Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1
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Gottfried Kapp: „Briefe“ An Adolf von Grolman

Leumannsche Verl. 1963: S. 444-450: Nr.168 und 169

 

An Adolf von Grolman, Karlsruhe

 

verzeihen Sie es einem Unbekannten, der es wagt, Ihnen, der sicher nicht nach Arbeit Ausschau halten muß, ein so schweres Paket ins Haus zu schicken, einen Roman in einem nicht üblichen, nicht hochzeitlichen Kleid. Ich habe selber einen nicht geringen Widerwillen bei der Lektüre ungedruckter Bücher zu überwinden und würde es Ihnen darum ohne jeden Groll nachverstehen können, wenn Ihre Nerven nicht anders wären und Sie mir das Manuskript unangesehen wieder zuschicken müßten. Warum das Buch in dieser Unform zu Ihnen kommt, liegt zu einem Teil gewiß an den vielen ihm eingeborenen Mängeln, am meisten aber daran, weil die Deutschen und Ihre Lektoren von jeher keine große Achtung vor Büchern gehabt haben, die nicht wie eine Lokomotive oder wie ein Rennwagen vorüberbrausen. Sie haben keine Ohren für schlagende Herzen, die mit Spannungen zum Zerbrechen geladen sind, und erst, wenn einer seine Würde hinwirft und auf der Straße sich in Krämpfen gefällt, bleiben sie angeregt stehen und bilden einen Haufen.

 

Zu lesen ist oft schwieriger als zu schreiben. Jene Kunst ein wenig zu beherrschen, verdanke ich zu einem großen Teil Ihnen, und das ist der tiefere Grund, der mir Mut gibt, Ihnen den Roman zu schicken. Es ist mir immer eine tiefe Freude gewesen, von Ihnen etwas über Stifter oder Hölderlin oder ein allgemeineres, an keinen verehrten Namen geknüpftes, Thema zu finden. So ist mir ein großer Reichtum fürs Leben geworden, daß ich Ihren suggestiven, klugen Fingerzeigen beim Nachsommer und Witiko folgen konnte und mir das offenbar wurde, was mir durch Jugend, Unverstand, Hast und Ungeschultsein noch verborgen war und mir ohne Ihre Hilfe vielleicht für immer ungesehen und verloren geblieben wäre. Ich habe mir für eine Lebensstrecke einen Weg gebahnt in diesem Buch; möglich ist, daß ich ihn nie wieder gehen werde, sondern von ihm aus weiter in andere Bahnen, andere Gärten, Länder und Wüsten kommen werde. Viele können in sich beschlossen leben; doch, wer die Feder aufs Papier setzt, zeigt schon an, daß er aus sich heraus und wirken und produktiv sein muß. Die Zeit der Wirkung liegt in keines Menschen Macht; aber unmenschlich wäre es, vor dieser Unkenntnis die Hände in die Taschen zu stecken, die Geduld bis zum Exzeß und so zum Tod zu treiben. Vor meinem Fenster wird jetzt Korn in die umgepflügte Erde geworfen. In jedem Samen ist eine Wintergeduld, aber auch eine Frühjahrsgeduld. Vielleicht, weil mir scheint, daß ich genug Winter kenne und ertrug, rumort jetzt das andere in mir und erleichtert mir den ungewohnten Schritt zu Ihnen. Da ich Ihnen verriet, woher mein Vertrauen zu Ihnen stammt und wie groß es ist, bedarf es nicht der Versicherung, daß Ihr Verhalten vor diesem ungewöhnlichen Tun es in keinem Fall erschüttern kann. Wenn Ihnen das ungelenke Buch nur etwas sein könnte, würde ich eine große Freude empfinden, und selbst Ihr abwehrendes oder gar verdammendes Urteil würde ich zu dem Gewinn legen, den ich bisher aus Ihrer Arbeit geholt habe. Wenn Sie nach der evon Lektüre sähen, daß ich ein Schiffer bin, der nicht auf Ihrer oder einer andern bemerkenswerten Linie fährt, so bitte ich Sie, das Buch als einen dankbaren Gruß von einem zu empfangen, der sich mit bescheidenen Mitteln müht, die Tiefen und Untiefen dieser Welt und dieses Lebens zu erloten, und dann mit freundlichen Erinnerungen weiterfährt.

