Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1
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„Der graue Tod“ von Dr. Adolf von Grolman

 

Eine Geschichte von der Musik, von der Liebe und von der Einsamkeit

 

1914: erste Fassung (nicht mitgeteilt)

 

1916: zweite Fassung

 

 

Die folgende Darstellung ist nicht nur ein Beitrag zur Psychologie des Verlassenseins. Wer genauer zusieht, wird gewahr werden, daß die Hauptperson immer alles auf einmal einsetzt und das allgemeine Leben des Traumes lebt, daß ihr Charakter immer gespannt ist und weit wie ihr Schicksal. Die Psychologie dieser Hauptperson ist Schöpfung, Selbstschöpfung, ihre Reflexion ist Erinnerung; sie leidet an den Gegensätzen, leidet gleichsam abstrakt. Alles erfährt sie als Gegensatz, alle Gegensätze sind ihre Erscheinung; sie leidet an ihrem Handeln und in ganz einzigem Sinn erfährt sie zuletzt sich selbst als einen Gegensatz; sie fühlt sich zugleich immer als Subjekt und Objekt, als Lügner und belegen; nichts wird ihr geschenkt, alles wird ihr zurückgegeben und hier vergolten. Diese Hauptperson trägt immer die ganze Schuld und allein die Schuld. Was immer sie tut, als Leiden wird ihr alles zurückgegeben. Ihr Handeln beschränkt sie, in der Beschränkung vermag sie sich nicht zu deuten; sie empfindet jede Beschränkung als ihren Gegensatz, - das ist das absolute an ihr, jeder Charakter ist ihr gegenüber nur relativ - und jeder Gegensatz ist ihr Leiden. Indem sie jede Tat tut, ist ihr Handeln symbolisch und der Sinn ihres Leidens und ihr Leiden. - Ich weise im Besonderen auf die schönen Ausführungen hin im zweiten Abschnitt der Studie von Rudolf Kassner „der indische Idealismus“ (Bruckmann, München, 1903.)

 

 

 

Vorgeschichte.

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            Auf dem kahlen Bergrücken, über den der Wind streicht, stehen niedrig und scheu die wenigen Gräser, die verhärmten und verkümmerten Blumen, gebeugt von der wehenden Gewalt. Sie schmiegen sich zu einander hin und der Wind schlingt sie erschauernd zusammen. So bestehen sie. Bisweilen findest Du ein geduldiges Kraut oder ein zitterndes Gras; allein. Auch an ihm klagt der Wind vorüber; aber er weht ihm nichts zu, nichts schmiegt oder rangt sich an ihm. So besteht es, bis im letzten Schein eines trüben Abends der Wind es bricht. Und dann verdorrt es in der trockenen Nacht, während der Wind klagt, als wäre etwas geschehen. -

 

            Droben auf dem Balkon des großen Hotels sitzt ein jungverheiratetes Paar und schaut in den Garten, in die Sommernacht hinaus. Jahrelang hatte eine hoffnungslose Verlobungszeit dauern müssen mit viel Trauen und wenig Trost. Schließlich hatten sie durchgehalten, und heute war der Hochzeitstag. Aber wer lange warten mußte und schließlich am Ziel seiner Wünsche steht, der kommt zu keiner rechten Freude. Warten ermüdet mehr als die Arbeit. Warten und sich Sehnen erzeugt ein Spiel der Phantasie; das ersehnte Ziel wird vom erregten Gehirn nach allen Möglichkeiten durchdacht; es ist erreicht, und gar so erreicht, wie es erträumt war, dann kommt die Müdigkeit zu ihrem Recht; der Genuß eines erkämpften Zieles ist immer durchtränkt von der bitteren Erinnerung an lange, bange Stunden. - Mit diesen Empfindungen schaut jenes junge Paar, eng aneinandergeschmiegt, in die Sommernacht hinaus. Ein Gewitter, das gegen Abend getobt hatte, war vorüber, die ganze Natur atmete schwer in milder Müdigkeit nach vergangenem Sturm, in weichem Sichbeugen. Dazu kam die Erschlaffung von der Hitze des vorangegangenen Sommertages. Ab und zu erhellte fernes Wetterleuchten flüchtig das Dunkel der Nacht. Die große Stille machte das Heiße noch unerträglicher, fachte die Erinnerung an vergangene, einsam durchdrungene Zeiten zu einem bitteren Weh an, einem Weh, das vom Gefühl des nunmehrigen Zusammenseins doch nicht überwunden werden konnte. - Allmählich erloschen die Lichter im großen Hotel; der lange Bau lag düster und weißlich schimmernd da.

 

            Ein leichter Luftzug brachte die Klänge fernen, einsamen Klavierspiels herüber; die Töne waren in der sommernächtlichen Stille sonderbar bewegt und klingend. Man hörte eine Melodie von unendlicher Ruhe und tiefer Schwermut; eigentümlich und manchmal fast schmerzend war eine rätselhafte, chromatische Mittelstimme, die sich um die Melodie wie eine Begleitung schmiegte und doch wesentlicher erschien als jene; sie erzeugte eine fremde, ergreifende Harmonie, trotz ihrer Eigentümlichkeit quälend selbstverständlich. Nach einer Wiederholung der Melodie begann es sich finster und schwer in den Bässen zu regen; eine große Steigerung erfolgte, die quälende, dauernd beibehaltene Mittelstimme schien aufzuschreien, wild, hilflos suchend, dann hoffnungslos schwer in sich zurücksinkend, verhallend. Dann kam die Wiederholung des Anfangs, immer stiller werdend, bis das ganze, in Moll gehaltene musikalische Gedicht in einem schweren dur-Accord sein unerwartetes, fast religiöses anmutendes Ende fand.

 

            Das junge Paar erkannte schon nach den ersten Tönen Chopins sechste Etüde in Es-moll. Beiden hatte sie in vergangener Zeit oft als Trost gedient, und es war ihnen eine liebe Überraschung, gerade das an ihres Hochzeitstages Abend zu hören; wie wenn in dieser musikalischen Darstellung ihrer eigenen Seelenkämpfe diese mit dem Hinweis auf eine kommende Ruhe jetzt Abschied nehmen wollte.

 

            Aber Menschen sind selten dankbar und Leidenschaft macht egoistisch. Die Erinnerung an das Vergangene begann auch bei ihnen vor der Gegenwart zu weichen; bald nachher erlosch in ihrem Zimmer das Licht. - Drinnen und draußen war Sommernacht und in einem Moment flüchtigen Erwachens meinte die junge Frau noch immer jene schmerzliche Melodie gespielt zu hören, eindringlich und leise, ganz leise aber unwiderstehlich. Und draußen brütete die Nacht und der Wind strich in den Bäumen des Gartens. - - - - -

 

            Diesem Elternpaar wurde im folgenden Jahr ein Knabe geboren, der den Namen Ernst-Emanuel erhielt; er blieb das einzige Kind, als er fast 13 Jahre alt war, verlor er bald hintereinander die Eltern. Ein entfernt verwandtes Ehepaar, das kinderlos und in guten Verhältnissen lebte, nahm sich des Waisen an. Dort, in einer anderen Stadt, sollte er bis auf weiteres bleiben. Die Übersiedlung vollzog sich schnell. Von Abschied war nicht die Rede. „Kinder gewöhnen sich schnell an, auf Stimmungen darf man bei ihnen nicht viel Rücksicht nehmen“. So hieß es und danach wurde gehandelt. - - - - -

 

 

Erstes Kapitel.

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            Ernst-Emanuel wußte nicht mehr ein und aus. Er war mit seiner neuen „Tante“ am Vormittag angekommen; man hatte den Nachtschnellzug benutzt. Die nächtliche Fahrt hatte den Knaben nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Tatsache, aus gewohnten Lebensverhältnissen heraus etwas völlig unbekanntem entgegenzufahren, genügt, um wach zu erhalten. Der „Onkel“, ein hoher Staatsbeamter, war schon einige Tage früher gefahren. So hatte Ernst-Emanuel während der Fahrt Gelegenheit, durch kleine Aufmerksamkeiten die Beachtung der neuen Pflegemutter zu erwecken. Sein stilles Werben war nicht erfolglos. Die Frau Geheimrat war jetzt überzeugt, daß sie sich in ihrem Pflegekind wenigstens keine Last aufgebürdet hatte. - - Die Nacht war vergangen: Tante schlief und Ernst-Emanuel sah zum Fenster hinaus; er sah weiß-graue Fluren und schwarzen Tannenwald, Nebel und einen trüben Morgenhimmel.

 

            Dann durfte er sich sein Jungenzimmer nach Belieben einrichten; er feierte mit den lieben Dingen Wiedersehen, die man ihm eingepackt hatte, die Photographien der Eltern und eines Schulkameraden, die Bücher, die vielen Kleinigkeiten. Dies war bald einigermaßen in Ordnung gebracht und an seinem Platz. - - Von dem Haus hatte er noch nicht viel gesehen, man erklärte ihm nur flüchtig die Lage einiger Zimmer; das Haus war zweistöckig, langhingestreckt und offenbar weitläufig, kahl und ziemlich nüchtern; es lag einsam und weitab, mitten in einem großen Garten. Menschen, die man hätte fragen können, waren nicht da, niemand kümmerte sich um Ernst-Emanuel; es lauerte erdrückend einsam in dem kühlen leeren Gebäude, ganz anders, als es früher zu Hause gewesen war. - - - Einen Mitbewohner mußte Ernst-Emanuel noch kennen lernen; man hatte ihm gesagt, er solle dem alten Onkel Harald seinen Besuch machen; dieser - sein richtiger Großonkel väterlicherseits, - wohnte in einem abgelegenen Teil des Hauses ganz für sich; der Weg dorthin ließ sich erraten; es hieß, er sei schon angemeldet und solle vor dem etwas eigentümlichen, alten Herrn keine Angst haben. Dies alles war so neu und ungewohnt, daß Ernst-Emanuel wirklich nicht mehr ein noch aus wußte. In seinem bisherigen, ruhigen Kinderdasein waren derartige Anforderungen noch nie an ihn gestellt worden. Besonders dieser Besuch bei dem alten Onkel, vor dem er keine Angst haben sollte, war bedenklich. Wie sollte er den alten Mann nur anreden? Er zögerte und zögerte; endlich mußte es sein. - - -

 

            Ernst-Emanuel stand vor einer hohen Flügeltür und zögerte wieder. Hier war es. Drinnen wurde Klavier gespielt; sein Klopfen blieb unbeachtet; er klopfte nochmals. Eine ruhige Stimme hieß ihn eintreten; er tat es und die schlanke Knabengestalt in dem schwarzen Blusenanzug stand rührend hilflos, beinahe wie erfroren aussehend, in dem hohen Türrahmen. Der Raum, den er betrat, war groß und etwas öde, mit tiefen, beinahe bis zum Boden reichenden Fenstern; er war schneeweiß tapeziert, mit schmalen Goldleisten an den Wänden. In der Mitte ein mächtiger Pedalflügel. Von der Bank vor ihm erhob sich ein großer, hagerer Mann, mit vollem, weißem Bart, und sah still vor sich hin. Ernst-Emanuel ging zu ihm, blieb vor ihm stehen. Pause. Und wie aus weiter Ferne hörte er eine müde, ruhige Stimme sagen „armer, kleiner Kerl, armer, kleiner Kerl“ - in einem weichen, fast singenden Ton, beruhigend wie eine Liebkosung; und nun noch einmal „armer kleiner Kerl“ - - - und, Ernst-Emanuel wußte nicht, wie ihm geschah, da beugte sich der Greis zu ihm hinab und küßte ihn leicht auf die Stirn. Dies war die erste Liebkosung nach dem Tod seiner Mutter; da verlor er die Fassung und im Gefühl, daß das unbegreifliche Verlassensein nun vielleicht ein Ende haben könnte, gab er den erregten, bisher mühsam beherrschenden Nerven nach; das vereinsamte Kind weinte bitterlich an der Brust des alten Mannes. Der sah beinahe verlegen auf das junge Häuflein Menschenleid, das sich da an ihn schmiegte, herab, und wie eine neue Liebkosung hörte man die müde, milde Stimme in dem weiten Raum: „armer, kleiner Kerl“ - - -. Nach einer Weile stand Onkel Harald auf und holte ein Buch. Ernst-Emanuel, der sich schon entlassen glaubte und sachte wegschleichen wollte, wurde in einen tiefen Sessel gesetzt und dann bekam er jene innige Erzählung „das kleine Meerweibchen“ aus Andersens Märchen vorgelesen, die Geschichte jenes menschenähnlichen Meereswesens, das sich so heiß und doch vergeblich bemüht, eines Menschen Liebe und dadurch eine unsterbliche Seele zu gewinnen. Und Ernst-Emanuel ahnte den beziehungsreichen Sinn hinter der bilderreichen Pracht der Märchensprache. ---

 

            Von nun an war er, zum größten Erstaunen der Pflegeeltern fast seine ganze freie Zeit hindurch bei dem einsamen, alten Mann, den er meist versonnen am Flügel sitzend vorfand. So kam es, daß er auch nach längerer Zeit so gut wie niemand in seinem neuen Aufenthaltsort kennen lernte; Schulkameradschaften schloß er keine, sondern beeilte sich nach Möglichkeit, in Onkel Haralds stilles Zimmer zu flüchten, wo allein er sich heimisch fühlte.

 

            Das schönste dort war die Musik; der alte Mann spielte viel; es war eigentlich nur beim Musizieren, daß er etwas von seiner Ruhe und Verschlossenheit aufgab; erst dabei wurde er lebhaft, bewegt, allerdings in einer Weise, die der Junge nicht immer verstehen konnte; für diesen war es der größte Genuß, still in einer Ecke zu sitzen, zuzuhören und zu träumen. Dabei war ihm, als sei nur hier in diesem lichten Raum das Leben; die draußen verbrachte Zeit galt als unangenehme Unterbrechung oder quälende Wartefrist. Der alte Herr aber freute sich, so unerwartet von einer nicht unverständigen Jugend umgeben zu sein; wenn er auch aus seiner müden, stillen Ruhe nie herausging, so entstand trotzdem zwischen so verschiedenartigen Träumern eine Art besonnen-übermütiger Kameradschaft; nur beging der ältere den Fehler, dem Hang des jüngeren zum Träumen und Hinsinnen nicht etwas mehr zu steuern; ja er unterstützte ihn vielmehr und rief gerne eine nachdenkliche Stimmung in ihm wach; gering achtete er die Tatsache des Altersunterschiedes und die große Gefahr, welche die gesteigerte Tätigkeit nachsinnender Phantasie in jugendlichem Alter für das ganze Seelenleben nach der Entwicklungszeit bedeutet. - - -

 

            Darüber waren Monate vergangen und es war Spätherbst geworden; Ernst-Emanuel war mehr denn je bei Onkel Harald. Denn dieser hatte seit dem ersten Advent seine, zum Teil alten Sammlungen deutscher Advent- und Weihnachtslieder hervorgeholt. Die innigen, frohen Weisen waren nun das Ein und All. Eines abends, als draußen die Wintersonne still-frohlockend versank, und als durch die hohen Fenster der bläuliche Schnee friedlich hereinleuchtete, da begannen sie auch zu singen, ganz schüchtern, beinahe rauh am Anfang, erst einstimmig, dann zweistimmig, immer lauter und freudiger:

 

Nun singet und seid froh,

jauchzt alle und singt so:

Unsers Herzens Wonne

leyht in praesepio

leuchtet wie die Sonnen

matris in gremio;

du bist a und o

du bist a und o.

 

Später leuchteten draußen die Sterne durch die klare Winternacht, licht und hell, als der alte Mann an das hohe Fenster trat. Während Ernst-Emanuel geduldig wartete, sah er ein Weilchen hinaus und leise summte er dabei die Schlußzeile einer späteren Strophe vor sich hin:

 

eia, wären wir da

eia, wären wir da. - - -

 

Einige Tage nachher wurde Ernst-Emanuel plötzlich aus der Schule gerufen, Onkel Harald sei unerwartet sehr krank geworden und wolle ihn noch einmal sehen. Er jagte wie ein Wahnsinniger nachhause, die Treppe hinauf, die langen Gänge entlang; der Weg wollte kein Ende nehmen; - - er kam zu spät, Onkel Harald war wenige Minuten zuvor einem Herzschlag erlegen. - - -

 

            Da ging er hinaus, unbeachtet, hinüber in das heimische Musikzimmer, durch die gleiche Tür, wie damals, als er zum ersten Mal hineingangen war; aber diesmal hörte er keine liebe, milde Stimme: „armer, kleiner Kerl“ sagen. Es war still, so fürchterlich still. Er setzte sich an den Flügel und betrachtete die vielen Tasten. So fand man ihn dort nach einigen Stunden, regungslos, willenlos. - - -

 

 

Zweites Kapitel.

