kursive Daten stehen jeweils für eine Briefkarte, alle hier
aufgeführten Briefe und Karten befinden sich im Besitz des
Buddenbrookhauses mit einer Ausnahme. Die mit einem * versehenen Datum wurden vom S.
Fischerverlag in Thomas Mann Briefe II 1923 Frankfurter Ausgabe 2004
veröffentlicht, die mit zwei ** versehenen Karten und Briefe in dem vom
Buddenbrookhaus veröffentlichten Begleitband "Ihr sehr ergebener Thomas
Mann" der mit einem + versehene Brief befindet sich im Thomas Mann Archiv, Zürich.
10.09.1916 an Adolf
von Grolman, Reg.16/Ä78b S.646-648
Handschriftlicher
Brief (Buddenbrookhaus Lübeck).
Sehr geehrter Herr]Der aus Karlsruhe stammende Adolf von Grolman
(1888-1973), ein promovierter Jurist, gab 1916 seinen juristischen Beruf auf,
um sich der Literatur zuzuwenden. Nach seiner Habilitation in Germanistik 1918
wurde er Privatdozent in Gießen; drei Jahre später ließ er sich in Karlsruhe
nieder, wo er fortan als Privatgelehrter und Schriftsteller tätig war. Unter
seinen literaturhistorischen Arbeiten: Adalbert
Stifters Romane (Halle 1926); Kind
und junger Mensch in der Dichtung der Gegenwart (Berlin 1930); Europäische Dichterprofile, 3 Bände
(Düsseldorf 1947-1949). Der erste erhaltene Brief Thomas Manns an Grolman
datiert vom 28. 6. 1914 (Reg.14/51a) Darin bedankt sich Thomas Mann für einen
Brief Grolmans und bat ihn, „ein paar Skizzen zu schicken, die Sie für Ihre
besten halten“.Die übersandten Arbeitsproben enthielten u. a. einen Roman, den
Thomas Mann überaus kritisch beurteilte (vgl. nachfolgende Anmerkung). Der
Briefwechsel setzte sich erst zwei Jahre später, im Herbst 1916 fort und währte
bis Herbst 1927. Grolman war häufig bei Thomas Mann zu Besuch (vgl. Tb, 1918
bis 1921 und den Brief an Hans von Hülsen vom 18.3.1917). Nach dem Wegzug Grolmans
nach Gießen wurde der Briefaustausch immer spärlicher. Anlässlich einer Lesung
in Karlsruhe schreibt Thomas Mann an Grolman am 20.11.1927 lediglich (Reg. 27/196a):“Aber
die Hand wird man sich ja jedenfalls drücken können.“Vgl. Rütten 2003.
3-4 unserer Korrespondenz von damals] Erhalten sind ein kurzer
Dankbrief Thomas Manns vom 28.6.1914 und ein längerer Brief vom 10.7.1914.
Darin äußerte sich Thomas Mann kritisch über die ihm zugesandten Arbeiten
Grolmans (Reg. 14/55a):“Sie werden nicht überrascht sein, wenn [meine Meinung]
vor allem dahin geht, dass die kleinen Sachen –von der Einsamkeit-wenn nicht
absolut so doch vergleichsweise unbedeutend sind. In Betracht kommt der Roman,
er hat mich sehr ernst und sympathisch angesprochen, vielleicht aus dem besonderen
–Grunde, weil er so unverkennbar autobiograpphisches Gepräge trägt und weil ich
zu den Lesern gehöre, die das Autobiographische den kunstvollsten Fiktionen vorziehe. Ich glaube nicht
fehlzugehen, wenn ich urteile, dass der Wert des Buches in seinem menschlichen
Teil beruht, es ist anziehend durch seine zarten und distinguierten
Bekenntniswerte. Von der künstlerischen Seite betrachtet, giebt es sich als das
Produkt eines hochkultivierten und zart besaiteten Diletantismus, der mit
Talent oder Untalent an sich noch gar nichts zu thun hat und über dessen
Zukunft – wenn Sie Ihr Leben darauf stellen – zu entscheiden, in diesem
Augenblick ganz unmöglich ist. Ob Schicksalsfähigkeit und mitteilende
Leidenschaft ihn zu eigentlichem Dichtertum werden ausbilden können, wer will
das sagen! Das ist eine innere Frage, die zu neantworten höchstens Ihnen selbst
zukommt. Von der Verantwortung jedenfalls, Sie angesichts dieser Arbeiten
aufzufordern, Ihren bürgerlichen Beruf zu verlassen und sich der Literatur in
die Arme zu werfen, scheue ich für mein Teil zurück. Nicht als ob die Sachen
nicht viel, viel besser wären, höher ständen, als Vieles, was gedruckt wird;
und wenn Sie darauf aus sind, so wird man sie Ihnen gewiß gerne drucken. Aber
so gut, dass sie unbedingt gedruckt werden müssten, sind sie nicht. Diese noch
nicht. Was kommen kann, was Sie in sich haben, was Erlebnis und Liebe zur Kunst
aus Ihnen werden machen können und was folglich Sie werden machen können – nochmals, das weiß ich nicht, und das
kann heute niemand wissen.“
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zu Ihrem Euntschluß] Grolman
hatte im Juli 1916 seine juristische Tätigkeit definitiv aufgegeben und sich zu
einem geisteswissenschaftlichen Zweitstudium entschlossen.
