Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1
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Lebenslauf Adolf von Grolman

Adolf Karl Friedrich Wilhelm Maximilian von Grolman „Badische Biographien“

 

         Ottnad, Bernd Hrsg.: Neue Folge Bd. 1, Verl. Kohlhammer Stg. 1982 S. 148-151:

 

          von Grolman, Adolf Karl Friedrich Wilhelm Maximilian, Schriftsteller.

         * 6. 10. 1888 Karlsruhe, er., gest. 17. 8. 1973 Karlsruhe.

         V Karl von G., Premierleutnant, gest. 1890. Mathilde, geb. Freiin du Jarrys von La Roche, gest. 1943. G Keine. Unverh.

         1907                 Abitur Karlsruhe

         1908-1911         Studium der Rechtswissenschaft in Genf, Heidelberg, München, Berlin und Freiburg

         1911                 1. jurist. Staatsexamen; Dr. jur. in Heidelberg (Thema der Dissertation: "Ausgewählte                    Streitfragen aus dem geltenden badischen Stammgutsrecht")

         1911-1916         Rechtspraktikant in Baden

         1914-1916         Schriftführer und Gesamtvorstandsmitglied des Bad. Landesvereins vom Roten                 Kreuz; mit dem bad. "Kriegshilfekreuz" ausgezeichnet

         1916                 Abbruch der juristischen Ausbildung

         1916-1918         Studium an der philos. Fak. der Uni von München

         1918                 Dr. phil. in München (Thema der Diss.: "Die seelischen Grundlagen und die                                 Verwendung von Naturerlebnissen und Landschaftsbildern als literarisch-                                ästhetisches Stilmittel in Hölderlins Hyperion")

         1919                 Habilitation für neuere deutsche Literaturgeschichte a. d. philos. Fak. d. Univon                           Gießen (Thema der Habilitationsschrift: "F. M. Hessemers                      literarische Werke")

         1922                 Wegen finanzieller Schwierigkeiten in der Inflation Verzicht auf die Gießener                                Dozentur

         1922-1924         Regierungsrat in Karlsruhe im Dienst der Entschädigungsaktion für die                                        geschädigten Auslandsdeutschen

         1924                 freier Schriftsteller in Karlsruhe

         1944                 Verhaftung durch die Gestapo

 

In seinem der philosophischen Dissertation beigegebenen Lebenslauf schrieb der damals Dreißig­jährige, er habe die (nie geliebte) juristische Laufbahn aufgegeben, weil er "je länger desto mehr die Unmöglichkeit" erkannt habe, "ethische Probleme in unserer Rechtsanwendung zu verwirklichen". Die Ehrlichkeit des Bekenntnisses ist unwiderlegt und drückt eine Haltung aus, die sich in späteren Jahrzehnten seines Lebens bestätigte. Als er nur drei Jahre danach auch die Gießener Dozentur nie­derlegte, zeigte sich aber jenseits der vordergründigen Inflationsnöte etwas Prinzipielleres: Dieser hochbegabte, eigenwillige und äußerst selbstbewußte Mann war sich jetzt endgültig darüber klar geworden, daß eine berufliche Bindung auch noch so lockerer Art seinem Wesen widerstrebte. So nahm er nach der ersten Inflation das Wagnis auf sich, als Privatgelehrter und freier Schriftsteller zu leben; fast ein halbes Jahrhundert hat er die Vorzüge dieses Standes genützt, aber auch den bitteren Kelch bis zur Neige gekostet.

 

Seit 1924 ununterbrochen in Karlsruhe lebend, entfaltete G. auf drei Ebenen eine fruchtbare Tätig­keit: Als wissenschaftlicher Schriftsteller, als Kritiker und als Sprecher vor einem breiten, literarisch interessierten Publikum.

 