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            Weihnachten kam und ging; das Fest selbst und die ganze Festzeit wurde für Ernst-Emanuel eine weitere große Enttäuschung, als eine Folge von unbewußten aber heftigen Seelenkämpfen. Denn die Feier der Liebe, als die Weihnachten ihm früher gegolten hatte, war das, was er hier erlebte, nicht. Die Erinnerung an das Elternhaus stieg mächtig in ihm auf; dort war über dem ganzen Leben und Treiben während der Weihnachtszeit jener unbeschreibliche intim - geheimnisvolle, innige Zauber gelegen, eine stille Geschäftigkeit, mit der Werke und Zeichen der Liebe vorbereitet wurden. Davon merkte man hier nichts. Wenn Onkel Harald wenigstens gelebt hätte, so wäre das Schlimmste leichter überwunden worden. Nun aber war er nimmer da, und so war alles noch schwerer.

 

            Ernst-Emanuel war kirchlich fromm erzogen worden und der Kirchgang war ihm eine Liebe, etwas gedankenlose Gewohnheit; jetzt aber wagte er ihn nicht zu unternehmen, denn er wußte wohl, daß er beim Hören eines Weihnachtsliedes nur an Onkel Harald würde denken müssen und der Kirchgang dadurch seinen Zweck verlöre. Deshalb blieb er lieber weg; aber dadurch wurde die Sache nicht besser. Gewohnheiten aus früherer Zeit sind übermächtig und die widersteitendsten Gefühle können sie nicht überwinden. So geschah es, daß er zur Zeit der Gottesdienste sich scheu bei den Kirchen herumtrieb, mit sich kämpfend, ob er nicht doch eintreten solle. Mehr wie einmal ging er heimlich bis in das Treppenhaus, das zur Empore führte, in großer Angst, er möge erwischt und weggeschickt werden, und erhaschte so ein Stücklein von der Andacht drinnen, vom leisesten Geräusch vertrieben; wie ein schuldbewußter Hund, der in kleineren und größeren Kreisen seines gefürchteten und doch gebietenden Herrn Gebiet umstreift.

 

            Darüber kam der heilige Abend; er verlief zu neuer Enttäuschung. An Geschenken fehlte es ja nicht; aber da fehlte das Singen und die Freudigkeit. Die Lichter am Baum brannten teilnahmslos. Ernst-Emanuels kleine Geschenke wurden nach einem flüchtigen Wort befriedigter Anerkennung nicht weiter beachtet. Onkel war nicht früher als sonst vom Büro zurückgekommen. Tante eilte in verspäteten Vorbereitungen und war etwas gereizt. Nach Tisch kamen zwei ältere Bekannte von ihnen, die von Ernst-Emanuel flüchtig Notiz nahmen. Die Großen spielten Karten und der einsame Junge saß mit einem Buch, das er sich nicht gewünscht hatte, und träumte zurück an früher. Er hatte gehofft, von dem Schulfreund, mit dem er Zuhause öfters zusammengewesen war, zu Weihnachten einen Brief zu erhalten, hatte auch selbst geschrieben. Er wartete vergebens und trug es schweigsam und schwer.

 

            Da - wie gewöhnlich - niemand auf ihn achtete, schlich er in Onkel Haralds noch unverändertes Musikzimmer. Es war bitter kalt dort, aber durch den Mondschein notdürftig erhellt. Nun suchte er sich mit seinen bescheidenen technischen Kenntnissen am Flügel einige Weihnachtsmelodien zusammen. Als er an das für ihn erinnerungsreiche „Nun singet und seid froh“ kam, brach er schnell ab. Außerdem war es in dem ungeheizten Raum vor Kälte kaum mehr auszuhalten. Er ging wieder hinüber zu den Großen, wo es wenigstens warm war; die saßen noch immer beim Spiel und niemand beachtete sein Zurückkommen - - -. Der Silvesterabend verlief in gleicher Weise; es wurden wieder Karten gespielt. Ernst-Emanuel ging kurz vor Mitternacht zu Bett. Er hatte am Nachmittag in einer Kassette eine alte Photographie von Onkel Harald gefunden, in reicher Uniform, ein breites Ordensband über der Brust, und hatte sie sich angeeignet. Die stand jetzt auf dem Nachttisch und der Junge starrte sie an. Über dem Geläute der Silvesterglocken schlief er ein. Das Kerzenlicht, das zu löschen er vergessen hatte, beleuchtete scharf zwei sonst fast nicht bemerkbare Falten, die von den Mundwinkeln nach unten liefen. Stiller Kummer pflegt sie zu zeichnen, aber gewöhnlich erst bei älteren Menschen.

 

            Das still und träumerisch begonnene Jahr verlief so wie es angefangen hatte. Ernst-Emanuel gewöhnte sich nicht besser an; in der Schule war er ein guter Schüler, der aber sonst wenig auffiel. Die Kameraden beachteten ihn kaum, allenfalls dann, wenn er ihnen etwas helfen konnte, was er auch regelmäßig tat. Großen Dank erntete er nicht. Zuhause kümmerte sich selten jemand um ihn. „Der Junge ist vernünftig und zuverlässig, man kann sich auf ihn verlassen“, so hieß es und danach wurde gehandelt, denn es war so sehr bequem. In seiner freien Zeit strich er ungehindert und ungestört viel herum. Dabei beachtete er genau und lernte die Stimmungen der ihn umgebenen Natur kennen. Allmählich gewann er die neue Landschaft lieb. Im September wurde er 14 Jahre alt; von da ab erlebte er in der Erinnerung nochmals all die heimlich ganz genau aufgezeichneten Gedächtnistage des vorigen Jahres, den Tod der Eltern, die Übersiedelung, Onkel Harald. So führte er eine geheimes Seelenleben, das tiefer war, als das vieler Erwachsener. Das Musizieren betrieb er leidenschaftlich, da er guten Unterricht genoß; es war eigentlich nur hierbei, daß er etwas von seiner äußeren Ruhe und Verschlossenheit hätte aufgeben können, aber niemand war da, der ihm dazu geholfen hätte. Sein einziges Sehnen, das Bedürfnis nach einem Freund, nach der Möglichkeit wenigstens, sich anzuvertrauen und auszusprechen, blieb unerfüllt.

 

            Äußerlich betrachtet war er für sein Alter ein recht großer und kräftiger Mensch; der Kopf saß fest und trotzig. Die etwas herben Gesichtszüge zeigten Ablehnung, nur um den Mund spielte oft ein weicher Zug, der sich selten abhob von den zwei bisweilen flüchtig bemerkbaren Falten, die von den Mundwinkeln nach unten liefen. Die Lider des rechten Auges waren meist ein wenig zusammengekniffen, gleichsam um den Blick zu verschleiern. Die hohe Stirn, von niemals gescheiteltem, wachsblonden Haar umhuscht, ließ auf Denkfähigkeit, die tieferliegenden, etwas gehölten Schläfen auf musikalische Begabung schließen.

 

            Die graublauen Augen blickten stets ein klein wenig erstaunt, beinahe etwas vorwurfsvoll. Obwohl sich zu jener Zeit schon Bartwuchs zeigte, war Ernst-Emanuels Stimme doch weich und etwas hoch. Beides blieb sie auch in späterer Zeit. - - -

 

 

Drittes Kapitel.

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            Es war an einem Nachmittag gegen Ende März. Draußen wütete ein Frühjahrssturm, wie schon lange nicht mehr. Es war des Winters Ende, das fühlte sich deutlich. Eine Art von ungebrochener frischer Kraft lag in diesem Wehen; abwechselnd fiel Regen und Hagel, strichweise in grauen Schwaden vom Wind an den Fenstern vorbeigefegt. Kein Mensch zeigte sich auf der Straße; Zweige brachen ab, Ziegel fielen herunter; der Wind durchbrauste alles. Ernst-Emanuel stand lange sonderbar erregt in einer Fensternische und schaute dem Wetter zu. Es war wie eine beunruhigende Angst und wie eine stille Seligkeit, die er beim Toben des Windes empfand; eine Freude des geborgenen Beobachters, still und heimlich. Während der Regen weiter klatschend gegen die Scheiben fiel, wandte er sich zurück, wo es im Laufe der Zeit sehr gemütlich geworden war, denn es war Onkel Haralds Musikzimmer, das man ihm zum Bewohnen gegeben hatte; da Ernst-Emanuel Erstaunliches in Musik leistete, so hatte man den Pedalflügel, dessen Transport doch mühsam gewesen wäre, stehen lassen, einiges entfernt und verändert und der Junge war dahin übergesiedelt. Es war das einzige Mal, daß er meinte, von seinen Pflegeeltern verstanden worden zu sein. Sein heißer Dank hatte kühle Aufnahme gefunden. Auf den Gedanken, daß man aus Bequemlichkeit jene Anordnung getroffen hatte, war Ernst-Emanuel gar nicht gekommen. In dem großen, nun auch geheizten Raum war es noch durchaus winterlich, intim, gemütlich; dies wurde gehoben durch die Unruhe draußen. Trotzdem hatte der Junge keinen rechten Sinn fürs Zuhausebleiben; die Unruhe des Frühlings steckte ihn an, er mußte gehen; es trieb ihn dazu. Inzwischen hatte der Regen aufgehört, nur starker Wind blies noch. Ihm entgegenzuschreiten war wie eine Kräfteprobe. Nur wenige kennen die sie umgebende Natur mit all ihren kleinen Feinheiten und Schattierungen. Dazu ist Verstänissinnigkeit nötig und viel liebevolles Sichversenken. Wer aber einmal ein solches Verhältnis zur Natur seiner Umgebung gewonnen hat, der erfährt vieles, erlebt Abwechslung und Veränderung, sieht ihre Freude und Trauer. Ernst-Emanuel war einer dieser Wenigen. Da er immer allein ging, lernte er alle Einzelheiten der Gegen schauen, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten, die, einzeln genommen, unwesentlich waren, in ihrer Gesamtheit jedoch das bildeten, was man -oft leichthin- den Charakter der Landschaft nennt. Die Lieblingsjahreszeit, der Winter, war nun bald vorüber. Vorbei war jene Zeit weihevoller Stille der geduldigen Erstarrung in Schnee und Frost. Die Filigranarbeit des Rauhreifes, von matter Sonne durchleuchtet und verklärt, würde man jetzt lange nicht mehr sehen. Um die Erinnerung daran zu festigen, suchte Ernst-Emanuel heute seine Lieblingswege auf, diejenigen Gegenden, in denen er das Weben des Winters am deutlichsten gespürt hatte. Es war alles verändert, erneut, gedehnt und geschwellt in Regen und zuckend im Wind. So wurde das beschauliche Gehen, manchmal nur durch einen kurzen Kampf gegen einen Windstoß beunruhigt, bald zu einem zögernden Wandern, ohne Ziel im weiten menschenleeren Wald. Die Bäume raunten einander zu, ihre kahlen Wipfel rauchten im Wind, große schwarzblaue Wolken strichen darüber schnell am Himmel hin, wie düstere, einsame Wanderer, ohne Weggenossen, ebenfalls ohne Ziel.

 

            So unruhig es war, auch diese Unruhe wurde schließlich einförmig; denn nur in bedächtiger Stille liegt die Voraussetzung zur Entwicklung einer bedeutsamen Vielseitigkeit. Deshalb bot sie weniger beachtenswertes als die Winterstille und Ernst-Emanuel beachtete sie nicht mehr; er grübelte über sich selbst, über das Alleinsein, über dessen Ursachen und vor allem darüber, ob dem abzuhelfen sei. Denn er litt darunter, wiewohl meist unbewußt; es gab aber Zeiten, da packte ihn das Gefühl des Verlassenseins hart an, dann fühlte er, daß er anders war wie alle, weil er sein eigenes Leben lebte. Mit der Zeit begriff er, daß er und die anderen sich gegenseitig unverständlich waren. Nun stellte er im Innern die Forderung, jene sollten seine Eigenart zu erkennen suchen und dadurch auch ihn lieben; er war aber noch viel zu jung, um zu bedenken, daß die Erfüllung dieses Ansinnens die Selbstaufopferung und gebende Liebe eines andern voraussetzte, die nur ganz ausnahmsweise Menschen sich entgegenbringen können. Dies alles merkte er erst später. Einstweilen aber litt er, umsomehr, wenn er von ferne beobachtete, wie die andern harmlos vergnügt zusammen kamen, sich über ihm sehr Gleichgültiges lustig besprachen, sich neckten, zankten und wieder vertrugen, immer zusammen, zu mehreren. Er aber stand ferne; jedesmal, wenn er nach einem schweren Entschluß sich jenen zugesellte, gab es Mißverständnisse, Verstimmungen, so sehr er sich auch bemühte, dies zu vermeiden. Durch das kühl-zurückhaltende Verhalten daheim war er weder an Lob noch an Tadel oder Kritik gewöhnt; bei andern hörte er solches aber öfters; es erregte ihn unbändig, wenn er selbst das Objekt war, was nur allzuhäufig vorkam, da sein ganzes Wesen stark zum Widerspruch reizte.

 

            Mehrmals hatte er den einen oder anderen Schulkameraden mit irgend einer kleinen Freundin am Arm begegnet. Seine weiten, einsamen Gänge führten ihn ja in die abgelegensten Gegenden; solche Beobachtungen erhöhten die Qual seines Alleinseins. Wildes Sehnen nach Zärtlichkeit, nach sich Anschmiegen dürfen erschütterte ihn dann; aber er ging von niemand aufgeklärt und hoffnungslos weiter; er kannte übrigens ja kein Mädchen und wußte auch nicht, wie er das alles hätte beginnen sollen, selbst wenn er eines gekannt hätte.

 

            Diesen ihm gleichsam alltäglich gewordenen Gedanken hing Ernst-Emanuel heute wieder nach; sie waren ihm so geläufig, daß der Verstand maschinenmäßig arbeitete, die Phantasie ihm von selbst stille Bilder vorgaukelte. Ganz unbewußt kehrte er bei beginnender Dämmerung zur Stadt um, nach Hause. Der Weg führte ihn an der romanischen Emanuelskirche vorbei, seiner Lieblingskirche, die seinen Namen trug und deren weich runde Bogen aus rotem Sandstein er liebte. Dort war es besonders gewesen, wo er einst im Treppenhaus den Weihnachtsliedern gelauscht hatte. Wieder klang Orgelspiel; irgend jemand übte; er blieb stehen und hörte zu. Das schwache Licht, das durch einige wenige Fenster in die Dämmerung hinausschimmerte, hatte etwas beruhigendes, anziehendes, und der pausenlose, feierlich-gedämpfte Klang der Orgel etwas friedliches. Der Junge träumte wieder, so daß er nicht bemerkte, als die Orgel schwieg, das Licht erlosch und der Spieler die Kirche durch eine Seitentür ganz in seiner Nähe verließ. Aber jener bemerkte ihn, fühlte, daß der Junge offenbar durch sein Orgelspiel zum Bleiben und Träumen veranlaßt worden war, und sprach ihn an, da er ihn vom Sehen kannte.

 

            Ernst-Emanuel fuhr erschreckt in die Höhe, denn der andere war ein Oberprimaner aus seiner Schule, ein freundlicher Mensch, den er immer gern gesehen und ganz heimlich etwas bewundert hatte. Der also konnte so schön spielen und der sprach ihn an; er war so überrascht, daß er den Ausdruck der Freude nicht unterdrücken konnte; das erfreute wieder den andern. Aus diesem unbewußten Sichentgegenkommen entstand gleich eine gewisse Sympathie:

 

Hörst Du schon lange zu?