                                                                       Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich

                                                                                  Ihr sehr ergebener

 

[Entwurf, Sept. 1933]

 

169 [Entwurf eines Briefes an Adolf von Grolman, Ende September oder Anfang November 1933]

 

soeben habe ich wieder Ihren Brief gelesen, und dabei ist mir eingefallen, wie diese ganze Geschichte geboren wurde. Ich habe hier einen erprobten Weg, den Kammersweg. Er zieht sich am Abhang der Waldberge hin, und der Teil der Mainebene, darin Frankfurt liegt, darin sich eine wohl nicht leichte, nicht leichtfüßige aber wie weite und in Dichtung und Wahrheit unvergängliche Jugend zugetragen hat, liegt, fern von den Bergen gesäumt, hinter denen Sie wohnen, unter ihm wie unter dem Solaro das Meer und das [hinter Frankfurt umrissene] Festland. Ab und zu spintisiere ich auf diesem Weg herum, und ich weiß nicht mehr, wie es eines Tages kam, daß mir zufällig einmal an das dumme Schicksal meines Romans denkend, Ihr Buch vor der Seele stand, klarer, schien mir, als ich es vor Jahren, wo ich es las, jemals erfaßt hatte. Mehr von Ihnen, ich schrieb es schon, kannt ich nicht, außer zwei oder drei auch schon einige Jahre alten Aufsätzen in der Vierteljahresschrift. Was Sie sonst waren und taten, wußte ich nicht, obwohl, wie sie mir jetzt gezeigt haben, das sehr und beglückend viel ist. Darum konnte ich auch keine andern als „platonische“ Absichten mit der Absendung des Buches an Sie verbinden und hatte auch keine andern. Wenn Sie mir jetzt Ihre Hilfe anbieten, so weiß ich nicht einmal, wo sie ansetzen und wie. Glauben Sie darum nicht, daß ich nun ein ganz vertrottelter und kontemplativer Mensch bin. Meine Frau hat mir eben die Zahl der Verleger vorgerechnet, denen ich das Buch angeboten habe. Es sind 25; ich zweifle, ob es noch mehr Sterne an diesem Himmel zu entdecken gibt oder wären Sie ein Sternseher der Verlage, das wäre nicht zu verachten. Auch für dieses „praktische“ Anerbieten bin ich Ihnen recht dankbar wie in einem viel tieferen und herzlichen Grade für die schöne Art, wie Sie meinen bedenklichen Wunsch erfüllt haben.

 