7 Ihres kritischen Aufsatzes]Adolf von Grolman: Eine Monographie über Thomas Mann. In: Pyramide, 7.9.1916 (in Thomas Manns Nachlass mit der Widmung
„ehrerbietigst überreicht. Grolman 7. Sept. 1916.“ erhalten). Darin heißt es u.
a. Ueberraschend ist auch der Vergleich des –Tod in Venedig- mit Goethes
Wahlverwandtschaften in dieser – doch recht äußerlichen – Art und Weise.
Allerdings liegt ein solcher Vergleich nahe und ist sehr interessant und
[An Adolf von Grolman]
München
den 24. IV. 1917
Lieber Herr von Grolmann:
Ich erhielt Ihren Gang nach Emmaus
vor einigen Tagen vom Verleger – in Ihrem Auftrage, wie ich fast annehme – und
hätte Ihnen für die schöne, ernste Herzens- und Geistesgabe längst gedankt,
wenn ich nicht seit meiner Rückkehr aus Mittenwald täglich Ihres telephonischen
Anrufs gewärtig gewesen wäre, den meine Frau mir in Aussicht gestellt hatte.
Ich dachte dann einen Nachmittag wieder einmal mit Ihnen festzusetzen, an dem
wir zusammenkommen und über Ihre Arbeit sprechen könnten.
Es liegt mir ab solchem Gespräch,
denn ich fand mich merkwürdig gut vorbereitet, das kleine Buch aufzunehmen, den
Geist, die Lebensstimmung zu würdigen, woraus es hervorgegangen.
Sie wissen, dass diese Kriegszeit
mich zu intensivstem Nachdenken über mich selber angehalten hat, - der Anlaß
dieses Nachdenkens spricht vielleicht für seinen moralischen und einkehrhaften
Charakter, durch den es sich von Selbstbespiegelung einigermaßen unterscheidet.
Wenn ich mich frage, was Menschen Ihrer Art an und in meiner bisherigen
Produktion gefunden haben, so muß ich mir antworten, es ist das ethische
Element darin, als welches aller mitgehenden Artistik ungeachtet niemals
gestatten wird, mich unter die Aestheten zu rechnen. Ich habe das eigentlich
immer gewusst, intellektuell nach allen Seiten hin klar geworden ist es mir
erst jetzt und die Erkenntnis ist mir wert und wichtig. Ich hörte kürzlich zum
zweiten Male die Matthäus-Passion – ich kann nicht sagen mit welcher intimen Ergriffenheit, mit welchem
Gefühle seelischen Zuhauseseins. Ich erinnere mich, dass der junge Nietzsche
sie in Basel in einer Charwoche 3mal hinter einander hörte, und der Briefsatz
klang mir im Ohr, den er um jene Zeit an Rohde schrieb (‚und der mir, als ich
ihn vor vielen Jahren zum ersten Mal las sofort entscheidenden und
unzerstörbaren Eindruck machte): „Mir behagt an Wagner, was mir an Schopenhauer
behagt: Die ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft. „Er hat dieses Behagen“, das er freilich zur
furchtbarsten Tragödie der Geistesgeschichte entwickelte, nie verlernt, und
seine letzte Unterschrift unter jenen Wahnsinnszettel an Brandes lautete; „Der
Gekreuzigte“. Sie haben da aber in einem Satz von echt Nietzsche’scher
Musikalität jene Neigung und Stimmung zusammengefasst, die die Grundneigung und
–stimmung auch meines Lebens und der Kern meiner Liebe und Zöglingsdankbarkeit
für jenes „Dreigestirn“ ist. Wo ich sie finde und fühle, bin ich zu Haus. Ist
eine nordisch-protestantisch-ethisch-dürerische
Atmosphäre etwa, in der das Griffelewerk „Ritter, Tod und Teufel steht . . .