Ich weiß nicht genau; ich glaube, sehr lange.

Du hättest ja hereinkommen können!

Ich wußte nicht, ob man das darf.

Ja so. - - -

Ist Orgelspielen sehr schwer?

Ei freilich, Orgel gilt als das Schwierigste, ich darf

  vom Konservatorium aus, schon seit über einem Jahr,

  hier üben. Spielst du auch etwas?

Ja, Klavier ich habe einen Pedalflügel Zuhause.

Was! Das ist ja höchst interessant! Kannst du Pedal spielen?

Nur ganz wenig - es ist sehr schwer, es allein zu lernen!

Allein? Wieso?

Mein Klavierlehrer hält nicht viel vom Pedalspielen.

Dann will ich es dir gern zeigen, und die Orgel auch,

(Ernst-Emanuel wußte nicht wie ihm geschah, darum zu bitten, hätte er nicht gewagt).

vielleicht, morgen so um diese Zeit, etwas früher, wenn möglich.

 

            Ernst-Emanuel kam erregt nach Hause. Dieser Glücksfall war zu groß, um ihn gleich zu verstehen. Es war jemand von sich aus freundlich zu ihm gewesen, jemand, der Orgel spielen konnte und es ihm zeigen wollte. Er mußte es sich mehrmals vorsagen. In des verlassenen Jungen Gemüt zog ein frohes Empfinden, eine heiße Dankbarkeit, ein überquellendes Gefühl des Sichgebenmüssens für diese Freundlichkeit. In seiner Unerfahrenheit ahnte er nicht, daß das Anreden des Andern geschehen war, ohne daß er sich viel dabei gedacht hätte, ganz impulsiv aus einem freundlichen Wesen heraus, gleichsam unverbindlich. Im Gegenteil, Ernst-Emanuel setzte diese neue Bekanntschaft und ihren Anfang in Vergleich mit der Freundschaft mit Onkel Harald, war in stillem Eifer gleich bereit, alles für den neuen „Freund“ hinzugeben, ihm seelisch entgegenzueilen - alles ohne ihn zu kennen, nur wegen dieser seiner Freundlichkeit. Einsame Menschen wissen vom Mißtrauen nur allzuviel; aber im gegebenen Fall ist es ihnen nicht möglich, eine Grenze zu finden; die Schranken stürzen ein, ungeachtet, daß nun alles freien Eintritt durch die selbstgeschaffene Lücke hat, Freud und Leid, Wahrheit und Irrtum.

 

            Von all dem wußte Ernst-Emanuel nichts, fieberhaft erwartete er den nächsten Nachmittag.

 

 

Viertes Kapitel.

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            Von nun an waren die beiden fast täglich zusammen, bald galt auch das trauliche Du, der Oberprimaner Gerhard hatte es einmal so ganz nebenbei als sehr nett bezeichnet, wenn Menschen, die sich etwas näher kennen, einander mit du anredeten und Ernst-Emanuel hatte diese erwünschte Andeutung sogleich ausgenützt.

 

            Es gibt weniges, was noch nachdenklicher und innerlicher wäre, als die Gründe einer gegenseitigen Sympathie und der daraus entstehenden freundschaftlichen Beziehungen zwischen zwei Menschen auszudenken. Und doch geschieht es nur in seltenen Fällen, daß die Freunde oder gar Dritte sich darüber klar zu werden versuchen; fast immer wird nicht beachtet, wie unaussprechlich wohltuend für die Beteiligten und wie sehr aufklärend und beruhigend für ihnen nahestende Dritte es ist, die tieferen Gründe zu einer nach außen vielleicht überraschenden oder übertrieben erscheinenden Freundschaft zu wissen. Wie viel törichte Vermutungen und eifersüchtige Gedanken Dritter könnten dann unterbleiben! Wie viel deutlicher und selbstverständlicher stünden alle Beteiligten zueinander!

 

            Gerhards Hauptgrund war eine gewisse freundliche Bewegtheit des Gemüts und Verstandes, die sich bisweilen bei Musikern findet und sich in gutgemeinten, impulsiven Handlungen betätigt. Eine Freude am Lehren, Erklären, Vorspielen kam noch dazu, auch ein wenig Geschmeicheltsein über die Verehrung des jüngeren. Jedenfalls war seine Auffassung eine reale, einfache, nicht gerade tief oder innig, aber auch nicht eben oberflächlich. Es hatte einen feinen Reiz, den begeisterten Zuhörer mit leuchtenden Augen in eifriger Teilnahme neben sich auf der Orgelbank sitzen zu haben.

 

            Anders lag der Fall bei Ernst-Emanuel. Hier war der Hauptgrund eine überströmende Dankbarkeit dafür, nicht mehr allein sein zu müssen, sondern sich uneingeschränkt einem teilnehmenden „Freund“ mitteilen zu dürfen. Eine geheime Parallele wurde gezogen mit dem geliebten Onkel Harald, der dem Kindergemüt seiner Zeit einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte; die breite Bank vor dem Pedalflügel, wo es sich einst so gemütlich sitzen ließ, war nun der intime, nischenartige Raum in der Orgel hinter dem Spieltisch, jenes Gehäuse, wo die unendlich vielen Tasten, Register, Hebel, Pedale, Zeiger und anderes, die Musik gewissermaßen greifbar darstellten. Den intimsten Grund bildete aber eine mystische Feinfühligkeit, die sich in jenem Alter wohl einmal zeigt. Es konnte vorkommen, daß Ernst-Emanuel wie verzückt erschien, wenn Gerhard in irgend welchen geheimnisvollen Registerkombinationen des Fernwerkes die heimeligen, weihevollen geistlichen Volkslieder erklingen ließ, wenn eine hohe Tenorstimme aus der fernen Höhe der Kirche auf dem sammetnen Grund von Englisch Horn und Schalmaien über fremden Harmonien das: „O du fröhliche, o du selige“ anstimmte. Dabei blühte das religiöse, vielleicht sogar ein klein wenig erotische Gefühl auf, jenes unbewußte Sichanvertrauen, jenes mystische Erfassen, fern von jeder Vernunftsarbeit.

 

            Dies geschah jedoch für Ernst-Emanuel völlig unbewußt; er konnte Gerhard nichts davon sagen und jener selbst bermerkte es nicht. Die so verschieden gegründete Freundschaft lebte nur dahin, wuchs und erreichte auch einen Höhepunkt. Das geschah an einem heißen Sommernachmittag.

            Gerhard hatte viel unter Stimmungen und Gefühlen zu leiden, die Ernst-Emanuel naturgemäß noch nicht haben konnte, aber doch ahnte. Der ältere hatte auch immer darüber geschwiegen und nichts von seiner hoffnungslosen Primanerliebeleidenschaft zu einem jungen Mädchen erzählt. Auf einem Spaziergang war einmal flüchtig das Thema „Weib und Liebe“ angeschlagen, aber gleich in gegenseitiger Zurückhaltung wieder verlassen worden - -. Nun kamen die beiden fast täglich zum musizieren und üben zusammen, ein Umstand, der Ernst-Emanuel sehr große Fortschritte in seiner musikalischen Entwicklung machen ließ. Ja, schon begann er zu phantasieren, seine Gedanken zu einzelnen Arbeiten zu sammeln, in denen sich bei befremdlicher Chromatik in den Mittelstimmen religiös-träumerische, aber auch erregte Empfindungen wiederspiegelten. - - An einem heißen Juninachmittag schlich Ernst-Emanuel im schmalen Schatten der Häuser zu Gerhard. Glühender Dunst eines sich vorbereitenden Gewitters brütete über der Stadt, brütete in den Wohnräumen. Es war quälend schwül, unbemerkt trat er in Gerhards Zimmer, denn dieser hatte gerade zu spielen angefangen. Er stand bei der Tür und lauschte. Er hörte eine Melodie von unendlicher Ruhe und tiefer Schwermut. Eigentümlich und manchmal fast schmerzlich war eine rätselhafte, chromatische Mittelstimme, die sich um die Melodie wie eine Begleitung schmiegte und doch wesentlicher erschien als jene; sie erzeugte eine fremde, ergreifende Harmonie, trotz ihrer Eigentümlichkeit quälend, selbstverständlich. Nach einer Wiederholung dieser Melodie begann es sich finster und schwer in den Bässen zu regen, eine große Steigerung erfolgte; die quälende, dauernd beibehaltene Mittelstimme schien aufzuschreien, wild, hilflos, suchend, dann hoffnungslos schwer in sich zurücksinkend, verhallend. Dann kam die Wiederholung des Anfangs, immer stiller werdend, bis das ganze, in Moll gehaltene musikalische Gedicht in einem schweren dur-Accord sein unerwartetes befremdendes, fast religiös anmutendes Ende fand. Gerhard war zu Ende; müde, erschlafft von der Hitze starrte er vor sich hin. Ernst-Emanuel, noch immer unbeachtet, stand beinahe frierend vor Erregung noch immer bei der Tür. Was war da gewesen? Die Gedanken wirbelten nur so herum, machten ihn schwindelig. Er konnte sich nicht losreißen von dem Gehörten, von der brutalen Deutlichkeit, mit der sich die Erinnerung daran in seine Seele eingrub, von dem selbstquälerischen und doch friedlichen Schluß. - - -

 

            Als sie sich nachher begrüßten, klangen die Stimmen beider sonderbar rauh und fremd. Doch die erste Verlegenheit über dieses erstmalige Zusammentreffen der gleichen Stimmung wich bald. Ernst-Emanuel ging zeitig, um eine neue Liebe reicher, denn noch in später Abendstunde konnte man ihn an Chopins sechster Etüde in Es-moll über hören; in der sommernächtlichen Stille waren die Töne sonderbar bewegt und klingend; sie weckten ihm Erinnerungen, die ganz fern und unklar waren, zwangen ihn zu begeistertem Nachsinnen und Grübeln, so daß nur die vorherrschende, erste, längere Reise in den großen Ferien ihn vor einem gefährlichen Überhandnehmen trüber Stimmungen bewahren konnte.

 

            Was aber an jenem Nachmittag zwischen beiden hätte ausgesprochen werden sollen, wurde nicht gesprochen, und daran ging die ganze Freundschaft schnell und still zugrunde. - -

 

 

Fünftes Kapitel.

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            Der Plan einer größeren Sommerreise hatte vorübergehend Ernst-Emanuel etwas seinen Pflegeeltern genähert; es wurden die verschiedensten Möglichkeiten besprochen; das bedeutete für Ernst-Emanuel eine redliche Arbeit, denn er mußte die nötigen Unterlagen dafür aus dem Kursbuch zusammensuchen; damit hatte man ihm eine etwas mühsame, weil reale Arbeit anvertraut, aber sein Ehrgeiz regte sich, Befriedigendes zu leisten.

 

            Schließlich war eine Fahrt nach Belgien mit längerem Aufenthalt am Meer beschlossen. Man kam über Köln nach Brüssel und am Nachmittag des nächsten Tages ans Meer, nach Duinbergen. Es war ein warmer sonniger Julinachmittag, so klar und froh, wie er nur dort möglich ist. Man fuhr durch die prächtige, üppige und gesunde Landschaft, die sich in leuchtenden Farben weithin dehnte. Ernst-Emanuel wich nimmer vom Fenster; weit reisen war ihm neu, die mühelos erreichte Veränderung der Gegend reizte ihn mächtig. Seine Beobachtungsgabe fand fast allzu reichen Stoff und arbeitete fieberhaft, all die neuen Eindrücke aufzunehmen und zu würdigen. Ein anderes kam dazu. Seine gestaltende Phantasie hatte ihm den Geschichtsunterricht von jeher zu einem verschwiegenen Genuß gemacht. Nun betrat er hier historischen Boden. Die Fahrt verging ihm teils zu schnell, teils zu langsam, letzteres, weil ihn eine zitternde Erregung trieb, das Meer zu sehen, jenes Wunderding, von dem er so viel gehört und noch mehr gelesen hatte, bei dessen Erwähnung Gerhards Augen immer aufleuchteten; das Meer, jenes Abbild der Menschheit, immer wechselnd, immer belebt, immer anders und doch immer gleich; das sollte er sehen, heute, bald. Und dabei blieben die Mitreisenden, vor allem Onkel und Tante, ganz ruhig und gelassen; er begriff das nicht. In ihm tobte alles. Gent zog reich und geschlossen an seinen Augen vorüber; Brügge: der trunkene Blick umschlang das Bild jener lieben Stadt mit ihren vielen Türmen, das tote Brügge, heute still-versonnen und heiter im Sonnenglanz, darüber der tiefblaue Himmel. Nur dem Belfried diente eine ferne, einsame weiße Wolke zum Hintergrund; man sah gleichsam die bewegte Luft durch die großen Fenster durchströmen. Bald nach Brügge hörte die üppige Vegetation auf, ganz plötzlich. Sträucher, viel Ginster bedeckten den Boden; überall Sand, viel Sand; die Dünen kamen. In weite Fernen schweifte der erlöste Blick, ins blaugraue, wesenlose; ganz in der Weite ein paar Häuser, weiß leuchtend mit roten Dächern; ein schlanker weißer Turm dabei - Sluis. Und dann auf der andern Seite die Dämme, die Dünen, über die der Wind hinpfiff, der die wenigen Sträucher zerzauste und mit Sand bewarf. Und jetzt für einen Augenblick eine Durchsicht nach dem Meer, blau, endlos.  - - - Ernst-Emanuel war wie im Traum; der ununterbrochene Wind, der frische Salzgeruch des Meeres lullten ihn ein, unwiderstehlich. Das also war das Meer, das. Weit draußen kreuzten ein paar Segelboote, weiß in blau, etwas näher schimmerte die leichte Brandung, grünlichweiß in blau; Ernst-Emanuel ließ die beiden Alten, die ihm lächelnd gewährten, weit hinter sich zurück. In drei Sätzen war er oben auf der Digue, im nu unten auf der anderen Seite, dann rannte er durch den Sand, bis das Wasser seine Füße umspielte. Dort stand er am nachmittäglich-menschenleeren Meeresufer, schaute und schaute und der Wind zauste ihn an Kleider und Haaren. Die liebe Frau Sonne lachte über Flandern und dem fassungslosen Menschenkind.

 

            Diese Freude dauerte nur einige Tage; dann begann das Meer auf Ernst-Emanuels Wesen zu wirken, genau so, wie es auf so vieler Menschen Gemüt wirkt. Es kam zuerst eine stille Müdigkeit, ein Nachlassen des Wollens und ein behagliches Ausruhen. Aber dann nahm das Meer seinen Lohn dafür in Empfang. Ernst-Emanuel wurde sichtlich melancholisch. Ein paar sonnenlose Tage verstärkten das noch. Er saß einsam und starrte hinaus auf die Flut, von namenloser, inhaltloser Sehnsucht gemartert; der Wind streichelte und fächelte ihn, oft liebevoll, oft rauh. Das änderte jedoch nichts an der Sache. In den kahlen Dünen, über die der Wind strich, standen niedrig und scheu die wenigen Gräser, die verhärmten und verkümmerten Blumen, gebeugt vor der wehenden Gewalt. Sie schmiegen sich zu einander hin, und der Wind schlingt sie erschauernd zusammen. So bestehen sie. Bisweilen sah Ernst-Emanuel ein geduldiges Kraut oder ein zitterndes Gras; allein. Auch an ihm klagt der Wind vorüber, aber er weht ihm nichts zu, nichts schmiegt oder rankt sich an ihm. So besteht es, aber an irgend einem der trüben Abende bricht es der Wind und über Nacht verdorrt es, während der Wind klagt, als wäre etwas geschehen.

 

            Irgend welche Bekanntschaften wagte Ernst-Emanuel nicht zu machen. Wenn abends auf der Digue getanzt wurde, stand er wie so oft von fern und schaute zu, äußerlich vornehm zurückhaltend und ablehnend, innerlich voll Sehnsucht. Dann stieg ein Gefühl in ihm auf, wie eine Beklemmung und er ging sacht hinunter ans Wasser und weinte, ohne zu wissen, weshalb. So nah am Wasser war des nächtlichen Meeres Wesen wieder ganz anders, geschwätzig murmelten die kleinen Wellen; es war still, so fürchterlich still, daß Ernst-Emanuel plötzlich voll Angst aufschreckte und wie in Flucht nach der Digue lief, wie wenn er ein nebelgraues Meeresgespenst gesehen hätte. Droben aber klangen die Walzer der Leierkasten, unermüdlich, monoton und schwermütig. - - - Es kamen auch frohe Tage, Ausflüge in die Umgegend, nach Zeebrugge, nach Ostende, nach Sluis, mehrmals in das versonnene Brügge. Aber da Ernst-Emanuel selten dabei allein war, kam er zu keinem richtigen Genuß.

