Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1
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Dr. Adolf von Grolman - „Agnes Günthers Vision“

 

Karlsruhe, Kriegstr. 286 - abgedruckt im „Merian“, 15. 9. 1950 - 3. Jahrgang Heft 5 - Das Monatsheft im Hoffmann und Campe Verlag

 

 

„Agnes Günthers Vision“

 

Die Hohenloher Hochebene, von Jagst und Kocher tief durchschnitten, bietet, insbesondere in der Gegend von Langenburg mit dem weiten, weiten Ausblick über Tal und Ebene hinweg ein eigenartiges Landschaftsbild unvergeßlicher Art. Denn dort, wo bei dem Crailsheimischen Schloß Morstein die Reiherhalde ist, - die uralte Halde jener Reiher, die Hans Thoma für seine Traum- und Sehnsuchtsvögel zum Modell nahm, blickt man hinüber auf die große Landzunge, welche der Tiefeinschnitt der Jagst bildete, gekrönt von Schloß und Stadt Langenburg hoch droben, in der weiten Ferne und im großen Lichte strahlend. Viel Wald, Auf- und Abstieg ins Jagsttal, ferne Burgen, ferne Dörfer, unsäglich prächtiger Wechsel von Wolkenbild und aller Art der Beleuchtung bei Tag und bei Nacht, eine einsame, weite Gegend, in der es stets ein Drüben, ein Bild, eine Art von Szenerie gibt, ein gewaltiges Draußen und ein heimeliges Drinnen: dort ist das Hohenloher Land und dorthin paßt so ganz innig, wie es im alten Choral heißt:

 

mein sehnend Herz so groß Verlangen hat

und ist nicht mehr bei mir:

weit über Berg und Tale

weit über blaches Feld

schwingt es sich über alle

und eilt aus dieser Welt . . .

 

Hier muß man wissen, daß die württembergisch-schwäbische seelische Möglichkeit nicht nur ihre Landschaft allein hat, - deren hat sie viele, den Staufen, den Neuffen, das lange Feld, Urach . . . wer nennt das alles? - - - sondern die alte schwäbische Frömmigkeit, die in manchem „Pietismus“ genannt werden kann, dabei aber etwas anderes ist, denn „pietistisch“ . . . diese Frömmigkeit lebt, west und stirbt in ihrer Landschaft, als einem Garten Gottes, ganz so, wie Hölderlin Schwaben als Hellas sah! Das durchdringt einander wechselseitig. Die alte, schwäbische Frömmigkeit ist das exakte Gegenteil von Pantheismus, sie ist gewiß weder naturbedingt noch naturschwärmerisch, aber sie gehört in ihre, diese jeweilige Landschaft: es sind nicht nur die „frommen Schwabenväter“, Bengel, Oetinger, Rieger, dazu Philipp Matthäus Hahn und Michael Hahn, es sind auch die Frauen von der Beata Sturm her hin zu Friederike Hauffe - und zu der viel umstrittenen Agnes Günther, einer Dichterin, von welcher - und das war ein Fehler - 1913 zunächst nur ein Werk: „Die Heilige und ihr Narr“ bekannt, allzu bekannt wurde, - während ihre anderen Werke, ohne welche man das Hauptwerk wahrscheinlich mißversteht, später veröffentlicht wurden und von vielen Kritikern gar nicht gekannt sind, so daß ein Zustand großer Verworrenheit eintrat, der heute noch fortbesteht.

 

