Privatdozent Dr. Dr. Adolf von Grolman hielt 1919 in Gießen
als einer der ersten eine Vorlesung über Thomas Mann (hierzu suche ich
noch Aufzeichnungen, jeder Hinweis ist mir willkommen).
Laut der Vorlesungsverzeichnisse der Universität Giessen hielt Adolf
von Grolman seine ersten Lehrveranstaltungen im Wintersemester 1919/20
ab und die letzten im Sommersemester 1922. In diesem Zeitraum gab es
von ihm u. a. Vorlesungen über Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin
und Gottfried Keller und Übungen über Werke von Schlegel, Schiller und
Goethe.
Laut seiner Habilitationsakte (Signatur PrA Phil10 ) wurde die Venia
legendi am 28. Mai 1919 erteilt für das Fach der Neueren Deutschen
Literaturgeschichte noch im Verlaufe des Sommersemesters 1919 eine
Vorlesung über Thomas Mann angeboten hat und diese keine Aufnahme mehr
im Vorlesungsverzeichnis gefunden hat, da selbiges ja bereits gedruckt
vorlag.
Beitrag aus "Die neue Literatur
Herausgeber Will Vesper 02. 1932
Adolf von Grolman
Von Philipp Leibrecht
„Einen Schriftsteller aus sich selbst zu
erklären, ist die honestas jedem honesto
schuldig.“ Herder
Wenn
Aristotoles in der Nikomachischen Ethik von dem Großgesinnten spricht als von
einem, der es insonderheit mit der Ehre und Unehre zu tun habe und sich
maßgewisser als andere zur Ehre wie zur Unehre zu verhalten vermöge, so will
mir gerade diese Betrachtung im ganzen Kreise ohrer Gedanken immer wieder von
seltsamen Gewicht erscheinen für das Tun und Streben der literarischen
Wissenschaft und Kritik. In ihrer starken Gegenwartsbezogenheit in ihrer
urlaubslosen Gespanntheit hat diese Disziplin bei den ihr immer nahen Gefahren
des Vergreifens dauernd mit Rechtsangelegenheiten der Sinne und Seele, des
Geistes und der Gnaden zu tun; ein unausgesetzterEhrenhandel um die Reinheit
der Kunst (Werk und Gesinnung) läßt diese Geisteswissenschaft kaum zu jener
gesegneten Gelassenheit kommen, die am Wege anderer Arbeit zum Veratmen liegt,
und jede Selbstschau noch wird ihr sogleich zum Recjten um ihre Daseinsform und
ihre Grenzen, Richterant und Anklagezustand gehen oft wie in bösen Träumen
ineinander über; und uns will die Tragik aller kritischen Tendenzen berühren.
Es erscheint-unter solchem Aspekt –
für das begriffliche Scheidungsvermögen und zumal für den Ehrbegriff des
Literaturwissenschaftlers eine glückliche Zweiheit und fast sinngebende
Entwicklung, wenn ein so Besonderer auf diesem Gebiet wie Adolf von Grolman von
der Juriprudenz herkommt, Jurist war, bis er (1916) sich von rein juristischer
Tätigkeit abwandte und – mit juristischer Schulung und Methode – Geschichte,
Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und die damit eng verbundenen Belange
der Psychologie, Psychatrie studierte. Dieser Bildungsgang mußte eine im Grunde
synthetische Persönlichkeit wesenhaft fördern bei dem Hineinwachsen in den
höheren Beruf des Literaturhistorikers: Instrument zu sein und Träger
geschichtlicher Gerechtigkeit. Und es ist sehr bezeichnend, wenn Grolman schon
1920 seine literaturkritisch-biographische Arbeit über Friedrich Maximilian
Hessmer in der Einleitung einen „Versuch der Betätigung literarischen
Gerechtigkeitsgefühls“ nennt.