 

            Wochen vergingen und die Rückreise stand bevor. Ernst-Emanuel war beklommen, denn er wußte, daß er das Heimweh nach der See und ihrer lockenden Schwermut nie wieder verlieren würde. Ein weher Blick aus weit aufgerissenen Augen schweifte bei Heyst ein letztes Mal über des Meeres endlose Fläche. Dann saß er still und verschlossen da, krank vor Sehnsucht nach dem Wind und der frischen Luft, krank in Heimweh nach dem Meer, dem weiten Meer. - - - -

 

            Zu Hause kamen neue Schwierigkeiten. Gerhard war inzwischen in sein erstes Semester abgereist; er studierte in München Musik. Der Abschied, der schon vor der Reise nach Belgien stattgefunden hatte, war zufällig, kurz und flüchtig gewesen. Der Zurückgebliebene vermißte jetzt den älteren Kameraden schmerzlich; mit ihm war die einzige Möglichkeit genommen, einen lieben Menschen aus der Verlassenheit heraus aufzusuchen. Bedauerlicherweise als das war die Tatsache, daß Gerhard nichts von sich hören ließ. Mehrere ausführliche Briefe wurden nicht beantwortet. Nur einmal kam eine Ansichtspostkarte mit wenigen Worten darauf. Weitere Anfragen blieben wieder ohne Antwort. Ernst-Emanuel vermutete, daß er dem früheren „Freund“, der nun wohl ein ganz anderes Leben führte, nichts mehr sein könne; ganz allmählich dämmerte ihm die Erkenntnis über das wahre Wesen ihrer Beziehungen zueinander. Mit Schreck merkte er, wie sehr er den andern vermißte, wie sehr er sich verrechnet hatte, wenn er meinte, die Gefühle, die er einem andern entgegenbrächte, müsse dieser auch ihm entgegenbringen. So jung er war, begann er doch etwas zu ahnen, von dem, was „Oberflächlichkeit der Menschen“ ist. „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Das erlebte er nun zum ersten Mal an sich selber.

 

            Er war allein mit sich und seiner Musik und das gereichte ihm nicht zum Segen. Alleinsein vertieft das Gefühl und das Urteil; es macht genau, gründlich, schwer; es vernichtet aber auch die klare Einfachheit der Empfindung, macht eigentümlich und sonderbar. Ernst-Emanuel hatte auch während seiner Bekanntschaft mit Gerhard alles andere vernachlässigt, genau wie schon einmal bei Onkel Harald. Das rächte sich nun, bitterer als das erste Mal. Denn die Altersgenossen hatten wohl bemerkt, daß er sich anschließen könne und hielten seine Zurückhaltung für Hochmut und Stolz. Deshalb waren einige verzweifelte Versuche, aus dieser erdrückenden Einsamkeit herauszukommen, Annäherungen und gelegentliche Spaziergänge mit Schulkameraden ganz erfolglos. Im Gegenteil, sie deckten den bestehenden Unterschied nur schonungslos auf. Debatten über verschiedene Themata zeigten unüberbrückbare Gegensätze. - - - Ein teil der jungen Herren unterhielt lebhafte Beziehungen zu Schülerinnen der verschiedenen Mädchenschulen; als man hier Ernst-Emanuels Ungeschicklichkeit, die ihm als Übelwollen ausgelegt wurde, bemerkte, erntete er zum häufigen Widerspruch auch noch ein kränkendes, höhnisch-vielsagendes Lächeln. Das alles, vor allem aber Sehnsucht nach einem Wesen, das ihn verstünde, sowie das Heimweh nach dem Meer lastete schwer auf dem nunmehr 16jährigen, dessen Gesicht einen frühreifen wehmütig-gefaßten Ausdruck hatte, weil ihn Sorgen über Gekanntes und Unbekanntes peinigten.

 

            Es war auf dem Heimweg von der Beerdigung eines plötzlich an Typhus gestorbenen Mitschülers. Ernst-Emanuel ging zwischen den andern und dachte nach über den Zweck des Lebens und über das Ende, das im Tod liegen könne. Die andern hatten im jugendlichem Lebensmut den Grund ihres Ganges schon jetzt fast vergessen. Es war einer unter ihnen, den Ernst-Emanuel gerne näher gekannt hätte, weil ihm seine Art gefiel. Neben dem ging er jetzt. Und leise sagte er zu jenem: „Ich wollte, ich läge auch so da drunten, in der stillen, großen Ruhe“. - Da sah der andere ihn erstaunt an; zwar unterdrückte er ein Lachen oder eine unbesonnene Bemerkung. Aber die lebensfrohe, lebensbejahende Jugend und Kraft in ihm ließ sich nicht verneinen. „Wenn du so etwas willst, dann sage es wenigstens nicht laut“ antwortete er schnell und leise; dann ging er mit den andern. Ernst-Emanuel sah ihm nach und ging allein weiter, während jene miteinander sprachen und lachten. - - -

 

 

Sechstes Kapitel.

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            Zu Anfang des neuen Jahres geschah eine große Veränderung im Leben Ernst-Emanuels. Vor Wochen war darüber gesprochen worden, daß Verwandte der Tante herzuziehen gedächten, ein Elternpaar mit ihrer Tochter; diese Nachricht ließ Ernst-Emanuel erst völlig kalt. Er hatte sich trotzig in seine Einsamkeit vergraben und ging jeder äußeren Anregung, die ihm eine Störung zu sein schien, vorsichtig aus dem Weg. Auch die gelegentliche Mitteilung, daß die Mutter eine Französin sei und Mutter und Tochter nur gebrochen deutsch sprächen, interessierte ihn nur deshalb, weil er seit seiner Reise in Belgien mehr Verständnis für den lebhaften weichen Klang der französischen Sprache hatte. Ganz allmählich stellte sich aber doch eine leichte Neugier ein, die Erwartung, ein junges Mädchen näher kennen zu lernen. Sich nicht in sie zu verlieben, war selbstverständlich. Ja, noch mehr, dieses Mal wollte er sich überhaupt mehr in der Gewalt haben, zurückhaltend sein, die Menschen an sich herankommen zu lassen. Diese Entschlüsse und das Nachdenken darüber, wie er sie ausführen solle, beschäftigten ihn schließlich täglich. Er entwarf Pläne, wie er Yvonne, - so hieß die Cousine - begegnen solle, und verwarf diese Pläne dann wieder. Yvonne, Yvonne - der Name kam ihm nicht aus dem Sinn, er klang so musikalisch. Y am Anfang ließ sich mannigfach aussprechen. Über all das dachte er mehr nach, als ihm selber lieb war.

 

            An einem Sonntagnachmittag saß Ernst-Emanuel im Salon und las. Es war bald nach Tisch und wunderbar still; in dem hohen Raum, der halb verdunkelt und etwas dämmrig war, wirkte diese Stille noch feierlicher, träumerischer; sie forderte geradezu zum Nachsinnen auf. Ernst-Emanuel war etwas unmutig. Die neuen Verwandten, die vor ein paar Tagen angekommen waren, hatten am Vormittag Besuch gemacht, natürlich gerade zu einer zeit, wo er nicht zu Hause gewesen war. Nun gab es zunächst keine Gelegenheit, Yvonne kennen zu lernen. Darüber dachte er nach, unwillig über sich selbst und seine Aufmerksamkeit war von dem Buch gänzlich abgelenkt. Da vernahm er plötzlich leichte, sich rasch nähernde Schritte, die hohe Flügeltüre ging auf und ein junges Mädchen trat herein. Ernst-Emanuel wollte von seinem Sessel, der etwas zur Seite stand, aufstehen; das junge Mädchen jedoch, die das Zimmer leer glaubte, wandte sich schell und hastig nach diesem Geräusch, glitt im Umdrehen auf dem Parkett aus und saß unerwartet mit seinem gehörigen Fall am Boden. Das war zwar nicht sonderlich angenehm, wirkte aber durch die Schnelligkeit, mit der es sich ereignete, so unerwartet, daß die am Boden Sitzende und der von seinem Sessel Aufstehende in ein lautes Gelächter ausbrachen. Ernst-Emanuel eilte herbei, um Yvonne aufzuhelfen; sie ließ ihn ruhig herankommen und sich in die Höhe ziehen. Damit war die Bekanntschaft auf eine ganz unvorhergesehene Art und Weise gemacht; das Fremdsein war von vornherein unmöglich, die Unterhaltung begann in durchaus anderer Weise, heiter, kameradschaftlich, vor allem lustig, so lustig.

 

            Nun saßen sich die beiden immer noch lachend gegenüber und konnten sich betrachten. Yvonne war sehr schlank, beinahe mager, sehr lebhaft, beinahe unruhig nervös, sehr brünett. Sie hatte ein nicht gerade sehr mädchenhaftes Gesicht; reizvoll aber war ein fortwährendes Mienenspiel, das durch die lebhaften schwarzen Augen, die umherflatternden offenen Haarlocken und das in rasendem Tempo hervorsprudelnde deutsch-französische Kauderwelsch noch unterstützt wurde. So saß sie da, in einem eng angliegenden, ziemlich kurzen blauen Tuchkleid; matt schimmerte die gelbliche Haut des Halses in dem weißen breiten Spitzenkragen. Die Arme waren hinter dem Kopf zu dessen bequemer Stütze in einander verschlungen. Sie redete viel, erzählte alles mögliche, harmlose Sachen; aber das war in einer so reizenden, eigenwilligen Form gesagt, daß es nicht langweilig wirkte, wenigstens für Ernst-Emanuel nicht. Der saß ihr gegenüber und kam Zeit zu Zeit auch einmal zu Wort; ihre Lebhaftigkeit wirkte ansteckend, so daß sie schließlich oft zu gleicher Zeit sprachen, was jedesmal mit einem übermütig-leichten Lachen des jungen Mädchen endigte. Ernst-Emanuel fand im stillen, das Yvonne nicht so besonders erfreulich sei, die ungewohnte Lebhaftigkeit und auch die etwas launische Intensität, mit der sie alles, auch das nebensächlichste, besprach, ermüdete ihn bald, nicht weniger die Notwendigkeit, im schnellsten Tempo fast nur französisch zu reden. Er war deshalb froh, als die Pflegeeltern hinzukamen, die Yvonne leicht für sich zu gewinnen wußte; das Gespräch war nun allgemein und er konnte ein klein wenig seinem geliebten stillen Beobachten fröhnen. - -

 

Als sie aber weggegangen war und er wieder allein in seinem Zimmer an einem der fast an den Boden herabreichenden Fenster saß und in den sonnigen Abend hinausblickte, da wurde er die Gedanken an sie nicht los. Ruhelos im Innern stand er auf, ging herum, hin und her, begann alles mögliche, versuchte zu lesen, zu musizieren; nichts gelang, nichts fesselte ihn. Seine Unruhe steigerte sich zur unerträglichen Qual, zu einem süßen, verzehrenden Heimweh nach der kleinen Mädchenstimme, die sich so niedlich an der deutschen Sprache versündigte, nach der, die immer lachte, ihn anlachte, die sprach und sprach; sein Herz pochte laut, ein ungewohnter, trocken-heißer Geschmack stieg ihm im Halse auf, seine schlanken Finger zuckten nervös . . . Ernst-Emanuel fand sich wieder, wie er sehnsuchtsvoll vor seinem Bett kniete, den Kopf in die Kissen gewühlt, mit den Armen regellos um sich greifend, wie trunken vor Leidenschaft und Hitze. Yvonne, Yvonne ! !

 

            Er war nun doch verliebt und wußte es gar nicht, wie sehr.  - -

 

 

Siebtes Kapitel.

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Zunächst folgte auf diese erste Begegnung eine Zeit des allergrößten Glückes. Ernst-Emanuel war täglich mit Yvonne zusammen; da deren Eltern und sie selbst, am Orte gänzlich fremd, zunächst nur wenige Bekannte hatten, kam er sehr willkommen. Das lebhafte Mädchen brauchte irgend jemand zur Unterhaltung; den fand sie manchmal in ihrem Vetter; denn Ernst-Emanuel war stundenweise völlig verändert, sprühend lebhaft, heiter. Dann gefiel er ihr auch sehr gut; denn genau wie er, wurde sie von der Neuheit eines so gänzlich verschiedenen Äußeren beim Andern interessiert, es reizte das blonde Haar, der etwas verschleierte Blick, die weiche, etwas schwermütige Stimme. Nur durfte seine äußere Ruhe nicht zu groß werden; denn dann erschien er ihr als der überlegenere, reifere, und dagegen lehnte sich ihr mädchenhaftes Selbstbewußtsein auf. So ahnten die beiden nicht, daß es die Gegensätze, die Rassenunterschiede waren, die sie einander beachtenswert machten. Vor allem täuschte sich Ernst-Emanuel, der alles für Liebe hielt, für tiefe, nur noch nicht ausgesprochene Liebe, so, wie er sie die ganzen Jahre hindurch gemeint hatte, das bestimmte sein ganzes Verhalten und veranlaßte ihn, sich ihr anzuvertrauen; er wollte Yvonne an seinen Freuden und Leiden, an seinem Kummer teilnehmen lassen; und erhoffte Liebe und Trost. Damit verlangte er aber viel mehr, als dieses zwar nicht oberflächliche, aber auch nicht tief veranlagte, vor allem aber noch junge und unerfahrene Mädchen ihm je hätte geben können, selbst soweit sie es gewollt hätte; denn Yvonne wollte schon nach wenigen Wochen nicht mehr. Der Reiz der Neuheit in Ernst-Emanuels äußerer Erscheinung verblaßte schnell, und sein schwerverständliches Wesen und all das Ernste, das er ihr erzählte, begriff sie nicht, konnte es auch gar nicht begreifen; sie strebte nach froher Abwechslung und leichter Freude, er nach Verinnerlichung und sich abschließen gegen Dritte.

 

            Vielleicht wäre alles anders gegangen, wenn Ernst-Emanuel es fertig gebracht hätte, mit einem Wort, ja nur mit einer Andeutung ihr seine Liebe zu gestehen. Aber das tat er nie, unendlich oft hatte er es sich zwar vorgenommen, hatte ganze Szenen und Dialoge ersonnen; wenn er ihr aber gegenüberstand, brachte er nichts davon über die Lippen; ja er wurde gerade dann plötzlich zurückhaltend, still, fast feindselig und ließ die besten Gelegenheiten, auch solche, die - anfangs wenigstens - Yvonne selbst ihm bot, unausgenützt verstreichen. Das ärgerte das junge Ding, das gern etwas geehrt und gefeiert sein wollte; sie hielt diese still-glühende, zurückhaltende Liebe, von der sie vorerst nichts ahnte und die sie als ihr wesensfremd auch gar nicht hätte fassen und ermessen können, für Kälte; nachdem sie einige Zeit vergebens gewartet hatte, gab sie Ernst-Emanuel innerlich auf und begann, sich nach anderer Unterhaltung umzusehen; diese Entfremdung bestand lange zeit, ohne daß sie sie nach außen gezeigt hätte. Ernst-Emanuel empfand sie wohl dunkel, aber er verstand weder sie noch ihre Ursachen. Wild tobte die Leidenschaft in ihm, umsomehr, als er sie nie zeigte. Man hielt ihn für eine kalte Natur, währenddessen er in verzehrender Glut bebte. Er saß neuerdings wieder mehr allein und dann gab er gewissen Empfindungen freien Lauf; stundenlang träumte er am Flügel und immer wieder kamen seine Gedanken zu dem Mittelstück seines Lieblings, jener Es-Moll Etüde Chopins zurück; es begann sich finster und schwer in Bässen zu regen; eine große Steigerung erfolgte; die quälende dauernd beibehaltene Mittelstimme schien aufzuschreien, wild, hilflos suchend, dann hoffnungslos schwer in sich zurücksinkend, verhallend ein Abbild seiner eigenen Stimmung, besonders dann, als er langsam merkte, daß er nicht wiedergeliebt wurde; denn nun begann eine qualvolle Zeit, das Gegenstück zur friedlichen Seligkeit der vergangenen Wochen. Er ließ kein Mittel unversucht, um das einmal erloschene Interesse Yvonnens, das er für Liebe hielt, wieder zu erwecken; vergebens. Liebe beruht selten auf Gegenseitigkeit; sie allein kann auch nicht Gegenliebe erwecken. Yvonne blieb ihm gegenüber nicht die frühere, sie wurde kühler, gleichgültig, dabei verlor sie etwas von ihrer allzu großen Lebhaftigkeit, und dies erhöhte nur noch den Reiz, den sie auf Ernst-Emanuel ausübte; der litt unaussprechlich schwer unter seinem eigenen Wesen, das er immer weniger zu bändigen vermochte; er war sich selbst unbegreiflich, seine verworrenen Gefühle und unklaren Empfindungen peitschten ihn hin und her. Er versuchte, sich von ihnen loszumachen, nicht mehr an sie zu denken, um schon beim nächsten Wiedersehen das Vergebliche seines Bemühens zu bemerken. Und wenn er sich auch nicht sah, so wich das graziös-übermütige Kopfaufwerfen, das silbern-helle Lachen nicht aus seiner Erinnerung. Hätte er es jetzt noch über sich gebracht, zu sprechen, so wäre vielleicht alles anders geworden; aber er konnte es nicht; niemand ahnte auch nur das geringste von dem, was in ihm vorging, am wenigsten Yvonne; denn ihr gegenüber verbarg er seine glühende Sehnsucht und zitternde Verlegenheit unter der geschickt getragenen Maske äußersten Gleichmutes.