Absicht, mit meinem geringen Rüstzeug nun gegen Sie anzugehen, habe ich natürlich nicht; denn es ist ja genug, was mir an dem Buch selber nicht mehr behagt. Sie öffnen aber in dem Aufsatz über Wesen und Problematik der lit. Kritik unsereinem so weit und gastlich Tür und Tennen, worauf gedroschen wird, daß ich wohl ein wenig um meinetwillen, an Ihren festen und sicheren, und darum mir umso lieberen Ausführungen nagen darf. Zunächst: von Friedrich Huch habe ich noch nie eine Zeile gelesen, von Hesse vor langer Zeit ein paar gänzlich vergessene Novellen. Als ich, es ist noch nicht lange her, den Peter Camenzind zu lesen versuchte, habe ich das Buch bald zugeklappt; es erschien mir wie eine gewissen Art Feuilletons, so dahergeredet über Wichtigkeiten, die keine sind. Was Sie später über meine Erzählweise sagen, befreite mich gleich von dem Schreck, in den mich diese bestürzende „Verwandtschaft“ für einen Augenblick gebracht hatte. Bang kannte ich gut zwischen meinem 14. und 17. Jahr. Aus seiner grauen Schwermut in eine mehr purpurfarbene aufzutauchen, war eine meiner beglückendsten Entwicklungen; ich glaubte und glaube noch es sei vergessen. Er zweifelte und hoffte nichts; ich zweifle nicht minder, doch ich hoffe - zwar auch nicht viel. „auch Glück, Vater! Höten wir nicht eben den Gesang?“ Stifter las ich wie jeden und alle. Wie, haben Sie selbst gesagt, ohne Raub und mit der Dankbarkeit für jede große, reine und ehrliche Erscheinung. Doch das sind äußerliche Dinge, und nun zur Hauptsache und Ihrer immer wiederholten Frage: was wollen Sie mit dem Buch? Sie geben selber, besser und schöner als ich es je kann, die Antwort in einem andern Zusammenhang Ihres Briefes. Sie glauben das und das Gute an dem Buch bemerkt zu haben und raten mir, es um dessentwillen rechtzeitig vorzusenden, „Substanz bereit zu stellen“, wenn das und das sich begibt. Aber was begibt, was ändert sich je in Deutschland? Höchstens der Name des Unternehmers. Da hoffen Sie? - Die Geld und Arbeitslosigkeit steht gewiß nicht im Vordergrund des Romans; es ist aber genügend darüber gesagt. Ich finde, daß man, ohne ein Selbstmörder zu sein, nicht immer auf einer heißen Herdplatte sitzen kann. Wir sind alle entblößt und hungrig genug; doch ist das die einzige Wirklichkeit? Ist denn der Roman so zeitlos? Ist nicht seit 1918, vielleicht noch um viel eher, bis auf den heutigen Tag, nicht in aller Welt noch mehr als ein „Hof“, ein „Gut“ verschleudert und verloren worden? Und sollten die, die dadurch in die Rüdenkuhle verbannt wurden und doch noch leben wollten, noch Leben ahnten, darum in Unruhe sein mußten und zuguterletzt jede „Subtanz“, o Jocundus, vernichtet sahen, sollten die, die sich dann heroisch, nicht mit „Dynamik“ oder sonst einem undeutsch benannten Elan, anderes wäre unehrlich gewesen in diesen Zeiten, aufmachten und anpackten, dem Leben, das sie in seinem Wechsel erkannten, die Treue hielten, sollten sie noch eine solche Frage beantworten müssen? Sie fanden schließlich [sicher], daß ihres „Herzens Unruhe“ noch „aufgewogen“ würde: von der Schönheit, vom [reuelosen?] Tun, von der Treue zu dem Neuen, Schwererrungenen, von der Freiheit.

 

Das alles ist (wie jetzt) immer wieder Gefahren ausgesetzt, der Versuchung durch die Schwester, der Lockung zum Alten, Leichten, Ungeliebten, der Verführung zur Mutlosigkeit, der falschen Habe und Substanz, dem trügenden Scheinen (die Frau Schwemann, der Maler). - Das Echte bewahrt der Gesang, bewahrt die in aller Unruhe unbeirrbare, lebensgläubige, zum Leiden wie zur Versöhnung bereite Seele. Dieses, glaube ich, ist der ungefähre Weg in dem Buch, und wenn Sie sich dann der obern, in der Liste der „aufwiegenden“ Dinge, angeführten Bereiche erinnern - ein katholischer ist nicht dabei. Da war ich überrascht. Hier spüre ich bei Ihnen einen unbegründeten Widerstand, denn mein Katholizismus - abgesehen von einer gelegentlichen Mitarbeit bei der Germania, in diesem Jahr ein belangloses Gedicht; jetzt ist auch das vorbei, der Bekannte, den ich dort hatte, ist seit 5 Tagen neuen Herrn gewichen - erschöpft sich seit meinem 12. 13. Jahr in dem eingehenden Staunen, das ich in Anacapri empfand, wenn unser Don Salvatore am Haus, am selbstgemauerten Schweinestall, in der Außenwand des Abortes eine Keramik mit dem Bild des hl. Antonius einzementierte, um den „Laren“ und „Penaten“ des Hauses ein Opfer zu bringen. Da schimmerte durch die „katholische“ Oberfläche die heidnische Schicht, in der Bachofen zu Hause ist, wie keiner. - Sie haben neben allem diesem, einen Angelpunkt des Ganzen gesehen. Was wäre denn, in dieser nicht bejammert hingenomenen Einsamkeit, das Katholische, also das Allgemeine von Nutzen? [am Rande, ohne Plazierungszeichen]