Die Aufgabe war hier nicht gering,
weil in diesem Buche einem vielseitigen, aber nicht einheitlichen Menschen und Künstler
Gerechtigkeit werden sollte. Das Werk ist aber vielleicht gerade dadurch viel
mehr als die Ehrenrettung einer geistesgeschichtlichen Erscheinung schlichten
und gesinnungstüchtigen Formats geworden, und Grolman hat die Aufgabe
gemeistert, weil ihn vornehmlich an dieser Gestalt und ihrem Lebenskreise auch
Elememte reitzten, die für die Gestaltung eigener Wesenheit und Arbeit Geltung
beanspuchten und erhielten. Es erscheint nicht zufällig, dass die Darstellung
der Freundschaft Hessemers mit Gervinius nicht zufällig in dem Buche so zentral
wirkt, mit der ganzen Kust am innerlich Gegensätzlichen meisterlich behandelt.
Das Freundschaftsproblem wird in den Schriften Grolmans sehr bedeutsam
wahrgenommen, und vom ersten Erfassen schon führen die Linien deutlich bis zu
jenem Erkenntnispunkte, von dem aus Grolman entscheidend in die
Hölderlinforschung eintreten mußte. Davon wird noch kurz zu sprechen sein. –
Was in dem Buche über Fr. M. Hessemer noch besonders liebevoll behandelt ist,
sind die Reisen des Architekten, Zeichners, Künstlers und Poeten aus Frankfurt
nach dem Süden. Reisen nach dem Süden, nach Italien und Südfrankreich
vornehmlich, sind für Grolman selbst unentbehrliche Mittel zur Gestaltung
seines Weltbildes und seiner Geistesbildung gworden; sein künstlerischer und
landschaftlicher Sinn ist dort heimatlich geborgen, wie er auch seine
Arbeitsstätte Karlsruhe ausgesprochen wegen der klassischen Bauten Weinbrenners
liebt, und wie er überhaupt auf seinen vielen Fahrten einen Raum zwischen
Brügge und Foggia , zwischen Neapel un Würzburg als ihm innerlichst gemäß
erleben durfte. Davon zeugen u. a. auch seine zahlreichen Besprechungen über
Bücher dieses Stoff- und Lebensgebietes, die, zusammengefügt eibe reizvolle
Recensuo Italica ergeben würden.
Dann aber noch dies: In dem Buch
über Hessemer klingt auch manches schon bedeutsam an, was uns heute als eine
Existenzfrage des Geistes erscheint, und bekenntnishaft, ahnungshart für sich
und die Generation ist dort gesagt: „Es ist das Los und eigentümliche Widerspiel
im Leben des Künstlers und Geistesarbeiters, dass er, von den idealen
Schwingungen in seiner schönsten Betätigung vorwärts- und emporgetrieben,
trotzdem in der eigenen Seele oder bei seiner Umgebung irdische,
allzumenschliche Strömungen und Widerstände zu verspüren bekommt;zwischen
beiden hat er dann für sich und für die anderen den harmonischen Ausgleich zu
suchen, und wohl ihm, wenn er ihn findet, indem er sich bescheidet mit dem
Gegebenen und Erreichbaren, wenn er komplett ist im Rahmen seiner Fähigkeiten
und sich rein erhält von den beunruhigenden Strömungen, welche sein Künstlertum
nicht zu klären oder zu fördern geeignet sind.“ Hat von Grolman so früh schon,
das Unbedingte herausgestellt, den Weg sich vorgezeichnet zum Schwersten hin:
dem Maße, - so ist doch nie seine bislang überschaubare Entwicklung in
irgendeiner Festlegung verarmt: Beweglichkeit und Kraft, Reiz und Schmelz des
frischen Geistes sind konstant geblieben und unmittelbar ansprechend. Bei aller
Lust am Gegensätzlichen und Besonderen herrscht aber die Zucht in Seele und
Form mit dem Erkenntnisziel des Gesetzmäßigen. – Wie allen Verantwortlichen
haftet auch der literaturwissenschaftlichen Arbeit Grolmans etwas
Erzieherisches an; manchmal weist es sich offen als solches aus bis zum Eigenwilligen,
Zumutenden, niemals aber Verzwungenen.-
Adolf von Grolman gehört bewusst
keiner der herrschenden Schulen oder Gruppen seiner Fachwissenschaft oder
seines weiteren Geisteskreises an; auch lehnt er es ab, als irgend jemandes