Als sich von G. der Literaturwissenschaft zuwandte, hatte diese eben zwei bedeutsame Aufgaben begonnen: Die Wiederentdeckung Hölderlins (seit Forschungen von Hellingrath’s und Zinkernagel’s noch vor dem ersten Weltkrieg) und Stifter (seit der Prager kritischen Ausgabe 1918 f.). An beiden Unternehmen hat von G. schon früh teilgenommen, die Namen Hölderlin und Stifter spielen in seinem Werk bis zum Schluß eine dominante Rolle. Stilkritische Untersuchungen über "Fr. Hölderlins Hype­rion" bilden den Gegenstand der philosophischen Dissertation (Buchausgabe 1919), "Adalbert Stif­ters Romanen" ist ein Buch von 1926 gewidmet, das, vermehrt um weitere Abhandlungen über den österreichischen Dichter, 1952 als seine letzte größere Publikation neu herauskam ("Vom Kleinod in allen Zeiten"). Die Habilitationsschrift über "F. M. Hessemer" (Buchausgabe 1920), einen vergesse­nen Künstler und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts (Urgroßvater von G.s), ist in ihrer sorgfältigen, sensiblen Durchführung ein Präludium seiner besten Arbeiten. Die ersten Sätze der Einleitung kön­nen als Programm seines ganzen Lebenswerks gelten: "Die folgende Darstellung ist ein Versuch der Bestätigung literarhistorischen Gerechtigkeitsgefühls... Der deutsche Geist hat immer und immer eine Fülle von hochbedeutenden Erscheinungen gezeitigt; neben ihnen jedoch finden sich noch zahl­reiche Männer, welche - von äußeren Umständen oder infolge des eigenen Charakters dazu bestimmt - nicht leuchtend hervortraten, sondern daneben standen. Offenbar haben diese Persön­lichkeiten eine literarhistorisch eigentümliche und wesentliche Wichtigkeit; sie sind nicht etwa von minderer Bedeutsamkeit als jene >Größen< ..., sondern sie gelten als die Bewährung jener ..."

 

von G. interpretierter Dichtung und Kunst nicht im Sinn autonomer Ästhetik, sondern fragt einerseits nach der inneren Form des Kunstwerks (die weniger als ästhetischer, denn als sittlicher Wert erfaßt wird), andererseits nach dem Ethos des Künstlers, nach dem letzten Wert unter den er sich stellt (kennzeichnend für die Methodik "Literarische Betrachtung", 1930). Die ethische Frage wird vom Standpunkt eines Christentums aus gestellt, das über, jedoch nicht außerhalb der Konfessionen steht und damit ohne Enge auch dem Konfessionellen jeder Art gerecht werden kann. Erstaunlich früh schon liegen Fragestellung, Maßstäbe und Leitsterne ein für alle Male fest; in dem langen Leben von G.s gibt es insoweit keine Entwicklung, sondern nur Durchführung. Bereits 1919 sagt er in seinem Habilitationsgesuch, er bemühe sich, den ästhetischen Wirkungen in Poesie und Prosa historisch zu erschließen. Es ist klar, daß sich von G. von einem Teil der Dichtung seiner Zeit scheiden mußte, ebenso von einer Literaturwissenschaft, die sich weithin intuitiver oder rein immanenter Werkinterpre­tation befleißigte.

 

Nach den achtbaren frühen Arbeiten über Hölderlin und Stifter, einen soliden, vom starken pädagogi­schen Interesse des Verfassers zeugenden Überschau "Kind und junger Mensch in der Dichtung der Gegenwart" (1930) gelingen von G. reife Leistungen in "Werk und Wirklichkeit" (1937, darin die schöne und bisher einzige Würdigung H. Thomas als Schriftsteller), vor allem jedoch in dem großen Vor­tragszyklus "Europäische Dichterprofile" (in Buchform, 3 Bde., 1947-49) erschienen): Anhand je ei­nes Werkes in subtiler, einfühlsamer Weise Charakterbilder von 24 Dichtern entworfen; der bei von G. sonst oft störende Subjektivismus macht sich hier nur in der Auswahl geltend: Bei der deutschen Literatur wird die Weimarer Klassik übergangen zugunsten von Hölderlin, Stifter, Hebel, Rilke, Th. Haecker...

 

Philosophische Kunstbetrachtung lebt in der Gefahr subjektiver Verzeichnung und bedarf laufender Selbst- und Fremdkontrolle. Man muß es bedauern, daß die selbstgewählte Position von G. dem Zwang enthob, sich mit der Kritik  ebenbürtiger Fachgenossen ernsthaft auseinanderzusetzen. Was in "Leonardo da Vinci" (1944) noch hingehen mochte, steigert sich in "Johann Sebastian Bach" (1948) trotz tiefer Einsicht ins kaum mehr Annehmbare. - Nur bedingt in diesen Zusammenhang gestellt werden dürfen von G.s Arbeiten zur oberrheinischen Literaturgeschichte: "Wesen und Wort am Oberrhein" (1935), seinerzeit vielgepriesen und einflußreich, gehört in jene Richtung deutscher Kul­turwissenschaft der ersten Jahrhunderthälfte, welche sich in einem späten Nachklang der Romantik dem Phänomen des Volkstums zuwandte (vgl. J. Nadlers berühmte "Literaturgeschichte der deut­schen Stämme und Landschaften", 1. Aufl. 1912 f.). Wir wissen inzwischen daß die Prämisse nicht stimmt, haben jedoch auf die zweifellos gestellte Frage noch immer keine Antwort: Es ziemt sich daher, die Kritik zu temperieren.