 

Ich dachte darüber nach, warum Ihnen Rabener, bei dem ich nicht mit Unsicherheit zu kämpfen hatte, unsympathisch sein muß. Unser deutscher Humanismus hat so vielerlei Gesicht. Hölderlin, Bachofen, Nietzsche scheinen mir ein verwandtes zu haben. Winckelmann, der aber wie Goethe alle in sich faßt, (Bachofen durch seine Liebe zu W. bestätigt es), neigen für die meisten nach einer andern Seite, zu der dann auch Humboldt und Burckhardt und Stifter zu zählen wären. Wenn ich mich irre, berichtigen Sie mich bitte auf dem schnellsten Wege; doch ich glaube, Winckelmann liegt Ihnen nicht und der Name Goethes fällt sonderbarerweise bei Ihnen kaum. Aber haben diese denn von der Antike nur das trockene Maß und die Maße genommen? Sie sind beide, und Stifter, um mich sehr stark auszudrücken, auch durch den heiligen Taumel der pythischen Dämpfe gegangen, und es ist, hier stimme ich nicht mit der Ansicht Ihres Buches überein, nicht so, daß Stifter eine ganz andere Antike erlebt hätte wie Winckelmann. Wohl hat Rabener mehr von der „gelehrten“ Seite; ich bin auch für diese stillen, [rumorlosen?] Bäche, auch wenn sie nur zeitweilig Wasser führen und viel Steine, weil sie doch in den großen, ungeheuren Strom münden und mit ihm weiterfließen. Auch Nieder geht wieder, Peter van Laac „rät“ es ihm, in den Süden. Sie kehren ja alle nicht zurück in irgendeinen kimmerischen Norden. Nein, sie alle sind nur wie zeitweilig zu Besuch - am Rhein, und wieviel dort, ich denke nur ganz entfernt an die Porta nigra und dergleichen - von jener Welt für hungrige Kinderaugen zu schauen ist, das könnte einmal, schwer ist es, in dem etwas leichtsinnig angekündigten Italienbuch lebendig werden. Aber fragen Sie mich nicht: wann?

 

Nun noch über das nicht weit genug ausgesponnene Freundschaftsverhältnis. Mir scheint es genug, wenn man den Jocundus spürt, und aus der Ökonomie, die es Shakespeare verbot, um des Romeo willen den gefährlich lebendigen Mercutio länger als zwei Akte am Leben zu lassen, ging ich hier mit Absicht nicht weiter; Jocundus durfte dem „Helden“ nicht allzusehr über den Kopf wachsen, abgesehen davon, daß, wenn ihm noch mehr Raum gegeben war, kein Mensch, nur Sie allein, seinen Tod nicht nur nicht verstanden, auch, so katholisch denken bei uns nicht nur Katholiken, auch Protestanten und Juden, nicht geduldet hätte. Darüber habe ich von 25 deutschen Lektoren meine fröhlichsten Erfahrungen.

 

An Bachofen wende ich jetzt meine meisten Nachmittagsstunden. Sein gegeüber Burckhardt heißeres Blut spürt man, und so seh ich es kommen, daß ich nun wie zum ersten und zweiten auch zum dritten Mal Ihr mit leeren Händen kommender Schuldner werde. Über Burckhardt erlauben Sie mir, weiter etwas großzügiger zu denken, den „van Laacs soll man nicht alles nachrechnen bis auf den letzten Pfennig“.

 

Von Neumann habe ich wiederholt einen Aufsatz über Burckhardt, wohl der Extrakt aus dem von Ihnen genannten Buch, in der „Antike“ gelesen. Ich hatte aber den Eindruck, als wenn darin für manches „Politik“ gemacht würde, das jetzt bei uns grassiert und das ich mit Ihnen samt der Bewegung, die doch all dies Muckertum, diese Beschränktheit gerufen und genährt hat, diesen Dilettantismus gezeugt, über alle Berge wünsche. Doch das ist auch nicht meine „Wirklichkeit“, und die Epistel ist schon schlimmlang genug.



                                       



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