 

            Bei diesen Qualen der Ungewißheit, des Zögerns blieb es nicht bewenden; Schlimmeres kam hinzu, Mißtrauen und Eifersucht. Ernst-Emanuel hatte seiner Freundin vieles erzählt, von sich, von den Menschen hier. Er hatte ihr sein Leid geklagt und seine bescheidenen Freuden geschildert, hatte ihr von seiner melancholischen Einsamkeit gesprochen und von der Musik, von seiner Musik. Allerdings hatte er dies alles überhaupt verschweigen oder doch nur teilweise erzählen wollen, allein es war beim guten Vorsatz geblieben. Jetzt bereute er bitter, nicht zurückhaltender gewesen zu sein. Es kam ihm vor, als hätte er sein Innenleben selber entweiht, bloßgestellt. Wie er nun inne ward, daß zwischen ihm und Yvonne bald jede zutrauliche Beziehung aufhören würde, litt er unter der Furcht, sie möchte das Gehörte nicht bei sich behalten; seine Sorge war bei ihrer großen Lebhaftigkeit, mit der sie so lustig dahinlachte, ganz begründet. Der Gedanke, unberufene Dritte möchten etwas von ihm erfahren, war schrecklich; viel schlimmer war es aber, daß er solche unberufene Dritte bei Yvonne überhaupt gab.

 

            Im Laufe der Monate hatte Yvonne nämlich durch ihre Schule und durch Bekanntschaften ziemlich viel Verkehr bekommen. Ihrer Natur fiel es nicht schwer, sich anzuschließen und zudem gewann sie durch ihre fröhliche Lebhaftigkeit leicht Beziehungen, wenn diese auch meist sehr oberflächlicher Art waren, sie waren jedenfalls da, und das genügte ihr. Ernst-Emanuel war keineswegs mehr der einzige, er war außerdem so gut wie entbehrlich, obwohl Yvonne ihn das letztere nie direkt fühlen ließ. Aber es ereignete sich, daß er Yvonne nicht zu Hause antraf, wenn er sie besuchen wollte, sie war bei diesen oder jenen Leuten. Einmal war sie zu verabredeter Stunde nicht Zuhause. Da ging Ernst-Emanuel mit zusammengepreßten Lippen weg, schweigsam, ganz still. Zuhause angekommen, schloß er sich ein, setzte sich hin. Ein Zucken überlief ihn, dann noch einmal; vergebens wollte er sich zusammennehmen, aber es war stärker wie er, er schluchzte laut auf, weh und irr: Yvonne, und immer wieder Yvonne - - - .

 

            An diesem Abend lernte er die Eifersucht kennen; in all ihren Qualen, so meinte er wenigstens; natürlich gab es wenige Tage nachher eine Versöhnung mit vielen Entschuldigungen und Begründungen. Seine Eifersucht schien ihm völlig unbegründet, ganz ungerecht. Ernst-Emanuel war so gut, an die Versöhnung zu glauben, und so ehrlich, sich darüber zu freuen und diese Freude auch noch gleich zu zeigen. Yvonne war sich nun plötzlich, ohne daß nur ein Wort darüber gesprochen worden wäre, über Ernst-Emanuels Gefühle zu ihr klar geworden; aber es war zu spät. Der ältere Bruder einer Mitschülerin, in deren elterlichem Haus sie neuerdings verkehrte, ein Primaner hatte es ihr seit einigen Tagen angetan; das war doch etwas ganz anderes. - - -

 

            Yvonnens Eltern gaben eine kleine Abendgesellschaft für die Freundinnen ihrer Tochter. Auch einige deren Brüder waren eingeladen, ebenso Ernst-Emanuel. Jener andere war auch da. Er führte Yvonne zu Tisch. Nach Tisch kam man plötzlich auf den Gedanken, zu tanzen. Ernst-Emanuel schätzte das Tanzen gering. Er begriff nicht, wie man eine so wunderbar schwermütige Musik, wie gerade einen Walzer, zu einem Umherspringen mißbrauchen und durch oberflächliches Gespräch stören könne; Tanzmusik erinnerte ihn zudem an die Abende am Meer und daran, wie ihm dort zu Mut gewesen war; deshalb schwieg er jetzt bei dem Vorschlag; die andern aber ergriffen ihn mit Begeisterung. Schon stand alles paarweise bereit; nur die Musik fehlte. Da eilte Yvonne auf Ernst-Emanuel zu; sie hatte sich plötzlich erinnert, daß er gerne Klavier spielte; er sollte nun spielen, sie bat, sie drängte. Ernst-Emanuel weigerte sich zuerst rundweg, dann behauptete er, nichts auswendig zu können, dann zögerte er; da flüsterte ihm Yvonne schnell zu: „Ich gehe morgen mit dir spazieren, 6 Uhr, monument von Kaiser“. Darauf spielte Ernst-Emanuel, alles was er nur wußte. Aber Yvonne tanzte mit dem andern, und da die wenigen Anwesenden nur selten Paareswechsel ermöglichten, tanzte sie fast ausschließlich mit ihm. Ernst-Emanuel saß und spielte, spielte immer weiter; er sah zu, wie „seine“ Yvonne mit dem andern tanzte, fast nur mit ihm, er sah, wie sie sich an ihn schmiegte, mit ihm flüsterte. Der schwermütige Walzer nahm kein Ende; er spielte und spielte, todmüde und verzweifelt. Alles drehte sich um ihn, die Menschen, das ganze Zimmer, die Tasten des Klaviers. Er spielte ganz mechanisch und rang nach Luft dabei und die andern tanzten, Yvonne beachtete ihn mit keinem Blick; sie war im Tanzeifer und lächelte dem andern zu, nicht ihm . . . . .

 

            Der nächste Tag brachte einen schönen Abend; es war Ausgang Mai und um 6 Uhr lag das Kaiserdenkmal im strahlenden Abendsonnenschein. Der tiefblaue Himmel leuchtete klar und ruhig, ein paar vereinzelte lichte Wolken zogen langsam dahin. Ernst-Emanuel stand und wartete. Er sah gut aus, groß, schlank, im eng anliegenden dunkelblauen Tuchanzug, manches vorbeigehende Mädchen sah heimlich zu ihm auf; das bemerkte er gar nicht, er wartete auf Yvonne, die ihm versprochen hatte, zu kommen, wohl um ihm zu danken, daß er gestern abend so selbstlos gespielt hatte. Vielleicht würde sie auch ihm zulächeln, wie . . . . das war gestern doch nur zum Schein geschehen mit dem Andern; der sollte nicht merken, wie gut sie miteinander standen, so gut, daß sie sich heimlich miteinander verabredet hatten.

 

            Er wartete ganz geduldig. Es war beinahe halbsieben, da sah er in der Ferne eine Radlerin und einen Radler heranfahren, langsam, lustig miteinander sprechend. Sie kamen näher - es waren Yvonne und der Andere. Ernst-Emanuel trat unwillkürlich vor, hob den Arm, wie um die beiden anzurufen. Nur Yvonne sah ihn, nickte ihm kurz zu, sehr vergnügt: à  tantot, rief sie herüber. Dann waren sie vorbei. Ernst-Emanuel hatte das Gefühl, als müsse er ihnen nacheilen, sie zur Rede stellen. Er bezwang sich nicht ohne Anstrengung und stand einen Augenblick still da.

 

            Dann drehte er um und ging ruhig hinweg. Etwas war in ihm zerbrochen; die Eifersucht war verschwunden; geblieben war nur das Bewußtsein eines Verlustes und der Vereinsamung. Alles in ihm und um ihn war tot, fühllos, erstarrt. Die beklemmende Spannung der letzten Wochen war völlig gelöst, vernichtet war seine Liebe- sein Vertrauen, sein Glaube an sich und die Menschen. Es war alles grau, trostlos grau.

 

            Nachher, gleich nach dem Abendbrot kam Yvonne unter irgend einem Vorwand zu seinen Pflegeeltern. Ernst-Emanuel arbeitete in seinem Zimmer; er war ruhig, obwohl in der Kummer quälte. Eine müde Resignation war in ihm. Er verzweifelte nicht, aber er kämpfte auch nicht mehr. Teilnahmslos schrieb er einen Hausaufsatz ins Reine; er erstaunte nicht, als Yvonne zu ihm ins Zimmer trat. Sie kam, sehr verlegen, etwas zerknirscht, denn die Verabredung hatte sie völlig vergessen gehabt. Ernst-Emanuel erhob sich bei ihrem Auftreten und sah still vor sich hin; er sagte kein Wort. Sie setzte sich und begann eine wortreiche Erklärung, von einem Bedauern spürte man dabei nicht viel. Noch während sie sprach, kam Ernst-Emanuel zu einem Entschluß, denn jetzt widerte ihn ihre Lebhaftigkeit an; er ließ sie weiterreden, ging schweigend zur Tür, öffnete sie. Da brach sie in ihrem Redeschwall ab, fassungslos, wollte nicht verstehen, was ihr bevorstand. Eine gemessene Handbewegung des jungen Mannes ließ sie nicht länger im Unklaren; sie mußte dabei an ihm vorbeigehen; das wa demütigend, zumal, da sie seinen Blick nicht aushalten konnte und die Augen vor ihm niederschlagen mußte. Die Tür wurde gleich hinter ihr geschlossen, der Riegel vorgeschoben; sein metallisches Schnappen erschreckte ihn drinnen und sie draußen.

                                                                                  Ernst-Emanuel war wieder allein. - - -

 

 

Achtes Kapitel.

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Einförmig ist der Liebe Gram

Ein Lied eintöniger Weise -

und immer noch, wo ich’s vernahm

mitsummen mußt ich’s leise.

                                                       (Rückert)

 

            Ernst-Emanuel las die Zeilen wieder und immer wieder; er konnte sie schon längst auswendig und las sie doch, laut und leise, wie es gerade kam; als Yvonnens Schritte draußen verhallt waren, hatte er - nur um etwas zu tun - angefangen, die Küchenzettel und Sprüche auf der Rückseite der Blätter eines Abreißkalenders zu lesen. Dabei hatte er diese Zeilen und damit das, was er unbewußt suchte, gefunden.

Einförmig ist der Liebe Gram

Ein Lied eintöniger Weise - - -, das verstand er jetzt aus innerster

Erfahrung heraus, ein förmig, ein tönig, allein, alles grau in grau. Es dauerte wochenlang, bis Ernst-Emanuel das Ganze einigermaßen überwunden hatte und sein seelisches Gleichgewicht wieder fand. Diesmal war die Enttäuschung zu groß gewesen; er hatte sich angeboten, aus vollem Herzen, in jugendfrohem - sieghoffendem Glauben, in treuherziger Ehrlichkeit; und das war abgelehnt worden, ganz achtlos, nebenher; darüber kam er nicht hinweg und seine Scheu und Ängstlichkeit beherrschte ihn nun völlig. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu den Erlebnissen der letzten Monate zurück, besonders zu jenem wortlosen Abschluß in seinem Zimmer; er bereute nicht, was er getan hatte. Der Vorfall hatte ihn gereift; er hatte es an sich selbst gespürt, daß im Leid Lehre liegt. Aber sonst! - Der Verstand sagte ihm bei ruhiger Überlegung, daß es so hatte kommen müssen, wie es gekommen war; denn zwischen Yvonne und ihm bestanden nur Gegensätze und diese, sonst nichts, hatten sie einander interessant gemacht; er hatte nur Einzelheiten in Yvonnens Wesen geliebt, nicht sie selbst, deshalb war es auch zu keinem Verständnis zwischen ihnen gekommen.

 

            Wenn der Verstand aber schwieg, begann das Gemüt sich zu regen, leise zu schwingen. Wie fernes Glockenläuten klang es da: Yvonne, Yvonne, so licht und leicht, nah und lieb. Dabei fand er keinen Ausweg aus seiner Lage, keine Erklärung, die beunruhigte; jetzt verzweifelte er; die warme Zärtlichkeit des Sehnsüchtigen stieg in ihm auf, das Nichtbegreifenkönnen, daß man sein Heiligstes, das er verschenken wollte, verschmäht, ohne Kostprobe oder Prüfung abgelehnt hatte. Zudem hatte er sich an sie gewöhnt, sie war ihm unentbehrlich geworden; die Stille nach der graziösen Unruhe war erdrückend. Und niemand war da, dem er sein Leid hätte klagen, an dessen Brust er ausruhend sich hätte anschmiegen dürfen. Er verstand jetzt die tiefsinnige Sage von König Midas, der ein Loch in die Erde grub und sein Geheimnis hineinflüsterte, weil er keinen Menschen hatte, mit dem er sich hätte besprechen können.

 

            Noch eines schmerzte ganz auf besondere Art. Mit Yvonne war das „Weib“ in sein Leben getreten, obwohl kein Kuß, nicht die kleinste Zärtlichkeit vorgefallen war. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen hatte Ernst-Emanuel jetzt große Mühe, das Fehlen jenes unbeschreiblichen „Weiblichen“, an das er sich in den letzten Monaten unbewußt gewöhnt hatte, zu ertragen sich innerlich danach; und doch war gerade dies der wundeste Punkt in seinem ganzen Seelenleben. Sein instinktiver, wenn auch noch nicht sehr stark ausgeprägter „männlicher Stolz“ war tief gekränkt. Er fühlte sich gleichsam geschändet in der Art, wie er durch die Ablehnung behandelt worden war. Aber schon erhob die Sorge ihr graues Haupt, denn der einsame, überreizte Verstand begann zu zweifeln, ob sein Wesen überhaupt für Mädchen geschaffen sei. Mit Sorge beobachtete er sein schweres und verinnerlichtes Wesen; eine leichte harmlose Unterhaltung wurde ihm allmählich immer mühsamer und damit entfiel die Möglichkeit zum Anknüpfen irgend einer neuen Beziehung. Es fiel ihm überhaupt alles viel schwerer als früher; der Kummer und die Anstrengung, die es ihn kostete, von den Sorgen äußerlich möglichst wenig zu zeigen, machte müde, seelisch und körperlich todmüde.