Nietzsche stammte aus einem
protestantischen Pfarrhause. Wagner endete beim „Charfreitags-Zauber“. Und wenn
der moderne Protestantismus geneigt scheint, das Religiöse über dem Ethnischen
zu vernachlässigen, so finde ich nachgerade, allmählich und ohne im Geringsten
stürmisch vorzugehen, Grund mich zu fragen, ob in gewissen Fällen das Ethnische
nicht ein Weg – zur Religion sein könnte.
Das führt sehr weit. Ich wollte mit
diesen fragmentarischen Sätzen nichts, als Ihnen andeuten, inwiefern Ihr
Büchlein mich bereit und empfänglich fand. Ich habe es mit Rührung gelesen. Sie
werden das Oratorium selbst komponieren? Ich wünsche Ihnen Künstlerkraft dazu!
– Aber wir sprechen weiter darüber, wenn Sie einmal bei uns sind.
Mit besten Grüßen der Ihre
Thomas
Mann
25 [An Adolf von
Grolman]
Tölz
den 23. VII. 1917
Lieber Herr von Grolmann,
ich schicke
das kritische kleine Manuskript mit vielem Dank zurück. Der arme M. kann ja im
Grabe von Glück sagen, dass es nicht erschienen ist. Mein Gott Sie waren zu
streng. Das Buch war fürchterlich unreif /ich meine „Tag und Nacht“), aber als
Dokument weder unsympathisch noch auch ganz uninteressant, Ich sage „war“ denn
im Präsens kann man ja schon nicht mehr davon reden “Heimkehr“ freilich opfere
ich Ihnen völlig. Ich habe dem jungen Menschen meine sehr geringe Meinung
darüber seinerzeit nicht verschwiegen.
Chamberlains
politische Kampfschrift, der man als solcher aus ihrer Tendenzfrömmigkeit doch
keinen Vorwurf machen dard, habe ich nur darum mit einer gewissen Genugthuung
gelesen, weil sie gute Argumente gegen die Demokratie produziert und
reproduziert, und weil das meinem geistigen Gerechtigkeitssinn angenehm ist,
der sich gereizt und beleidigt fühlt dadurch, dass man die Demokratie heute zum
geistigen Dogma zu machen sucht.
Nochmals
möge Ihre Erholung gute Fortschritte machen!
Ihr
Thomas
Mann
Aber was vergesse
ich Ihnen zu erzählen! Den Ausgang „unseres Prozesses! Nun was meinen Sie? Das
Mädchen ist freigesprochen worden. In erster Instanz! Wie ich grimmig
hinzufüge. Denn schon am folgenden Morgen kam der Amtsanwalt, ein blutiger
Praktikant, der ohnmächtig gegen den jüdischen Verteidiger, einen
sozialdemokratischen Abgeordneten, gewesen war, zu uns, um unsere Einwilligung
zu erwirken, dass er die Sache vors Landgericht bringe. Es wird Monate dauern,
aber wir sind einverstanden und werden diesmal die Sache ernster behandeln. Das
Mädchen ist ein glänzender Typus, zum Erfolg im Gerichtssaal wie geschaffen,
aber eine ungewöhnlich freche und niederträchtige Person, die ihre Lektion
bekommen muß, oder die Justiz hat es auf immer mit mir verdorben.