Um schwäbische Religiosität und Dichterturm zu verstehen und nicht völlig mißzudeuten, muß man das Land kennen, nicht nur aus einigen Gedichten Mörikes Schlagworte wissen, sondern das Besondere dieser durchaus dem Mystischen zuneigenden Landschaft dort erlebt und erwandert haben. Dann wird man gewahr, was zum Beispiel Georg Schwarz in seinem unvergleichlichen „Flattich“ erzählt: „Im Silberfluß des Lichts ertrinkt das Land mit Tälern, Hügeln, Schloß und fernem Wald, daß nur eine gleißende Lichtspur verbliebe, wenn die Dinge auf einmal hinzuschmelzen begönnen oder sich dem Lichthimmel vermählten, der seine wachsende Wolkenstadt näher und näher ums Herz der Sonne baut und der irdischen Feste mit göttlichem Triumph über den Häuptern glänzt“. Und für das Hohenloher Land bei Langenburg gilt das ganz besonders, denn wer von Schloß oder Stadt Langenburg nachdenklich und lange ins Tal hinab und in die Weite hinausgeschaut hat, dem wird das gegenwärtige irdische Leben nahe um ihn herum zum Gleichnis für etwas Großes, ganz Fernes, das draußen ist und das vor allem drüben ist, jenseits alles Begreifens und Verstehens: dies ist der heikle und zarte Punkt, wo das Mystische in den derben Vordergrund der schwäbischen Seele eintritt, und wo die Frömmigkeit plötzlich ein doppelsinniges Erleben vom „Wort“ kennt, ein Mithinüberschwingen mitten im gegenwärtigen Alltag, hinaus in die Weite, hinein in den Wald, hinab ins Tal und ins Verließ der Seele und zuletzt hinüber in Gottes Luft und Weite in Sonnenschein und Wind! mag dabei aller Vordergrund banal und hausbacken und blöde sein und bleiben, wie ein Roman aus der Gartenlaube von einst, . . . einerlei - es ist der heimliche Ton, der ferne Klang aus der evangelischen Ewigkeit. Das hat mit aller Romantik aber auch nicht das Geringste zu tun! Es wäre völlig verkehrt, wollte ein literarischer Kenner und Feinschmecker, ein Mann der Dichtung und Ästhetik, es unternehmen, mit einer Dichtung, wie es „Die Heilige und ihr Narr“ ist, ins Klare und Reine zu kommen: denn das, was dort nach Dichtung und Literatur aussieht, ist das ganz Nebensächliche, und jener ästhetische freisinnige Kenner wird zu jenem, worauf es dort ankommt, niemals gelangen, weil er die Landschaft nicht kennt und die evangelische Frömmigkeit tiefmystischer Art nicht hat, welche dort aus und eingeht, Gottes und der ewigen Seligkeit in Ihm gewiß. Damit aber hat sich der Weg abgetrennt, die Kreuzung ist erreicht, und war seinerzeit, als „Die Heilige und ihr Narr“ 1913 erschien, um so mehr erreicht, als damals man den religiösen Dingen noch viel spröder gegenüberstand als heutzutage.

 

Um es zu wiederholen: schwäbische Frömmigkeit hat sich im Hohenloher Land ein großes Prosawerk geschaffen, darin aller Vordergrund nach der kleinen Residenzstadt Langenburg und dem dortigen Hof samt dessen ganzer Umgebung zu schauen scheint, ein zweibändiges Erzählwerk, darinnen die kleine Prinzessin von Brauneck, ein sehr phantasievolles und sensitives Kind, in allerlei früher Ahnung längstvergangenen Leids und Schicksals heranwächst, ihren großen Freund aus der Kinderzeit jung heiratet, eine wahrhaft märchenschreckliche Stiefmutter erduldet, von ihr tödlich verwundet wird, . . . und stirbt, indes ihr Gemahl, ein Künstler aus der Zeit um 1900 und Graf dazu, all die Ahnungen und Visionen mehr oder weniger deutlich miterlebt, um samt seinem Söhnchen auf dieser irdischen Welt zurückzubleiben - Rosemarie heißt die Prinzessin, ihre heimliche, etwas gespenstische Ahne von 1672 ist Gisela, die „Hexe“, die verbrannt wurde. Agnes Günther, die Dichterin, hat mit einer sehr genialischen Hand mancherlei zueinander gebogen, die Geschichte des Ortes Langenburg bis vor den Dreißigjährigen Krieg hin, das höfische Milieu der Familie Hohenlohe-Langenburg (was konnte anders passieren, als daß viele das Ganze völlig irrigerweise als eine Art nichtskandalösen Schlüsselromans nahmen, der er nie war!), dazu Ahnung und Vergangenheit, schwäbisches Spüren der Geister von Einst um uns herum, und das Ganze in der Landschaft, die so viel stärker, als alle Vernunft den Verlauf dieser Dinge beeinflußt und bestimmt.