 

Wieder und immer wieder klang es:

Einförmig ist der Liebe Gram

ein Lied eintöniger Weise;

 

seine Gedanken kreisten um die Frage, wie es nur möglich gewesen war, daß all sein Lieben, das er angeboten hatte, von Yvonne verschmäht worden war; es bestanden Vermutungen über die Gründe, aber keine Antwort auf die Frage. Sein Sinnen darüber war unfruchtbar und seine Erinnerungen quälten ihn. Er machte sich Vorwürfe, daß er zum dritten Mal seiner ehrlichen Leidenschaft nachgegeben und alles auf eine Karte gesetzt hatte; nun war wieder verspielt. Er erinnerte sich seiner guten Vorsätze, die er kurz vor dem Beginn seiner Bekanntschaft mit Yvonne gefaßt und dann gar nicht befolgt hatte. Er schämte sich seiner vermeintlichen Willensschwäche, von der er aber nicht ahnte, daß sie in Wirklichkeit gar keine war, denn die Flut der Tatsachen durchlöchert langsam aber sicher, übermächtig, auch das festeste Gedankenbollwerk, mit dem jemand seine Seele vor dem Überwältigtwerden schützen möchte.

 

            Über all diesen hilflos flatternden Gedanken und ziellosen Wünschen lag aber die Einsamkeit, tiefe seelische Einsamkeit, die dadurch noch gesteigert wurde, das Ernst-Emanuel in der Umgebung zahlreicher Menschen leben mußte, die ihn nicht verstanden und sich auch gar keine Mühe gaben, ihn zu verstehen. Peinlich war, daß von einem völligen Abbrechen jeder Beziehung zwischen ihm und Yvonne schon wegen des nun einmal bestehenden Verwandtschaftsverhältnisses keine Rede sein konnte. Bei häufigen Begegnungen waren beide gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was Ernst-Emanuel jedenfalls recht schwer fiel. Jedes Wiedersehen ward anfangs zur Versuchung, dem bisweilen auftauchenden, stillen Heimweh nach ihr nachzugeben und zu versuchen, den früheren Zustand wieder herzustellen. Allein er zwang sein Gefühl und blieb diesmal Sieger, anfänglich nur mit Mühe, dann leichter. Er hatte aber den Mut verloren, sich sonst an Menschen anzuschließen und ging jeder Annäherungsmöglichkeit scheu aus dem Weg. Er lebte mit andern zusammen, sprach mit ihnen, lachte mit ihnen; aber all das ereignete sich wie in einem Traum, ohne persönliches Erleben. Denn in jenem Augenblick, da er Yvonne mit dem andern hatte kommen und vor allem wieder hatte wegfahren sehen, war etwa Geheimnisvolles in ihm zerbrochen, jene unerklärliche, innere Spannkraft, der froh zugreifende Mut; eine müde Enttäuschung, eine verachtende Kälte begann sein ganzes Wesen zu umklammern; in der Erinnerung an die viele, offenbar vergeudete Liebe, die verschmäht worden war, begann sein liebevolles und liebebedürftiges Gemüt zu erstarren, wie unter Eiseshauch. Die Menschen reden so viel von und über Liebe; wenn sie aber pflanzen oder gar ernten könnten, dann sind all die schönen Reden vergessen und niemand will bleiben; Ernst-Emanuel sann über diese Tatsache nach und ein bitteres Lächeln spielte über sein Gesicht.

 

Einförmig ist der Liebe Gram

ein Lied eintöniger Weise . . . .

 

 

Neuntes Kapitel.

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Zum 18. Geburtstag, im Herbst, hatte Ernst-Emanuel, zugleich als Ersatz für eine Sommerreise, die dieses Jahr nicht möglich gewesen war, eine große Wiedergabe von Arnold Böcklins: Vita somnium breve geschenkt bekommen. Damit war ihm ein sehnlichster Wunsch erfüllte worden; er hatte das Bild ausgestellt gesehen und es liebgewonnen. Nun war es so aufgehängt, daß es ihm immer vor Augen war und er fand in ihm die erste Freude seit langer Zeit. Sein äußeres Leben war inzwischen nicht belebter geworden. In seinem Alter, in dem junge Menschen sonst strahlend übermütig und ausgelassen zu sein pflegen, war er ruhig, gemessen, nachdenklich, und gab sich widerstandslos einem immer wachsenden Hang zum Träumen hin. Viel angestrengtes Nachsinnen und Grübeln hatte dieses Träumerleben vorbereitet. Das gleichsam zerbrochene Gemüt richtete sich zwar allmählich wieder auf, aber der Knick blieb; die Wunde war außen geheilt, aber jeder Druck schmerzte die Narbe; nach Innen blutete die Wunde leise fort, das ahnte Ernst-Emanuel jedoch nicht. Er glaubte, alles sei nunmehr ganz wieder wie früher; das war aber nicht der Fall. Das Leid und noch mehr die Sorge hatten ihn reifen lassen; aber diese Reide war unerwartet, plötzlich und schnell vor sich gegangen. Sie war vor dem Abschluß der natürlichen, körperlichen Entwicklung eingetreten und hatte diese nicht nur gehemmt, sondern sogar unterbrochen. Seine gesteigerte, geistige Tätigkeit - zu der er in seinem Alleinsein Zeit genug gehabt und die seine Anschauung vertieft, oft sogar für andere nur erst nach längerem Nachsinnen verständlich gemacht hatte, - war der körperlichen Entwicklung vorausgeeilt. Wenn er auch kräftig und vorteilhaft aussah, so war die nur Schein. Sein Körper war doch nicht kräftig genug, um der geistigen Tätigkeit, die das überreizte Gehirn leistete, einen genügend widerstandsfähigen Untergrund zu bieten; deshalb war das Resultat dieser Geistesarbeit auch nicht positiv: Ernst-Emanuel endete in Träumen und nicht im Wachen; er wurde weich, anstatt hart; aber noch bevor ein Seelenleben verschwommen oder gar weichlich geworden war, lenkte ihn die ästhetische und moralische Anregung, die er aus der liebenswerten Schöpfung Böcklins zu ziehen imstande war, in andere Gedankenbahnen.

 

            Mit der Feinfühligkeit der erst halbwachen Künstlerseele verstand Ernst-Emanuel den innersten Kern jener allegorischen Darstellung der Menschenseele, die da nachsinnt. „Das Leben ist ein kurzer Traum“. War sein Leben ein solcher Traum, ein solcher kurzer Traum? Er sah den Brunnen in tiefer Höhle, den Sphynxkopf, aus dessen Mund ruhig, geschwätzig murmelnd der Bach des Lebens hervorquillt, selber so rätselhaft wie sein Ursprung; dann schaute er die fünf Menschengestalten, verschieden an Lebensalter und Erfahrungen, aber alle in Nachsinnen versunken; vorn an des Baches Rand die beiden Kinder, auf einer Wiese sitzend, wo die Blumen so zahlreich wachsen, wie die Hoffnungen in den jungen Tagen eines Menschenlebens. Das Kind ist tätig gewesen; denn es hat eine Sternblume; eine Hoffnung, gepflückt und läßt sie nun im Bach des Lebens dahintreiben; träumerisch - auf seine Ärmchen gestützt - sieht es seiner eigenen Betätigung nach, ein klein wenig neugierig, wie weit er wohl treiben werde. Und das andere Kind schaut dem Tun des ersten, nicht seinem eigenen, zu; es hat auch Hoffnungen gepflückt, viele, nicht nur eine einzige, einen kleinen Strauß, und den drückt es nun fest an sich, läßt ihn nicht dahinschwimmen, wie das erste Kind sein Blümlein dahinschwimmen läßt. Dafür bleibt es aber auch unbeteiligter Zuschauer, während das erste Kind sein ein und alles einsetzt - und verlieren wird.

 

            Im Mittelgrund sind zwei Erwachsene, Mann und Weib; die Geschlechter sind verschieden, die Hoffnungen und Erwartungen sind es auch; ob von den Kinderträumen auch nur einer sich verwirklicht hat? Da ist der junge Krieger; sein Nachsinnen ist zu Ende, die Tat soll beginnen, gut vorbereitet erwartet er den Gegner. Welcher Feind wird es sein, den er zu bestehen hat? Daran denkt er wohl, wenn er so trotzig und aufrecht dasitzt, im Vorgefühl dessen, was er erst noch leisten soll. Und auf der andern Seite ist das junge Weib, vielleicht die Personifikation der Menschenseele. Bei ihr finden sich wieder Blumen, Hoffnungen und Räume zu einem großen Strauß gebunden; den drückt sie nicht mehr ängstlich an sich, wie das eine Kind es tut. Ohne die Blumen zu betrachten, genießt sie ihren Duft; noch sind die Ideale da, aber sie gelten nicht mehr viel; man erinnert sich ihrer wohl einmal flüchtig, meistens aber übersieht man sie. Im Hintergrund, auf einem Hügel, als Krone des ganzen, sitzt ein alter Mann und hinter ihm holt der Tod zum Schlage aus, der dem Traum ein Ende gibt. Dem Greis blühen keine Blumen mehr, seine Hoffnungen sind verdorrt. Noch träumt die müde Menschenseele in das weite Land, in die endlose Ebene hinaus; es ist ein letzter Blick vor der großen Nacht der ersehnten Ruhe, abschiednehmend, verschwimmend, in klarer, lichter Höhe. Ganz in der Ferne liegt wohl das Land der Sehnsucht, das nicht erreicht worden ist. Die Kinderträume sind den Bach des Lebens dahingeschwommen und verschwunden, zerstreut. Das Leben - ein kurzer Traum.

 

            Frei von Sentimentalität sah Ernst-Emanuel dieses Bild. Was ihm die Menschen nicht hatten geben können, gewann er sich nun selbst aus dem Kunstwerk; die Gedanken wurden aus ihrem trostlos traurigen Kreislauf, der mit der Trennung von Yvonne begann und wieder bei ihr endigte, langsam abgelenkt; ganz allmählich begann das Kunstwerk zu wirken, zunächst zerstreuend, unterhaltend; dann zu eigenem Denken, zum Selbstschaffen anregend. Ernst-Emanuel begann eine Art Kampf gegen seine Verlassenheit zu führen; er versuchte, System in diesen Kampf zu bringen; er hatte schon manches gewagt und hatte seine Hoffnungen noch jedesmal erfolglos entschwinden sehen. Wie das eine Kind auf Böcklins Bild stützte er den Kopf in die Arme und schaute vor sich hin. So verstrich die Zeit, unausgenützt, verträumt, ohne daß er sich Rechenschaft darüber ablegte; in jähem Erwachen merkte er bisweilen, daß die erste Jugendzeit unmerklich entschwunden war, unwiderruflich, für immer. Dieses Älterwerden verursachte ihm eine Art von Kummer; was andere in seinem Alter kaum bemerkten, wurde ihm zur quälenden Sorge; die Zeit verstrich, ohne daß er sie ausgenutzt hätte. Er war nicht mehr das frohe Kind, der sorglose Knabe; er war älter geworden und hatte seine Jugend noch nicht gelebt, ja, kaum war er sich ihres Wertes bewußt gewesen. Zum ersten Mal fiel es ihm in der Schule auf, daß er fast einer der größten war. Er sah die vielen Kleineren und dachte an die Zeit, da er selbst noch so vergnügt hatte herumspringen können; das war nun schon vorbei; er war älter geworden, die Kleinen begannen mit einem gewissen Respekt an ihm heraufzusehen; Ernst-Emanuel empfand dies besonders unerwünscht und trug die Würde mit stillem Unbehagen. Er fühlte, wie die Zeit verstrich und wie er sich nicht aufraffen und deshalb aus seiner Sorge nicht herauskommen konnte.

 

            So stand es um ihn, als er das letzte Mittel im Kampf gegen sein seelisches Alleinsein es mit einer Arbeit versuchte, die seine freie Zeit ausfüllen sollte. Er benutzte die Arbeit als eine Zeitvertreib besonderer Art und sie wurde seine Freude und Qual zugleich. Schon öfters war ihm der Plan vorgeschwebt, sein Lieblingsmusikstück, Chopins sechste Etüde, zu instrumentieren. Die klare Stimmführung darin war zu verlockend. Jetzt nahm der Plan festere Formen an, bald wurde zur Ausführung geschritten; er übertrug den musikalischen Inhalt für Klavierquintett. Das Klavier schwieg am Anfang, nur die beiden Violinen tragen die Melodie vor, und verschleiert, herb und dumpf sang die Bratsche jene chromatische Mittelstimme, die sich um die Melodie wie eine Begleitung schmiegte, und doch eigentlich wesentlicher erschien als jene. Das Cello hatte ganz unauffällig die Füllstimme zu übernehmen. Aber nach der Wiederholung der Melodie setzte erst das Klavier ein; finster und schwer begann es sich in den Bässen zu regen, eine große Steigerung erfolgte. Die Bratsche ließ die quälende, dauernd beibehaltene Mittelstimme aufschreien, wild, hilflos suchend, dann hoffnungslos schwer in sich zurücksinkend, verhallend. Dazwischen dröhnten die einfach gehaltenen Bässe des Klaviers, wie ein Trauermarsch, unbarmherzig einherschreitend. Dann kam die Wiederholung des Anfangs, immer stiller werdend, bis die vier Streichinstrumente sich im schweren, unerwarteten, fast religiös anmutenden Schlußaccord fanden.

 

            Ernst-Emanuel hatte einen frohen Augenblick als er seinen Gedanken, in Partitur und Stimmen reinlich geschrieben, ausgeführt hatte, denn diese Ausführung war ihm nicht leicht gewesen. Nun war sie vollendet und er hielt das Heft in der Hand; aber niemand wollte es sehen, niemand interessierte sich dafür. Für wen hatte er nun gearbeitet? Wofür? Wozu? - Das fragte er sich oft und konnte keine Antwort finden. Gelegentlich blätterte er in dem Manuskript; einzelne Teile davon führte er sich auf der Orgel, die er neuerdings spielen durfte, vor; da konnte man die Klangunterschiede besser hervorheben; es klang traurig, tiefwehmütig und paßte so in seine Stimmung. Denn da war niemand, der - so wie er selbst einst früher - neben ihm auf der Orgelbank gesessen hätte, still beglückt, bei einem größeren Freund zu sein und dessen Nähe genießen zu dürfen. Wenn Ernst-Emanuel abends durch einen Seitenausgang die Kirche verließ, dann blickte er oft herum, ob nicht ein junger Kunstbegeisteter ihm lauschte, ob er nicht einen jüngeren wenigstens ansprechen und zum Freund gewinnen könne, so wie Gerhard einst ihn zum Freund hätte gewinnen können, wenn jener es nur gewollt hätte. Aber es war niemand da; ihn suchte niemand und den, den er in Gedanken suchte, war nirgends zu finden.

 

            An solchen Abenden ging Ernst-Emanuel dann gesenkten Hauptes nach Hause, und manchmal schlich er vorher am Haus von Yvonnens Eltern vorbei, um festzustellen, daß in Yvonnens Zimmer  wieder einmal kein Licht brannte, sie war wohl wieder mit einem andern zusammen; dann zogen sich über seinem Gemüt Schatten zusammen, so grau, wie es hinter jenen Fenstern war, die ihm durch die Dämmerung entgegenstarrten.

 

 

Zehntes Kapitel.

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            Der Abiturientenkommers der Oberprima war in vollem Gang; an den langen Tischen saßen die jungen Herren mit den Gästen, auch einige Damen und junge Mädchen dazwischen; in dem Saal herrschte ein großer Lärm, den eine kleine Kapelle von Blechmusikern mit den neuesten Gassenhauern noch zu erhöhen suchte; es dröhnte förmlich; dazwischen wurden Lieder gesungen, Reden gehalten, versucht, Salamander zu reiben, die nie so ganz glückten. Über dem Ganzen lag ein dichter, blaugrauer Tabackqualm, welcher einen allzu genauen Anblick dieses Festes barmherzigerweise verhinderte. Denn der Höhepunkt des Abends war schon seit einiger Zeit erreicht und die Belustigung begann auszuarten; einige besorgte Mütter waren deshalb mit ihren Töchtern unauffällig weggegangen; was aber noch da war, das amüsierte sich dafür um so ungezwungener.

