahinschreitet und das Zusammengeducktsein des Gebirges kaum begreift.
Gewissermaßen ist die Ebene tolerant, denn in ihr ist immer der Wanderer der
Mittelpunkt und das eigene Maß, welches sich von Fall zu Fall angleichen wird,
und die großen Städte kann dieser Erdenwanderer mühelos umgehen, wenn er sich
nicht einsaugen läßt von aufgedrängten Suggestionen. In dem tiefen
Himmelsgewölbe mit den hohen, getürmten Wolken weitet sich die Schwermut des
Ebenenmenschen, dessen edelster Vertreter in der Malerei doch wohl Jakob
Ruysdael bleibt. Und somit ist die Ebene historisch: auf ihren langen Straßen kommen
und gehen die Schicksale, sie brauchen auch nicht keuchen. Sondern die
Heeressäulen wälzen sich, in der Ferne, draußen, „fuori“, wie das der Italiener
nennt, und draußen schwingen diese Schicksale über Äckern und über
Schlachtfeldern wie fremde Harmonien von den Belfrieden Flanderns bis zu den
Türmen Sienas. Es ist ein Sehnen darin und ein Klagen, wie bei der Meeresweite.
In der Ebene grenzen sich die Jahreszeiten keusch voneinander ab, - da ist der
grauweiße Winter mit jagenden tiefen Wolken, unter denen der Wanderer
vielleicht fernen, heiteren, südlichen Feuern zustrebt. Dem zuckenden Frühjahr
folgt ein Sommer, saftig, wie ein Akt von Rubens; und dann kommt der
„gedankenreiche“ Herbst, darinnen die Weite sich wohlig dehnt und ein Gleichnis
wird für die Seele des Ebenenmenschen, sei es nun in Flandern, in der
Lombardei, in der Campagna. Wir meinen da Verlaine und Jens Peter Jacobsen und
César Franck und Mac Dowell. Aber das Herbstende bringt das Schönste: den
„Nachsommer“, bis es kühl wird und die Sonne zögernd versinkt und die Wipfel
der Platanen und der Pappeln in langen Reihen sich ein wenig beugen.
Schwetzingen liegt solcher Art
draußen in der Ebene, das Schloß sowohl wie der Schloßgarten, daraus man weit
gen Westen blicken kann, ungehindert, und ohne Mauern, die hemmen, während
gleich nebendran sich Alleen einfangen zu kleinen, stillen Plätzen und Ecken,
darinnen das Gemäuer und die Ruine herrschen, ohne daß sie laut würden, . . .
und wo an stillen Kanälen der Wanderer entlang schreitet, wissend, daß
nebendran Luft ist, und Weite und Auflockerung aller Grenze. Und da ist auch
Wasser, und Sand, und viel Ausblick im Schutze eines starren und harten
Schlosses, welches aber mit seinen weiten Flügelbauten anzeigt, daß es tolerant
ist und alle Gegensätze im Theater der Natur sowohl duldet und erträgt, wie
auch auf einer Bühne, welche ebenso fehlt.
Mit einem sonst in der deutschen
Dichtung kaum erreichten Zartgefühl schildert Adalbert Stifters „Der Nachsommer“ (1857) das Wesen der Ebene
und des Gebirges in ihren Grundverhältnissen und Wechselwirkungen auf das
menschliche und das tierische Seelenleben. Und nicht nur hier kümmert sich
Stifter um dieses zentrale Erlebnis: aber am
ausführlichsten im „Nachsommer“ entwickelt er unter anderm den erzieherischen
Einfluß der Landschaft und seinen Wechsel auf den jungen Menschen: wie das
Gebirge die Leistung und die Ebene das innere Sein fordert. Mit dem Takt des
Künstlers, gleich Erziehers, weiß Stifter in wahrhaft gottnaher Ruhe das zu erhellen,
wie er auch dort einmal sagt: „die Berge sind wohl jetzt von der größten
Bedeutung; aber es wird auch die Ebene an die Reihe kommen, und ihre einfache
und schwerer zu entziffernde Frage wird gewiß nicht von geringerer Wichtigkeit
sein“ . . . und es ist bemerkenswert, daß es Stifter ist, der das sagt, er, dem der Barock stets
wenig sympathisch war. Eine versteckte, noch schönere Stelle findet man aber
bei Gottfried Keller, der am Schluß seines „Dietegen“ in den „Leuten von
Seldwyla“ (1856) die Handlung, welche bisher im Gebirge nächst einem Strom
spielte, in die Ebene schlechthin, in die Lombardei, verlegt. . . . denn auf
dem Friedhof eines vergessenen lombardischen Kirchleins werden Dietegen und
sein Weib die letzte Ruhe haben, nachdem sie in Gottes Frieden - „Gottfried“ -
eingegangen sind.