Schüler zu gelten. Aller Gebundenheit und Versuchung zur äußeren Einordnung
abhold vermochte er auch einer Dozentenlaufbahn nichts abzugewinnen. Für sein
Streben nach exakter Forschung und unbeirrbarer Begriffsbildung in der
Literaturwissenschaft und sachlich-seelischer Durchdringung (Anschauung) der
Dinge sah er in größtmöglicher Unabhängigkeit eine erste Bedingnis; und er
scheute in der Verwirklichung dieses seines Gelehrtenideals, das in einem
lebensverbundenen Menschentum besonderer Verantwortung gipfelt, kein Opfer. Es
ist insgesamt etwas Lessingsches in Grolman: In seinem Eintreten für die
Verkannten und Niedergehaltenen in seinem Kampf gegen alle Vergötzung, gegen
die drohende Industrialisierung von Wissenschaft, Kunst und Verlegertum;
lessingisch ist er in der Bestimmtheit seiner Gesinnung und Geisteshaltung, dem
Ernst seiner Tätigkeit und wiederum in der Gerechtigkeit (aequitas im Sinne des
Aristides), - Aber das Nordisch-Reformatorische Lessings ist in Grolman
umgebogen in die südliche Strenge scholastischer Prägung (doch fern aller
erasmischen Weise).
Man kann bei einem Gelehrten so
eigenen Gepräges, dem es obliegt, über einen wesentlichen Teil der
literarischen Produktion seiner Zeit abzusprechen oder die Hände zu halten, die
Fundamentierung seiner inneren Existenz nicht klar genug herausarbeiten. Die
Summe einer solchen Existenz zu ziehen erscheint jedoch noch zu frühe
angesichts des vorhandenen Werkes, das sich mit so folgebetonter Entwicklung in
seinen Teilen aufbaut, dass ein Letztes noch ungesagt erscheint.
Wie Grolman in seinem Buche über
Hessemer alles in allem seine Grundsätze wegbereit machte, so schafft er ihrer
Wirkung Raum in seinen folgenden Schriften – schmalen, inhaltvollen Bänden
voller Drang nach Entscheidungen. Gleich in den Stilkritischen Studien zu dem
Problem der Entwicklung dichterischer Ausdrucksformen“, die Friedrich
Hölderlins „Hyperion“ zum Gegenstand haben, ist mit einer kritischen
Ergriffenheit der Wille offenbart, „einliterarisches Kunstwerk überhaupt sehen
zu lernen und zu lehren“. Grolman hat sich hier – wie der aristotelische
Großgesinnte – gleich an Großem versucht; und seine Teilnahme gehört auch
fernerhin dem Beseutsamen, Ungewöhnlichem, Menschen und Dingen. Und immer übt
dabei einen starken Anreiz auf ihn das Zarte und Zornige. –
Indem nun Grolman den nach
allgemeinen und entwicklungsbedingten Kriterien betrachteten Stil Hölderlins
als biographisches Erkenntniselement verwertete, gelang ihm (1916) das
überkommene Hölderlinbild von seiner reliefmäßigen Gebundenheit und einseitigen
künstlerischen oder philosophischenProfilierung (Dilthey, Haym) zu lösen und es
neu zu formen in einer Plastik von überraschender Einheit und Ganzheit. Es
gelang ihm eine neue Art synthetischer Biographie. Diese literarästhetische
Schau war in jenen Jahren ein Wagnis einer inneren Anwartschaft auf eine
Rechtfertigung, die inzwischen eingetreten und uns rasch zu einer methodischen
Gegebenheit geworden ist und zu einem so gangbaren Erkenntnisweg, das man des
grenzerkühnen geistigen Pfadfinders ingerechterweise kaum dort Erwähnung
findet, wo nach ihm von diesen Dingen und Zusammenhang die Rede ist, - Aus den
anderen Aufsätzen über die Hölderlinliteratur und das Hölderlinbild ist
übrigens unschwer zu erkennen, dass gerade dieses Problem den Gelehrten und
Künstler in Grolman nicht mehr loslassen wird, dass er sich ihm verantwortlich
verbunden weiß und dem großen Missverstandenen wegbereitend selbst immer näher
kommt, reif für die Weißheit: „Die Alten wussten, dass man sein Urteil über die
Größe der Seele nicht nach den Erfolgen des Lebens richten darf“ (Bachofen
„Griechische Reise“).