 

Dem ersten Fehler folgte ein zweiter Fehler. Dieses Buch wurde samt dem Vornamen „Rosemarie“, ein gewaltiger Erfolg, der Verlag entschloß sich, zu spät, die früheren Dichtungen der Autoren, ohne welche man das Schlußwerk - unvollendet, wie es ist - nicht im Tiefsten versteht, endlich zu veröffentlichen, dazu Postkarten; und alle Jugend strömte wandernd und schwärmend ins Land Hohenlohe, nach Brauneck, Torstein, Schloß Schweigen, Reiherhalde, Römerwiese, talauf, talab, - - und damit verlor das Ganze seinen Adel beinahe völlig. Zweimal wurde der „Roman“ auch verfilmt - unübertreffliche Paradoxie! - und heute hat, losgelöst von alledem - diese Dichtung ihre eigene Kraft für Jene, die bis zu ihr vordringen.

 

Agnes Günther, geb. Breuning (1863-1911), hatte die Gabe, visionär in Archive, alte Geschichten, Gotteswort und ferne Landschaft zu schauen, indes sie die Ehefrau des Theologen Rudolf Günther war, und als solche, mehr denn zehn Jahre, als Pfarrfrau in Langenburg von 1891 lebte; damals, um 1891 und die folgenden Jahre rang die junge Pfarrfrau noch nicht mit den Aufgaben, die ihr nachher in Marburg als Professorenfrau entstanden, damals war sie auch noch gesund, damals brauchte sie nicht an die Riviera und nach Davos zu reisen . . . sie sah den Kleinstadtbetrieb drinnen und die ewige Weite draußen, und alle Chronik von Hof und Stadt wurde ihr lebendig, die Seelen grüßten einander durch die Jahrhunderte hindurch, das Drinnen ward Draußen und das Oben ward Unten: es hub jener beseligende mystische Zustand der Gleichschau bei der Dichterin an, sie lebte in ihren Sinnbildern, als ob es Menschen wären, indessen ihr Menschen, Wirklichkeiten und Ränge schwanden in einem fein aufwirbelnden Ruch voller Leichtigkeit und Duft, wie er bisweilen in stiller Mittagsstunde über dem Kamin eines einsamen Hofs im Tal oder auf der Hochebene in dem Hohenloher Land liegen wird, daneben ferne dräuende Gewitter, jäh heranbrausende, gräßliche Angriffe hexenartig übersteigerten Wetters; - und mitteninne die ewige Stille des Christen, die „trnquillitas animi“ des Heiligen, so wie es Grünewald auf der Seitentafel des Isenheimer Altars malt: „Gottes Will kennt kein warum“ - das ist das A und das O dieses frommen Buchs, das äußerlich aussieht wie ein nicht ganz geratener Gesellschaftsroman in der Manier von Fontane, ohne dessen Kunst zu „sehen“ . . . - im wesentlichen ist das Werk nicht in Marburg geschrieben, sondern von dort floh die Dichterin ins Hohenlohesche zurück, nach Herrentierbach, wo der uralte Boden und die Nacht und das Rauschen der Erdmächte ihr eingaben, was eine spät nochmals wiedergeborene Seele zu leiden haben wird: denn der Inhalt dieser Dichtung ist „Landschaft - Leiden - Lehre“ . . . will heißen: auf den mystischen Schwingen, die sich einst und immer wieder über jenes Hochebenenland mit seinen zwei tiefeingerissenen Tälern breiteten, naht sich, ahnungsvoll und schuldlos, eine Seele, mit allen Erinnerungen an einst, und sie wird mit dem Engel „Leiden“ streiten, und „Frau Trost“ wird lange zögern mit ihrer Hilfe, und sie wird an Leid, Liebe und Sichbeugen nochmals alles durchmachen, denn vor Gott ist die menschliche „Zeit“ nicht vorhanden und bei ihm ist kein Ding unmöglich; damit wird aller bürgerlicher und höfischer Vordergrund aus der Zeit um 1900 zur geschickten Staffage, die sich mitten in jener alles bewahrenden Landschaft spiegelt im bürgerlichen und höfischen Vordergrund um 1672, also der Zeit der späten Gegenreformation: der Geist beider Reformationen steht insgeheim wieder gegen einander auf, die Mächte haben ihr Gut und Böse von einst nochmals zum Kampf und zum Austrag zu bringen, und Rosemarie, ehedem Gisela genannt steht zwischen alledem mit einem verwundeten und lange duldenden Herzen, dem nichts erspart wird, je komfortabler äußerlich es zuzugehen scheint. Denn aller Komfort geht vorüber, es bleibt aber die harrende Seele und es bleibt der evangelische alte Choral samt den Sätzen Bachs, ihn zu singen. Damit hat das Erzählungswerk von Agnes Günther endgültig jenen literarischen Boden verlassen, auf den irrigerweise die Zeitgenossen es stellen wollten; jetzt, nach bald vierzig Jahren, erkennen wir im Blick auf die Landschaft so ganz deutlich, wie vergänglich alle Staffage von 1672 oder von 1900 ist, wir haben so viel Unbegreifliches erleben und miterleben dürfen, daß uns diese Dichtung keine Rätsel aufgibt, sondern gerade von einem Zuviel an Literatur frei machen kann, durch die mystische Schau in die fromme Landschaft. Wie trägt der Mensch voller Ahnung von der Ewigkeit sein körperliches und seelisches Leid durch diese irdische Welt? - durch Leiden! Im Leiden liegt die Lehre. Welche? die der Bergpredigt und der evangelischen Choräle, die wir singen. Wo vollzieht sich der Gruß  der längst abgeschiedenen Seelen mit jenen, die heute leben? in der Landschaft beider, dort, wo sie zu Hause gewesen zu sein schienen, wo sie einst gelitten haben und heute leiden, sehr wohl wissend, daß wir hier keine bleibende Stadt haben, „sondern die zukünftige suchen wir“? und was ist dabei „groß“? und was „klein“? die Ewigkeit ist es, die größer ist, als alle Vernunft und alle Ästhetik, und die weiter, viel weiter ist, als der weiteste Blick über Tal und Feld im Hohenloheschen: es ist das Bewußtsein, daß unser irdisches Tun und Tagwerk Stückwerk ist, und daß der kühle Morgenwind der Ewigkeit übers Land hinfährt und alles wegbläst, was vor Gottes Ewigkeit doch keinen Bestand hat, und dieser kühle Morgenwind geht jener Sonne voran, welche nachher aufgehen wird, wenn die lange Nacht vorüber sein wird.