 

            Ernst-Emanuel saß für sich auf der Galerie des Saales und beobachtete halb belustigt, halb geekelt, die Entwicklung dieses Festes, dessen Sinn und Zweck ihm unverständlich war. Er fand diese Feier der nunmehr beginnenden akademischen Freiheit ziemlich wertlos. Gewisse Studentensitten wurden vorweg genommen und schlecht nachgeahmt. Ihm hatte es während seiner Gymnasiastenzeit nie an innerer Freiheit gefehlt; das Hervorheben des Beginnens einer gewissen äußeren Ungebundenheit fand er überflüssig, die Art, wie es geschah, geschmacklos. Diese ablehnenden Empfindungen waren jedoch durchmischt mit einem gewissen sehnsuchtsvollen Neid nach dem selbstsicheren Leichtsinn und der fröhlichen Sorglosigkeit, deren seine Altersgenossen sich erfreuen durften; denn ihn quälten die Sorgen mehr denn je, er wußte nicht, was nun werden sollte, nachdem der gewohnte Zwang der Schule aufgehört hatte. Zu einem speziellen Studium fehlte die entscheidende Anregung, allgemeine Interessen waren überreichlich vorhanden. Das Ergebnis längerer Beratungen war schließlich gewesen, daß Ernst-Emanuel zur allgemeinen Klärung seines Wollens und seiner Pläne zunächst ein wenig reisen und dann nach München gehen sollte. Damit war ja für die allernächste Zeit ein Plan festgelegt, aber nicht für sehr lange. Und was sollte dann werden? Gedankenlos starrte Ernst-Emanuel in das Gewimmel und den Durcheinander unter sich hinein. Es war fast nicht mehr zum Aushalten; dort unten freute sich eine gedankenlos-fröhliche Menge und er saß hier oben allein mit Sorgen, aus denen er keinen Ausweg wußte. Er stand auf, um unbemerkt wegzugehen; man mußte ihn aber unten bemerkt haben, und irgend ein Spaßvogel trank ihm von unten zu, so auffällig, daß plötzlich allgemeine Aufmerksamkeit entstand. Nun tranken ihm fast alle Anwesenden zu, während er, höchst abgesondert, am Rand der Galerie stand und sich - was sollte er sonst tun? - zögernd verbeugte, was große Heiterkeit hervorrief. Anstatt in den Saal zu gehen, wandte er sich zur Garderobe, ließ sich seine Sachen reichen und verließ das Gebäude. Hinter ihm schallte ein frohes Studentenlied, mit einem Mal sonderbar abgedämpft, als sich die Tür schloß. Ernst-Emanuel atmete auf, als er allein in der Frühlingsnacht stand; einige nicht mehr ganz junge Damen, die am Haupteingang den Schluß des Festes erwarteten, näherten sich ihm interessiert; er schritt mitten durch sie hinweg, mit einem so tieftraurigen Blick, daß er weiter nicht belästigt wurde. Hinter ihm erklang noch immer das Studentenlied, er kannte dessen Text wohl, die Verherrlichung von Idealen verschiedenster Art . . . . Juvenes dum sumus. Er mußte unwillkürlich lächeln, wenn er daran dachte. Seine Ideale waren auch dagewesen, zahlreicher und schöne als jene. Er war in ihnen groß geworden, er hatte an Menschenliebe, an Ehrlichkeit und an Treue geglaubt, gerad, schlicht und einfach. Diese Ideale waren nun im Verfall; noch kämpfte er für sie, aber es schien ein hoffnungsloser Kampf zu sein; denn die Menschen sind meist nicht so, wie man glaubt und gerne möchte, daß sie sein sollen . . . Juvenes dum sumus . . Was war er denn? Ein Kind? Ja, in seinem betrogenen Glauben. Ein müder alter Man? Ja, in seinem frühreifen Nachdenken. Alles war er, nur kein Jüngling, wie ihn das Studentenlied meint. Abwechseln kam er sich so reich und überlegen, dann wieder so hoffnungslos und zerbrochen vor, daß er kein Ergebnis fand.

 

            Ernst-Emanuel wanderte weiter und weiter, stundenlang, immer vor sich hin, durch die Stille, träumerische Nach; von fern begann schon der Tag zu grauen, noch kaum bemerkbar. Er kam an einem stillen Friedhof vorbei, der sich, mitten in der Stadt um eine kleine Kapelle schmiegte; zum ersten Mal ergriff ihn eine warme Sehnsucht nach dessen sorgloser Stille und diesem angstbefreiten Frieden; nach diesem Fleck Erde, wo „alle Tränen abgewischt werden und wo kein Leid und kein Geschrei mehr ist“. Vereinzelt und ganz leise begannen die erwachenden Vögel sich in den Bäumen zuzuzwitschern. Langsam wurde es heller, rosa-grau und sauber lagen die menschenleeren Straßen da. In der Ferne hörte er einige Betrunkene heimtorkeln. Al sie näher kamen, erkannte er Teilnehmer des Abiturientenkommerses. Er trat zur Seite und ließ sie an sich vorbeischwanken. Ob jene wohl etwas merkten von der verschleierten Schönheit eines Frühlingsmorgens in der stillen silbergrauen Stadt?

 

            Die nächsten Wochen verbrachte Ernst-Emanuel wieder in Belgien. Er fuhr diesmal über Basel, wo er lange vor dem Original von Böcklins Bild: vita sumnium breve saß. Er hatte bei dieser Fahrt kein Glück. Es regnete fast immer. Am Meer war es noch kalt und unwirtlich, vom Wind gezaust stand er wieder auf der Digue und sah den Wellen zu, die schmutzig-grün heranrollten. In Brügge goß es wie mit Strömen. Deshalb war er viel in den Kirchen und Museen, mit viel Liebe vertiefte er sich in die Werke der frühen Niederländer, er verstand ihre reine und klare Ansehungsweise und lebte sich in ihre innige, versonnene und doch frohe Welt ein; die fröhliche Kleinkunst, der nichts zu gering und armselig war, um es doch darzustellen, gab immer neue Eindrücke, war unerschöpflich. Zuerst war es das Große - Ganze, das beinahe überwältigend dastand, das Ergebnis jahrelanger, mühsamer Arbeit; je näher man kam, in desto mehr Einzelkunstwerke zerfiel das Hauptwerk; und dann erst begann der eigentliche Genuß der Betrachtung; denn in dem Kleinsten und Unscheinbarsten hatten diese alten Meister eben gerade ihr Innerstes und Tiefstes zum Ausdruck gebracht; in der Darstellung kleiner Räume, durch deren Fenster man aber doch noch einen weiten Blick in die stille Landschaft hatte, zeigte sich das Gemüt und die Innigkeit des Künstlers vielleicht mehr, als in den Gesichtern der einzelnen Personen, die alle einen ruhigen, verschlossenen Ausdruck hatten und deshalb bisweilen etwas einförmig wirkten. Zeugen einer Zeit, die ihr reiches und tiefes Seelenleben ängstlich hinter einer gleichmütigen, unbewegten Miene verbargen.

 

            Trotzdem hinterließen nicht sie den tiefsten Eindruck in dem Gemüt des einsamen Beschauers, sondern dies tat Michelangelos Madonna in Notre-dame. Sie erschien Ernst-Emanuel wie ein Ebenbild seiner eigenen Seele, still und träumerisch, unberührt von allem Kleinlichen, liebevoll zu andern sich vorbeugend, aber eben doch von einer gewissen stolzen Scheu zurückhaltend. Der Aufenthalt vor ihr in dem etwas kahlen Querschiff der Liebfrauenkirche war beunruhigend und erhebend.

 

            Draußen aber regnete es noch immer und der Wind nahm an Stärke zu. Von einem träumerischen Umherstreifen in den Kanälen, auf das er sich gefreut hatte, war keine Rede, er war froh, als er wieder im Zug saß, denn dort war es wenigstens trocken und warm, aber sein Blick schweifte ziellos über die weite flämische Ebene, die sich melancholisch und öde dahindehnte. Der Sturmwind pfiff darüber hin und peitschte die grauen Regenwolken vor sich her. -

 

 

Elftes Kapitel.

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An einem trüben Regentag gegen Ende April fuhr Ernst-Emanuel nach München, um sein erstes Semester daselbst zu verbringen; er saß allein in seinem Abteil und war froh; daß die Bahnfahrt noch nicht zu Ende war; denn so lange wenigstens saß er ruhig und ungestört, unberührt von den Anforderungen, die das Leben an ihn stellen würde und die er seinerseits an das Leben stellen mußte, einstweilen, nicht mehr lange, saß er noch geborgen und konnte sich dahintreiben lassen, wie es gerade kam. Augsburg war schon vor einiger Zeit verlassen und München mußte nun bald erreicht sein; draußen fegte ein Sturm über die bayrische Hochebene, der Regen fiel gegen die Scheiben, es war belustigend zu beobachten, wie die einzelnen Regentropfen an den Scheiben herabhüpften und herabrollte; sie bildeten ein Netz, aus dem sich immer neue Figuren herauslesen ließen. Dazu kam die gleichmäßige Erschütterung des Wagens; das alles machte die Fahrt eigentümlich gemütlich und heimelig; daß sie doch kein Ende nehmen würde! Oder doch wenigstens noch nicht so bald! Ernst-Emanuel hatte das peinliche Gefühl eines Kranken, der zu einer Operation gefahren wird. Es muß sein, es läßt sich nun einmal nicht ändern. Wenn es doch nur nicht sein müßte! Mit unterdrückter Angst verbindet sich die leise Hoffnung, irgend etwas Unerwartetes möge einen Aufschub verursachen, möge das Unvermeidliche diesmal, nur dies eine Mal noch verhindernd. Diese  Empfindung eines Gemisches von Entschlossenheit und Angst, von Hoffnung und Beklommenheit machte es, daß Ernst-Emanuel dem Ende seiner Fahrt freudlos entgegensah. Denn dann war er gezwungen, für sich selber zu sorgen, eine Wohnung zu suchen, auswärts essen zu gehen. Niemand erwartete ihn dort; er konnte tun und lassen, was ihm beliebte; dem einzigen Menschen, der er dort kannte, Gerhard, hatte er nicht geschrieben; man war sich doch zu fremd geworden und war zu sehr auseinander gekommen; bisher hatte er ein Wiedersehen mit ihm überhaupt vermeiden wollen; jetzt aber, als es mit dem Handeln erst wurde, wäre er froh gewesen, wenn ein Bekannter wenigstens dagewesen wäre, sei es auch nur für den Anfang. Nun war es versäumt und es galt, allein zu handeln. Und wozu denn nur? Warum kam er denn eigentlich hierher? Wozu verließ er seinen bisherigen Aufenthaltsort, die bekannten Menschen und Beziehungen? Wozu nur? Was wollte er denn von den andern? Was wollten die andern von ihm?

 

            Diese Frage stellte sich der junge „Student“ der eben den Beginn seiner „akademischen Freiheit“ erlebte. Doch jetzt hielt der Zug; es galt, zu handeln, sich seiner Haut zu wehren. Und Ernst-Emanuel handelte, die Träumereien waren verflogen, alles verlief programmgemäß.

 

            Einige Tage nachher war Sonntag; der Regen hatte aufgehört und zum ersten Mal war wieder Sonnenschein; noch war alles kahl und nicht frühjahrlich. Ernst-Emanuel saß in seiner neuen Wohnung, die er nach kurzem Suchen glücklich gefunden hatte. Er hatte es gut getroffen. Die zwei Zimmer, die er bewohnen wollte, waren angenehm eingerichtet. Das größere mit einem Balkon, diente als Schlafzimmer. In der Mitte des kleineren war - zum großen Erstaunen des vermieteten Ehepaares ein Konzertflügel aufgestellt worden. An der einen Wand, vom Flügel wie vom Schreibtisch aus sichtbar, hing die große Reproduktion von Böcklins: Vita somnium breve. Vielerlei Kleinigkeiten waren im Zimmer verteilt, so daß es durchaus wohnlich und intim darin was. Ernst-Emanuel war froh, daß das Einrichten nun ein Ende genommen hatte. Allerdings hatte er bei dem Hin und Her, bei den Gängen und Einkäufen in der fremden Stadt, eine unterhaltende Beschäftigung gefunden, nun aber war alles fertig und in schöner Ordnung und der stille Sonntag war gekommen, doppelt still nach der Unruhe und der Arbeit der letzten Tage. Diese stille aber war schließlich doch bedrückend. Ernst-Emanuel litt unaussprechlich unter ihr, konnte sich aber doch nicht entschließen, sie durch einen Ausgang zu beenden. Wohin sollte er auch gehen? Zu Entdeckungsfahrten in der Stadt und deren Umgebung hatte er weder Lust noch Begabung, die Vorlesungen begannen erst in 14 Tagen. Irgendwelche Bekanntschaften zu schließen, war noch nicht möglich gewesen. So saß er denn in der neuen Wohnung, wie ein frisch gefangener Vogel in einem glänzenden Käfig, der es nicht wagt, sich zu rühren. Es war still, so unheimlich still: nun galt es, einen Nachmittag zu bestehen und den Abend, vor allem den Abend. Draußen und drinnen war Feiertagsruhe. Fast jedermann hatte diesen ersten schönen Tag zum einem Ausflug benutzt; man sah deshalb jetzt nur wenige Menschen auf der Straße; aber diese wenigen waren immer zu mehreren beisammen; paarweise, gruppenweise. Niemand war so allein wie er, so ganz allein.

 

            Ernst-Emanuel trat seufzend vom Fenster in das Zimmer zurück. Die große Traurigkeit des Verlassenseins überkam ihn mit einem Mal. Die Einsamkeit kannte er ja schon zur Genüge, aber das Alleinsein war ihm noch fremd; bisher hatte er doch immer noch die Gelegenheit gehabt, sich zu Menschen zu flüchten und wenn es auch die gleichgültigsten oder unsympathischsten waren; er hatte doch sich selber entfliehen können; aber hier war er allein und niemand kümmerte sich um ihn. Die Sonne schien scharf und stechend zum Fenster herein, ihr Schein spiegelte sich im Deckel des Flügels, langsam zog er darüber hin, kaum merklich. Ernst-Emanuel sah nach der Uhr; es mußte doch schon spät sein - es war halb vier Uhr. Draußen wurde es immer stiller; nur noch ganz vereinzelt hörte man langsame gemessene Schritte älterer Spaziergänger; es war zum verzweifeln still und öde. so griff er zu einem Buch, versuchte zu lesen. Als er endlos gelesen hatte, sah er wieder nach der Zeit; nun war es kurz vor vier Uhr. Da legte er das Buch hin, resigniert. Das war also seine Studienzeit; die fing nicht übel an; wenn es so weiter ging, Woche um Woche, Monat um Monat! Er stand auf und wanderte ruhelos um den Flügel herum, bis ihm schließlich beinahe schwindelig war. Jetzt war es viertel Fünf. Jeder Mensch, der allein ist und sich noch nicht die nötige Selbsterziehung angeeignet hat, mittelst der er sich in der Zeit überwindet, kommt schließlich in einen Zustand wilder, hoffnungsloser Verzweiflung, der so heftig ist, daß er alle andern Überlegungen zu Schanden macht; Pläne und Absichten werden umgestoßen, Vorurteile und Antipathien als kleinlich außer Acht gelassen. Die Not wird am Ende so mächtig, daß der Gepeinigte willenlos alles versucht, nur um nicht mehr allein sein zu müssen. Um halb Fünf war Ernst-Emanuel so weit, er konnte nicht mehr.