 

Seit 1925 arbeitete von G. an der von Will Vesper herausgegebenen Zeitschrift "Die schöne Literatur" (ab 1931: "Die Neue Literatur") mit. Durch ungezählte Rezensionen in der Abteilung "Literatur- und Geistesgeschichte", große Sammelbesprechungen ("Kleinere Schriften zur deutschen Literaturwis­senschaft. Junge Literaturhistoriker und ihre Erstlinge" 8 Folgen 1929-41), Vorstellungen zeitgenös­sischer Dichtung, sowie literaturwissenschaftliche Abhandlungen erwarb sich der Verfasser in dem von dieser Zeitschrift repräsentierten kultur-konservatien Kreis höchstes Ansehen, für das die Würdi­gung des erst 44jährigen und die Glückwünsche zum 50. Geburtstag (NL 1932 bzw. 1938) zeugen. Was die Rezensionen seiner eigenen Bücher in der NL und ähnlichen Zeitschriften anlangt, wagt sich die Kritik kaum hinter Lob und Respekt hervor - womit freilich niemand gedient war, am wenig­stens von G. selbst. W. Vesper und seine "Neue Literatur" warfen sich bekanntlich noch vor dem Krieg dem Nationalsozialismus in die Arme. Wer damals glaubte, von G. gehe diesen Weg mit, irrte sehr: Der Anpassungsfähige versagte sich. Schon 1935 verblüfft die harte und kalte Rezension einer Schrift E. Kriegk’s (zumal er sonst ein behutsamer und eher wohlwollender Rezensent war), seit 1939 schränkt er seine Mitarbeit an der NL auffallend ein, und 1944 nimmt ihn die Gestapo in Haft.

 

Der Fachwissenschaftler wendet sich an einen engen Kreis. Seine Arbeiten gehen im rasch fliegen­den Strom der Wissenschaft auf; wenn sie ihren Dienst getan haben, werden sie anonym, selten, daß eine als Denkmal der Wissenschaftsgeschichte im Bewußtsein späterer Generationen lebendig bleibt. Noch flüchtiger ist das Wort dessen, der zum großen Publikum spricht; flüchtiger, auch wenn seine Wirkung vielleicht weit in die Ferne zeugt. Einen guten Teil seiner Arbeitskraft wendete von G. an populäre Vorträge in vielen Städten Deutschlands, an Kollegs der Volkshochschule, Rundfunksen­dungen, Zeitungsartikel, Aufsätze in allgemeinbildenden Zeitschriften, sorgfältig eingeleitete "Volksausgaben" großer Dichter (Eichendorff und Stifter, Insel 1928 bzw. 1934; "Texte europäischer Literatur" 1947 f.). Einiges hat er selbst in Buchform gesammelt, so "Der Kampf am Oberrhein" (1941), und vor allem die bereits erwähnten europäischen Dichterprofile". In den düsteren Jahren unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg waren von G.s Vorträge in der "Evangelisch-katholischen Arbeitsgemeinschaft" und seine Vorlesungen in der Volkshochschule Erlebnisse, an die sich gewiß viele Karlsruher dankbar erinnern.

 

Unter den veröffentlichten Schriften von G.s nehmen eigene Dichtungen nur einen ganz schmalen Raum ein. Das meiste ist belanglos, einmal aber glücke ein Wurf, der nicht vergessen werden sollte: Die "Karlsruher Novellen" von 1946. Ich wüßte keine andere Dichtung zu nennen, die so fein und wissend Atmosphäre und Geschichte der alten badischen Landeshauptstadt einfängt.

 

Eine stupende Kenntnis von Ländern, Leuten und Literaturen, vor allem aber intimste Vertrautheit mit Karlsruhe und der oberrheinischen Kulturprovinz befähigte von G. zu Überblicken und Verknüpfungen, Urteilen und Interpretationen, deren Reiz man sich schwer entziehen konnte. Unvergeßlich die Gespräche, die in ihrem lebhaften, oft überraschenden Fluß mancher Formulierung Schärfe und Schwere nahmen. Gedruckt allerdings wurde die Pointe zum Urteil; nicht zu ihren Gunsten sind manche seiner Schriften gedruckte Gespräche.