Linien dieser ethischen Kritik und
erkenntnismäßigen Entwicklung führen von dem Hölderlinbuch sinnvoll zu der
Schrift Adalbert Stifters Romane („Der Nachsommer“, „Witiko“) und treffen dieses
neue Problem auf gleicher geistiger Ebene im Einklang der „drei deutschen
Erzieher: Friedrich Hölderlin, Adalbert Stifter, Gottfried Keller“. – Die
kritische Betrachtung über Hölderlins Verwendung von Naturerlebnis und
Landschaftsbild, wie sie den stilkritischen Studien über den „Hyperion“ zum
Ausgangspunkte diente, konnte gar nicht ohne Anruf aus der großen Sphäre
Stifters bleiben; persönliches Erleben grolmans kam diesem Anruf entgegen und
drängte zur Antwort, die dann – völlig aus dem Geiste des Wandervogels heraus –
erfolgte, und in der die erzieherische Leidenschaft des Kritikers sich mit dem
pädagogischen Gehalt des Dichters auseinandersetzte, und Grolman sich
bekenntnismäßig mit Stifter dort fand, wo im Nachsommer gesagt ist: „Erziehung
ist wohl nichts anderes als Umgang. Der Unterricht ist viel leichter als
Erziehung. Zu ihm darf man nur etwas wissen und es mitteilen können, zur
Erziehung muß man etwas sein.“ Weit über die Grenzen einer Jugendangelegenheit
berührt diese wesenhafte Erkenntnis die geistige Erziehung des Volkes überhaupt
und stellt den Dichtern wie den Literaturhistoriker in ihren gemeinsamen
höheren Beruf voll großer Verantwortung im Maße des Seins und Könnens.
Fast erübrigt sich zu sagen, dass
dieses Stifterbuch ebenso wie die anderen Schriften Grolmans auch reich an rein
wissenschaftlichen Ergebnissen ist. Vor allem dass hier zum ersten Male die
Totalität der zwei Romane als ein Ganzes zur Anschauung gebracht wurde. Was
aber das Stifterbuch m. E. zur wertvollsten seiner Arbeiten macht, ist, dass
hier – frei von jedem blassen Historismus der Dinge – groß, warm und einfach
die Maßgebung literarischer Erscheinungen nach ihrer Totalität und
Eigengesetzlichkeit – wie sie Grolman zum Postulat erhoben hat – manifestiert
sich hier in dem Werk über Stifter noch klarer und eindringlicher als in den
Studien zu Hölderlins „Hyperion“; dass die Erkläring des Einzelnen bedingt ist
in der Erfassung des Ganzen kommt hier noch gebieterischer zur Gestalt als bei
der Biographie Hessemers,
Von hier aus gewann auch die
poetische Gestalt Eichendorffs ein neues Antlitz, und in der Einleitung zu
seiner Eichendorffausgabe hat Grolman diesen Dichter in eine wesentlich andere
Wirklichkeit hineingestellt, als das literarische Romantikerrezept ihn bisher
bezettelte. Und wenn wir die Linien suchen, die im organischen Weiterbau der
Arbeiten Grolmans von Stifter zu Eichendorff führen, so finden wir ihren
Ausgangspunkt in dem Kapitel „Adel“ aus der Abhandlung über Stifters „Witiko“
und können ihnen folgen bis zu der meisterhaften Grundierung der dichterischen
Besonderheit Eichendorffs in seiner durch den „Adel“ bedingten schöpferischen
Einseitigkeit.