Sehr eindringlich spricht auch
Rilke zum Thema, auch an entlegener Stelle, in seinem beinahe verschollenen,
guten Buch über „Worpswede“ (1902), wo er sagt: „Wir leben im Zeichen der Ebene
und des Himmels“. Das sind nur wenige Worte, aber sie umfassen ein Erlebnis:
die Ebene. . . . denn diese ist das Gefühl, an dem wir wachsen; wir begreifen
sie nicht, aber wir durchwandern sie, und alles wird plötzlich bedeutsam und
entzieht uns der Paradoxie des irdischen Seins: der große Kreis des Horizontes
und die wenigen Dinge, die ganz einfach aber wichtig vor diesem Horizont
vielleicht stehen, ein Waldrand, die Silhouette eines Dorfs, ein ferner Turm,
ein Tempel, etwa - in Schwetzingen - der Dom von Speyer drüben, wie ein
Schmuckkästlein Gottes mit Griffen daran. Aber dieser Himmel selbst ist es, von
dessen Dunkel- und Hellwerden jedes von den Millionen Blättern der wenigen Bäume
und Sträucher zu erzählen weiß. Stärker noch, dann, wenn leere Ebene und
„plaine“ ist, wie bei der sanften Beauce südwestlich von Paris, durch die man
vielleicht an winterlichem Frühmorgen fährt, unter einem grauem Himmel mit
zitronengelben Streifen im Osten, und man sieht lange, ohne zu erreichen, die
Kathedrale von Chartres stehen, in viel Wind wird, dann ziehen die Sterne auf
und die Sternbilder wandern ebenfalls über die Ebene, über „gedrängten und
ungeräumigen Himmel, der über Städten, Wäldern und Bergen ist“.
Einst, Mitte Juni 1788, machte
der damals achtzehnjährige Friedrich Hölderlin von Maulbronn aus seine erste, selbständige
Wanderung und Reise westlich, nach Bruchsal, Speyer, Schwetzingen und Mannheim;
das Reisetagebuch darüber ist erhalten, in Briefform gab er sich darinnen - und
es findet sich - 1788! - das literargeschichtlich überaus wichtige
Ebenenerlebnis des Dichters, dessen Zeit nun langsam gekommen zu sein scheint.
Dieses Zeugnis steht in der Mitte des ganzen Berichtes wie eine Achse, es ist
spontan, unliterarisch und sehr lebensnahe; zum erstenmal, noch schüchtern und
beinahe unbeholfen, spricht der moderne Mensch über das Wichtigste in
künstlerischer Erhobenheit: „von Bruchsal aus . . . passierte ich meist dicke,
schauerliche Waldungen, so daß ich außer meinem Weg kaum drei Schritte weit
umsehen konnte . . . endlich kam ich wieder ins Freie. . . . eine unabsehbare
Ebene lag vor meinen Augen und lange hielt ich still. Der neue, unerwartete
Anblick einer so ungeheueren Ebene rührte mich. Und diese Ebene war so voll
Segens. Felder, deren Früchte schon halbgelb waren, - Wiesen, wo das Gras, das
noch nicht abgemähet war, sich verneigte - so hoch, so reichlich stand es - und
dann der weiten, schöne, blaue Himmel über mir
- ich war so entzückt, daß ich vielleicht noch dort stünde, wenn mir
nicht gerade vor mir das fürstlich-bischöfliche Lustschloß Waaghäusl in die
Augen gefallen wäre . . .“
Dieses ist die Ebenenlandschaft,
darinnen als Mittelpunkt Schwetzingen sich anmutig und voll eigener Würde
ausbreitet, ohne anspruchsvoll zu werden. Natürlich denkt man dabei stets an
Versailles, woselbst die Idee und Erfahrung der Ebene von einem gewaltigen
Potentaten ins Ungeheure gesteigert wurde, ohne daß es zur Gewaltsamkeit
gekommen wäre. Das macht, weil hier wie dort man es vermochte, die Ebene trotz
menschlicher Kulisse gelten und wirken zu lassen und doch mittels der Kulisse
dem Menschen in seiner schweifenden Ebenenfreudigkeit so etwas wie einen Riegel
vorzuschieben. Das Geheimnis der Menschenführung im Barock dürfte darin zu
erkennen sein, daß es dem Bauherrn und seinem Gartenkünstler als ganz besondere
Gnade verliehen war, die Gesinnung seiner Anlage mit dem Bewußtsein der großen
Ebene unter dem Himmel und der enormen Bühnenhandlung des menschlichen Daseins
in einen Einklang, in eine Harmonie zu bringen. Dabei konnte die Geste, die
Massierung und auch der Schnörkel da und dort etwas weit gehen, und das tat er
wohl auch; aber die Kraft des Barock beginnt in den umfassenden Seitenflügeln,
zeigt sich in Berninis Kolonnaden von Sankt Peter, steigt zur Waldkulisse des
Gartens, welcher die Ebene draußen nicht etwa verleugnet oder verniedlichen
will, sondern der sie samt dem Gebäude bejaht und damit einer Art von Freiheit
Raum läßt, deren Großzügigkeit das Geheimnis des göttlichen Schöpfers jener so
eigenwertigen und hochgesetzlichen Epoche bleibt.