 

Der geistreich-anziehende Mann hatte in jüngeren Jahren einen Kreis von Bekannten und Korre­spondenten, dessen geistige Spannweite die Namen H. Burte, Th. Mann und A. Schweitzer bezeich­nen mögen; vor allem die Schriftsteller des Oberrheins waren fast vollzählig vertreten. Manche Beziehung brach wieder ab oder schlug gar in Feindseligkeit um, denn bequem war dieser Partner gewiß nicht. Einige Briefwechsel hat der Krieg, andere der im hohen Alter wunderliche Empfänger selbst ganz oder teilweise vernichtet; der im badischen GLA aufbewahrte, geistesgeschichtlich wert­volle Nachlaß muß leider als vorsortiert gelten. Im Gefühl seiner Überlegenheit verweigerte von G. je länger desto konsequenter, sich im Wettstreit mit Gleichstrebenden zu prüfen, und ging eigene Wege. Wissenschaft aber bedarf der Gemeinschaft, vielleicht nicht zur schöpferischen Leistung, gewiß aber zur Selbstkontrolle. Dem Einzelgänger kam unmerklich die Perspektive abhanden. Die Unausgewogenheit seiner Urteile nahm zu, und so fand er sich häufig Anfeindungen, ja persönlicher Verfolgung ausgesetzt; der Mann, dem Mitteilung und Geselligkeit elementares Bedürfnis war, geriet am Ende in die Isolierung, mit allen bösen Folgen: "Aber abseits, wer ists...?" 1944 nahm ihn die Gestapo in Haft; in den Akten so üble wie läppische Zuträgereien seiner eigenen Umgebung. Noch vor dem Zusammenbruch freigekommen, fand von G. wenige Monate danach in seinem Briefkasten einen Umschlag ohne Aufschrift: Der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler teilte im einliegenden Originalschreiben der Parteigenossin Frau von L. mit, er könne ihrer Verwendung für A. von G. nicht entsprechen und habe angeordnet, den "politisch unzuverlässigen Mann" in ein KZ einzuliefern... Ein Dutzend Jahre später erneut eine bösartige Verwicklung, doch brachte diesmal kein deus ex machina die Aufklärung.

 

Seit den sechziger Jahren führte das Alter von G. aus der Einsamkeit in die Vereinsamung. Daß er diesen Weg werde gehen müssen, war ihm klar, aber wie schwer er sein würde, bemerkte er erst, als es zu spät war: "Der Letzte macht die Türe zu..." Brief vom 6. 8. 66). Er fand keine Resonanz, suchte sie auch nicht mehr. Als Inkluse in seiner Bibliothek lebend, spann er sich in Erinnerungen ein, beschrieb Stöße von Papier mit "Pariser Romanen" etwa 80 an der Zahl (man denkt an Jules Romains' "Les hommes de bonne volonté"), die nach Vollendung jeweils sofort verpackt und abge­legt wurden, ohne daß sie ein Dritter zu sehen bekam; angeblich handelt es sich um Fortsetzungen seines 1946 erschienen Romans "Ferien". In materieller, körperlicher und seelischer Bedrängnis riß sich der Greis schließlich unter Qualen von Wohnung, Bibliothek und Zeugen der Erinnerung los, begab sich in ein Altersheim und brach auch die letzten Kontakte ab. Fünf Jahre hat er dann noch gelebt.

 

Biographie ist im Letzten nicht Schilderung, sondern Deutung. So will ich mit dem Bekenntnis schließen, was von G. mir und wohl noch vielen anderen bedeutete: Einen unschätzbaren Anreger und Vermittler, selbst da, wo er Widerspruch und Protest herausforderte.

 

Literatur Ph. Leibrecht, Adolf von Grolman, in: Die Neue Literatur Jg. 33 (1932), 58 f. (Mit Bibliogra­phie bis 1932); zur Familie: Die Neue Literatur Jg. 39 (1938) nach S. 500 (Verwandtschaftstafel). - F. W. Euler, Entstehung und Entwicklung deutscher Gelehrtengeschlechter (in: "Universität und Gelehr­tenstand 1400 bis 1800", Büdinger Vorträge 1966, hg. von H. Rössler und G. Franz 1970, 183 f., 221 f.). Bildnisnachweis Die Neue Literatur, hg. von W. Vesper, Jg. 33 (1932) nach S. 70. Verfasser dieser Biographie Dr. iur. Wolfgang Leiser, Universitätsprofessor, Erlangen.

 




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