Nocheinmal spricht es Grolman in dem
Vorwort zu der Sammlung seiner Aufsätze, die er unter dem Titel „Literarische
Betrachtung“ zusammengefaßr, eindringlich aus: Es kommt im Leben und also auch
in der Literaturwissenschaft auf den Menschen an, und ihn und sein Schicksal
gilt es aktiv und produktiv anzuschauen; ebenso wie die Formen, in denen er und
seine Zeitgenossen sich äußern. Aus der strengen Linienführung und dem
unbestechlichen Mittlerernst dieser Aufsätze teilt sich uns die Bereitschaft
von Grolmans für seinen Gegenstand lebendig mit als eine wissende Demut vor den
großen Leidträgern der deutschen Geistesgeschichte: Sebastian Franck,
Hölderlin, Kleist, - Dichter, an denen die gnadenlose Unruhe der Schöpferkradt
gezehrt, und die durch eine Welt von Widerständen in einen tragischen Wuchs
gezwungen wurden. Problemstellung und Interptrzation sind Grolman in dieser
„Anschauung von Künstlerschicksalen“ so groß gelungen, dass wir es dann und
wann erleben dürfen, wie ihm die
sachliche Zielsetzung deb eigenen Händen entwächst und sich eigenmächtig und
zwingender dort erfüllt, wo Anschauung Mitleiden wird. Noch einen Schritt weiter,
und man ahnt, dass Grolman sich mit großer Einfühlungskraft besonders jenen
Gestalten zuneigt, die er sich letztlich wesensverbunden weiß; Sebastian
Franck, der das Wort „selbständig“ geprägt und gelebt hat; Kleist, dem „die Not
um das Recht“ zum schöpferischen Dämonium wird; Hölderlin, Jede echte Schau ist
letztlich erlittenes Schicksal. Hier liegt der entscheidende Lebenswert der
Sammlung „Literarische Betrachtung“: Die „ästhetische Anschauung“ kann die
Inspiration nicht verleugnen, von der sie kommt, derem Gefahren sie ünerwunden
hat, deren bestehende Kraft sie aber in keiner Kritik vermissen mag.
In diese Bestimmung und Haltung
fügte sich Grolmans neues Buch über „Kind und junger Mensch in der Dichtung der
Gegenwart“ wiederum organisch in die Entwicklungsfolge seiner Schriften ein. Denn
die glückliche Bearbeitung dieser Materie war sehr an Voraussetzungen gebunden
und verlangte wahrhaft einen Maßbewußten – „Großgesinnten“. Es war die Zeit für
dieses Buch, und es kam aus einer tieferen Notwendigkeit als aus dem Bedürfnis
nach einer literarischen Problemschau. Grolmans geisige Grundhaltung und seine
lebensvolle Verbundenheit mit der Jugendbewegung befähigten ihn, hier in
kritischer Arbeit zu sondern und prüfen und, aus dem Chaotischen des
schwierigen Problems das Form- und Lebensfähige erhebend und bewahrend, zuletzt
„das Menschlich-Freudige zu bekennen“ (Carossa).von diesem Sinn erfüllt sind
auch die zahlreichen informierenden Aufsätze grolmans, die meist in der „Neuen
Literatur“ erschienen sind und wie die vielen Rezensionen und Kritiken durchaus
eine besondere Artgeltung haben. Vor allem aber spricht auch aus diesen kleinen
Arbeiten – wie aus der gamzen Leistung Grolmans überhaupt – stets der
weltgewendete Mensch besonderer Verantwortung mit seelischen Reserven: Ein echt
wissenschaftlicher Mensch. Als solcher weiß er sehr wohl, „daß man auch einmal
den Mut zum Fehlen haben muß“ (Jakob Grimm), wenn es ein entscheidendes Wagnis
gilt. Und deshalb hat ihn das Phantom einer sogenannten „objektiven Wissenschaft“
nie berücken und beirren können in seiner sicheren Orientierung am Leven
selbst. Der schulmäßige Begriff „objektiv“ mußte sich in ihm notwendigerweise