 

            Da beschloß er, das zu tun, was er ursprünglich nicht hatte tun wollen; er suchte Gerhard auf; auf der Straße wurde ihm ein wenig leichter; bald fand er sich nach der wohlbekannten Adresse durch. In einem vielstöckigen, nicht sehr verlockenden Haus mit vielen Visitenkarten an den Flurtüren fand er schließlich den gesuchten Namen. Ob Gerhard wohl zu Hause war? - Er war nicht zu Hause, würde aber sicher bald nach Fünf Uhr kommen. Das war wenigsten etwas. Vielleicht war der Abend noch zu retten. Deshalb ging Ernst-Emanuel wieder hinunter, schritt vor dem Hause hin und her und wartete geduldig. Gegen 6 Uhr, als es schon dämmerte, kam Gerhard schließlich, ein junges Mädchen am Arm; ein anderes schritt nebenher. Ernst-Emanuel atmete auf; es war ja fatal, daß Gerhard nicht allein war, aber immerhin war das Alleinsein nun zu Ende; nach dem ersten Erstaunen und Wiedererkennen war die Begrüßung dann recht herzlich. Die beiden jungen Mädchen waren Kolleginnen Gerhards vom Konservatorium; oben angekommen, begannen sie gleich den Tisch zu decken, Tee zu kochen, ein kleines Abendessen herzurichten; Ernst-Emanuel sah ihrem Treiben, das ihm in dieser Art neu war, mit Interesse zu; dazwischen sprach er mit Gerhard; Erinnerungen wurden aufgefrischt; gemeinsame Bekannte passierten Revue; Gerhard erkundigte sich nach des andern Wohnung und Studienplänen, erzählte von sich selbst. Dazwischen gab es vergnügte Bemerkungen zu den beiden jungen Mädchen hinüber, Neckereien und Scherze flogen hin und her. Die eine, die Hella gerufen wurde, nannte Gerhard bisweilen mit einer leichten Anwandlung von spielerischer Zärtlichkeit „meine süße, kleine Hausfrau“. Die andere, Alice, groß und ernsthaft schien auf jemand zu warten; so nebenbei erfuhr Ernst-Emanuel, daß man auf einen anderen jungen Musiker, den Freund Alicens, warte. Als dieser aber immer noch nicht kam, wurde Ernst-Emanuel aufgefordert, den Platz einzunehmen und den Abend dazubleiben; natürlich nahm er mit Dank an. Er hatte schon gefürchtet, dem säumigen Musiker Platz machen zu müssen. Da dies nicht nötig war, wurde er sehr froh, war lebhaft, gesprächig und guter Dinge. Die große, ernsthafte Alice saß neben ihm, geärgert über das Ausbleiben ihres Freundes, von Zeit zu Zeit warf sie einen prüfenden Blick auf ihren Nachbar und mit einem Mal gab sie ihren Ernst auf und war lustig mit den andern. Der Abend verlief sehr gemütlich und Ernst-Emanuel lud vor dem Auseinandergehen alle drei auf den nächsten Abend zu sich ein, was mit Hallo aufgenommen wurde. Er durfte auch Alice nach Hause begleiten, die beiden andern wollten noch etwas für sich zusammen bleiben. Beim weggehen flüsterte Gerhard dem jüngeren zwar zu: „Sei vorsichtig mit Alice, sie ist unberechenbar“, aber die Warnung kam schon zu spät; das Heimbegleiten wurde zu einem längeren Spaziergang durch das nächtliche München, im Verlauf dessen Alice sichtlich freundlicher und liebenswürdiger wurde. Das Dunkel verbarg es allerdings, daß manchmal ein etwas sonderbares Lächeln über ihr Gesicht flog; jedenfalls merkte Ernst-Emanuel während dieses gemütlichen Dahinschlenderns nichts davon, es fiel ihm nur auf, daß er ziemlich kurz verabschiedet wurde, doch dachte er sich nichts dabei und kam heiter nachhause.

 

            Der nächste Abend, bei ihm, verlief ähnlich. Man fand seine Wohnung entzückend, man sah Partitur und Stimmen der instrumentierten Etüde mit fachmännischem Interesse durch; Gerhard beschloß gleich, sie nächstens mit einigen Kollegen zu spielen. Nachher geleitete der Gastgeber wiederum Alice nachhause, während Gerhard und Hella für sich weggingen; er bemühte sich, recht liebenswürdig zu sein, fragte viel und erzählte noch mehr; auf dem Heimweg bemerkte er, daß er wieder einmal so weit sei, es war wie immer; er hatte sein gutmütiges Herz nicht in der Gewalt. Im Nachsinnen steigerte sich seine Leidenschaft, er wollte schon in den nächsten Tagen eine Aussprache herbeiführen; er war glücklich in der Hoffnung, eine Freundin, eine liebende Seele sein eigen nennen zu können. In der Begeisterung übersah er alles, was ihn vielleicht hätte zur Vernunft bringen können; er dachte nicht daran, wie plötzlich er abends von Alice verabschiedet worden war; er bedachte nicht, wie ernst und verstimmt sie am ersten Abend, während des Wartens gewesen war und wie dann urplötzlich ihre Stimmung umgeschlagen hatte; vergessen war auch Gerhards Warnung. Was verstand denn der davon? - Er bemerkte auch nichts darin, daß Alice lächelnd erklärt hatte, an den nächsten Abenden keine Zeit zu haben, auch Gerhard und Hella sagten, daß ihre nächsten Abende schon besetzt seien. Das war alles nebensächlich, ganz gleichgültig. Ernst-Emanuel zog wiederum seiner Leidenschaft keine Grenzen und doch war er dabei so müde; erst die hoffnungslose Traurigkeit des Alleinseins und nun dieses Glück, dieses heimliche, scheue Glück.

 

            Am Mittwoch Abend war Ernst-Emanuel in großer Erregung; er fühlte sich wieder so vereinsamt, zumal in seiner Liebesleidenschaft. Am Nachmittag hatte er versucht, Alice zu besuchen. Allein er hatte sie nicht gesehen. „Herr . . . -es war der Name dessen, der am Sonntag Abend vergeblich erwartet worden war - sei bei dem Fräulein zum musizieren, und sie hätte gesagt, daß sie nicht gestört sein wolle“. Daraufhin war Ernst-Emanuel verdutzt weggegangen. Was war das? Sein Mißtrauen war erwacht, aber noch hatte es keine bestimmte Richtung.

 

            Ziemlich spät abends ging er noch einmal weg; er hielt es in seiner Wohnung nicht mehr aus, die Leidenschaft trieb in hin und her. Ohne nachzudenken, schlug er wieder den Weg zu Alicens Wohnung ein. Er ging leise und unauffällig. Vor sich bemerkte er ein Paar, das eng verschlungen langsam dahinschritt, ein Liebespaar, welches sich unbeachtet glaubte. Ernst-Emanuel wollte schon diskret in eine Seitenstraße einbiegen, als ihm plötzlich die Gestalt und Kleidung des jungen Mädchens so bekannt vorkam. Mit zwei Sprüngen hatte er das Paar eingeholt, es war ein jüngerer Mann mit langen dunklen Künstlerlocken und - Alice. Sie erschrak, als sie ihn so plötzlich sah, machte sich gewandt von ihrem Begleiter los und wollte ihn ansprechen, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Allein Ernst-Emanuel ließ es gar nicht so weit kommen. Höflich grüßend schritt er vorüber und ging geflissentlich langsam und ruhig seines Weges. Er hörte gerade noch, wie Alice ihrem Begleiter eine kurze Bemerkung machte und beide übermütig auflachten; doch bezwang er sich und drehte sich nicht nach ihnen um.

 

 

Zwölftes Kapitel.

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            Zuhause angelangt, saß Ernst-Emanuel lang und brütete vor sich hin, diesmal wußte er nicht weiter. Er hatte schon einmal ähnlich dagesessen, verzweifelt und allein, verraten und zurückgestoßen. Wieder hatte ihm seine Phantasie einen Streich gespielt. Seine Aufregung war diesmal geringer wie das erstemal, seine Enttäuschung war größer. Kummer und Sorge hatten ihn stumpf gemacht; es war ihm vieles gleichgültig geworden. Er sehnte sich nach einem Ende. Was sollte er nun noch? Er hatte sich fangen lassen, war einer Komödie zum Opfer gefallen; er hatte Alice zur Unterhaltung gedient, vielleicht auch als Mittel, durch Erregung der Eifersucht ihres säumigen Freundes dessen wieder habhaft zu werden; dazu hatte man seine Gefühle mißbraucht; wozu sollte er dann noch Gefühle haben? Niemand wollte ihn, seine Bemühungen, seine Liebe. Die Leute waren alle schon versehen, hatten übergenug. Ernst-Emanuel saß auf der Bank vor dem Flügel ganz unbewußt zuckte er bisweilen die Achseln, er saß, bis ein grauer Morgen ihn belehrte, daß die Nacht inzwischen vorübergegangen war.

 

            Da stand er auf und schrieb ein paar Zeilen an Gerhard, daß ihn verschiedene Umstände hinderten, ihn in den nächsten Tagen aufzusuchen, auch müsse er wahrscheinlich verreisen; nachher würde er dann wieder von sich hören lassen. - Auf dem Schreibtisch lag auch Alicens Stammbuch, das sie ihm am Dienstag gebracht hatte, weil er sie um die Erlaubnis gebeten hatte, ihr etwas hineinschreiben zu dürfen; teilnahmslos blätterte er jetzt darin herum. Er überlegte, ob er überhaupt noch etwas hineinschreiben solle. Er beschloß es zu tun. Nach kurzem Nachsinnen schrieb er dann:

 

Skule Bardson war Gottes Stiefkind auf Erden;

das war das Rätsel an ihm. -

 

                                  H. Ibsen. Die Kronprätendenten 5. Akt.

 

            Vielleicht verstand sie das, vielleicht auch nicht; vielleicht lachte sie darüber, das war ja einerlei. Ihm war überhaupt alles einerlei. Er wartete nur noch auf das, was ihm noch alles bevorstand.

 

            Sein Blick fiel auf die kleine Bibel, die er mit vielen Büchern auch mitgebracht hatte. Nur um doch etwas zu tun, griff er nach ihr und begann zu blättern, er las bald hier, bald dort. Tiefe Sehnsucht überkam ihn, als er die alten, wohlbekannten Sprüche las, eine Sehnsucht nach seinem frommen, weichen Kinderglauben, den er gehabt und den ihm die Menschen gerade so zerstört hatten, wie vieles andere. In übermüdetem krampfhaftem Festhalten suchte er die Erinnerung an all die lieben Erzählungen aus vergangener Kinderzeit zu wecken. Über ein planloses, träumerisches Erinnern kam er jedoch nicht hinaus. Dann blätterte er weiter hinten bei den Episteln. Als er aber im ersten Korintherbrief im 13. Kapitel an die Stelle kam: Die Liebe höret nimmer auf -

so doch die Weissagungen aufhören werden, und die

Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis auf-

hören wird“ da war es zu Ende mit dem lesen. Bitterlich weinend brach er über dem Buch zusammen. „Die Liebe höret nimmer auf“ - nun wußte er, daß seine Qual nicht aufhören würde, denn seine Liebeskraft war ungemindert und ihre schlichen Betätigungsversuche waren verschmäht worden und würden verschmäht bleiben. Sein Lieben war echt, denn stets war er darin selbstlos gewesen; er hatte immer dem einem jedem Menschen eigenen Trieb nach innerer Freiheit Rechnung getragen und nie einen Zwang in seinem Lieben geduldet. Er wußte es auch, daß „wo Menschen lieben, der immer sich demütigen muß, der am meisten liebt“. Das war es alles nicht; hierin lag der Fehler nicht, sondern darin, daß er niemand finden konnte, dem er seine Liebe erweisen durfte; er merkte es, wie ungern Menschen lieben lassen und diese Erkenntnis, die erst jetzt gekommen war, brache alle seine Anschauungen zu Fall. Er hatte ein Träumerleben geführt, nun kam ein jähes Erwachen. Und wie auf weitem Eisfeld sich dem Menschen „der weiße Tod“ nähert und ihn erstarren läßt, wie der giftige Hauch der Krankheit von den Menschen den Namen „der schwarze Tod“ erhalten hat, so näherte sich Ernst-Emanuel in Kummer und Not, in Schmerz und Sorgen er grauenvollste „der graue Tod“ still und gleichmäßig, unerbittlich grau in grau. Es war kein Gefährte in Einsamkeit und Alleinsein, er war die sorgenvolle Einsamkeit der Menschenseele selber. Er begann sein Opfer zu umschleichen, zog immer engere Kreise um es herum.

 

            Gegen Abend ging Ernst-Emanuel endlich ein wenig aus, dumpf hatte er die Empfindung, daß er heute ja noch gar nichts gegessen hatte. Er trat in ein Gasthaus, ließ sich etwas geben. Aber es schmeckte nicht, was er aß. Schweigend ging er wieder weg. Draußen war es rauh und kalt geworden; da ein in München nicht seltener Temperatursturz eingetreten war. Ernst-Emanuel achtete nicht darauf. Achtlos schritt er gegen den kalten Nordwind dahin, Straße hin, Straße her. Was solle er nun anfangen? Er hatte keinen Menschen, den er hätte fragen können, er hatte keinen Rat und Trost, an den er sich hätte klammern können; endlich schlich er heim, frierend und zähneklappernd ging er zu Bett. Er dachte zurück an alles, was er schon erlebt hatte, vor allem an den lieben müden Onkel Harald; wie gut verstand er jetzt dessen Art, vor der er sich einst nicht hatte fürchten sollen und die nun schon so bald seine eigene Art geworden war. Und er dachte an Gerhard und an Yvonne und an Alice, an alle, die seine Liebe verschmäht oder verraten hatten, er dachte und dachte . . . .

 

            Die Lungenentzündung war in vollem Gange, schon seit mehreren Tagen. Ein zweiter Arzt war hinzugezogen, Ernst-Emanuels Pflegeeltern war telegraphiert worden. Der eine Arzt meinte, es sei erstaunlich, wenn dieser kräftige Jünglingskörper die Krankheit nicht überstehen sollte; der andere aber wies auf das kummervolle, schmerzliche Angesicht des Leidenden hin, er meinte, daß der junge Mann Schweres erlebt haben müsse, so Schweres, daß jeder Wille zum Gesundwerden und zum Leben erloschen sei. Nach seiner Ansicht würde dies einen ungünstigen Verlauf der Krankheit verursachen. Darüber unterhielten sich die beiden Herren im Nebenzimmer.

 

            Ernst-Emanuel merkte von alledem nichts mehr. Er wußte nichts mehr von den Menschen, erkannte niemand mehr. Er hörte nur das Meer rauschen, den Wind klagen als wäre etwas geschehen; er war wieder dort und diesmal brauchte er nicht wegzugehen; wie trunken schweifte der erlöste Blick in weite Ferne, ins blaugraue, wesenlose; ganz hinten ein paar Häuser, weißleuchtend im Sonnenschein mit roten Dächern; ein schlanker weißer Turm dabei - Sluis; und dann sah er wieder Böcklins: Vita somnium breve. Der alte Mann ober auf dem Hügel stand von seinem Sitz auf und sah ruhig vor sich hin. Und wie aus weiter Ferne hörte Ernst-Emanuel ihn, Onkel Harald, mit müder ruhiger Stimme sagen: „Armer, kleiner Kerl., armer, kleiner Kerl“. In einem weichen, fast singenden Ton, beruhigend wie eine Liebkosung. Und nun noch einmal: „Armer, kleiner Kerl . . . . .

 

            Da wurde Ernst-Emanuel wieder zum kleinen Jungen, der eine liebende Seele gefunden hatte, dem niemand mehr etwas anhaben konnte, der alle liebhaben durfte, und den alle liebhatten. Dem großen Ernst-Emanuel aber war in diesem Augenblick das Herz gebrochen vor Kummer und Herzeleid. Ein barmherziger Tod erlöste ihn, nachdem das Traumleben einer Künstlerseele erfüllt war, das nie verwirklicht werden kann: Vergeblich hatte diese Seele gerungen, mit ihren bescheidenen Mitteln andere Seelen zu bilden, sich ihnen mitzuteilen. Es war ich nicht gelungen. Aber erträumt hatte sie das Höchste, was ein Menschenherz erträumen kann: selbstlose, gebende Liebe.

 

            An einem trüben stürmischen Regentag war Ernst-Emanuels Begräbnis. In dem verlassenen Zimmer standen und lagen noch seine vielen Sachen in größtem Durcheinander umher. Auch die Reinschrift von Partitur und Stimmen zur sechsten Etüde Chopins lagen dort. Ein Windstoß öffnete plötzlich ein schlecht geschlossenes Fenster. Der Wind ergriff die Blätter und zerstreute sie auf dem Fußboden. Die Einzelstimmen und die Blätter der Partitur lagen da durcheinander; man konnte nicht mehr erkennen, was eigentlich zusammengehörte. Da kamen die Angestellten der Pianofortehandlung, die den Flügel wegtransportieren sollten; achtlos traten sei mit ihren schmutzigen Stiefeln auf die am Boden liegenden Blätter.



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