 

Agnes Günter war weder ein religiöses, noch ein dichterisches „Genie“! sie hat das auch nie sein wollen! sie war vielmehr eine schwäbische, ahnungsvolle und treue Pfarrfrau und Mutter ihrer Kinder, die sich in jene Tiefe der religiösen Gewißheit gefunden hatte, wo das Leid ein fruchtbaren Segen wird und wo der Schmerz getragen wird in furchtloser Nachahmung des Heilands, der vom steilen und engen Weg sprach und von der Freude und von der Wiederbringung.

 

Man hat mehr als fünfzig Jahre Adalbert Stifter mißverstanden, bis man nach dem Krieg 1914/18 dort war, wo Stifter zu den Menschen sprechen konnte, erst im Nachsommer, dann im Witiko, - und man wird wahrscheinlich entsprechend lang nach dem Krieg von 1939/45 dahin gelangen, das Eigentliche am Werk der Agnes Günther zu erkennen und nicht wie bisher, die Staffage und das Nebensächliche; das Eigentliche aber ist das Wissen um die Losgelöstheit der Seele von allem Irdischen, das je und je sie am falschen Platz und zur falschen Zeit festhalten könnte. Ferner das Wissen, daß alle Kunst und Dichtung nur dann eine solche ist, wenn sie gekräftigt ist mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit und nach der Lehre eines langen, langen Leidens.



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