umbildem im dem reinen Grundsatz „diskret“, wenn er in seinem Beruf den tiefen
Gegensatz zwischen strengem Erkenntnismühen und allem Indiskreten erkennen und
ertragen lernen sollte. Das Indiskrete aber, das der reinen Hingebung nicht
fähig ist und dem sich deshalb der Gegenstand immer zuletzt entzieht, ist heute
wie eine Gewohnheit abspruchsvoll geworden, verbreitet sich hemmungslos und ist
eine Versuchung zumal für jene Wissenschaft, die – wie wir sahen – es
insonderheit mit Ehre und Unehre zu tun hat: Die literarische Forschung. Und
weil die vielen Indiskreten nie begreifen werden, dass die Welt nur für den
bestimmt ist und gegenständlich und wirklich wird, der sich hinzugeben vermag,
werden ihnen die wenigen Diskreten stets unbegreiflich und unbequem bleiben wie
ein Gewissen. Den Diskreten im Geiste aber wird ihr Wirken dadurch erschwert,
und sie müssen Unruhe sein, wo Maß und
Sicherheit von ihnen allein ausgehen sollten. – In seiner Besprechung über
Grolmans „Literarische Betrachtung“ sagt Emil Ermatinger: „Es geht der Ton der
Bitterkeit durch dieses Buch.“ –
Vielleicht kann diese Bitterkeit
keinem Diskreten erspart werden. Es wird ihm nur bleiben, sie fruchtbar zu
machen.
Weitere biographische Daten und die
entsprechende Bibliographie ist unter Navigation "Bibliographie zu
entnehmen, sofern es sich um Rezensionen und Aufsätze aus der schönen
und später der Neuen Literatur handelt, finden Sie diese unter
Navigation Schöne Literatur
Robert
Minder schreibt in Acht Essays zur Literatur, Fischer Bücherei Bücher des Wissens, 03. 1969 S.100
Adolf von
Grolman, ein profunder Kenner der
Weltliteratur, hat das in seinem Buch „Wort und Wesen am Oberrhein“ ebenso
genau herausgearbeitet wie er in einer seiner „Karlsruher Novellen“
unvergleichlich zart Hebel und Jung-Stilling kurz vor dem Tod ein Gespräch über
die letzten Dinge führen läßt.
Gerd Grumbach
VOM ETHOS DES WAHREN SCHRIFTSTELLERS
------
Zum 60. Geburtstag Adolf von
Grolmans
Am 6. Oktober 1948
Heidelberg
Verlag Lambert Schneider
Wir sprechen hier von einem
Schriftsteller unserer Zeit, anlässlich seines 60. Geburtstages: Adolf von
Grolman. Und was mit diesem Namen verbunden ist und bleibt, daran wollen wir
uns heute erinnern, in aller Klarheit und Deutlichkeit.
Das heißt
wir wollen ihm nicht ins Wort fallen, wir wollen ihn nicht festlegen oder
einengen und über sein Wirken und Sein kein Gotterwerk fragwürdiger Begriffe
spannen.
Wir wollen
etwas ganz anderes: wir wollen von der lebendigen Wirkung zeugen, die von
seinem Werk ausgeht. Und wenn wir das und nur das tun, so bleibt der offene
Raum aller weiteren Möglichkeiten um ihn herum. Uns aber wird ein Bild
erstehen, das uns den landläufigen Begriff des Schriftstellers zu unserem
Staunen verwandelt: denn das ist nicht nur die Gabe des Erkennens und Deutens
von Zusammenhängen und die gekonnte Niederschrift davon, das ist nicht nur
science pour science! Das ist vielmehr etwas ganz anderes. Und was, das wird
unser Zeugnis vom Wesen und Wort Adolf von Grolmans weisen.
Er stammt
aus oberrheinischer Landschaft und ihrer Waldstadt Karlsruhe, die Kleist einst
„klar und lichtvoll“ genannt hat. Und wie ihm alles figura wird im vielfältigen
und angenommenen Dasein, d. h. Sinnbild für das inwendige Wort und den
inwendigen Sinn, den alle Dinge haben, so wird ihm auch diese Herkunft Sinnbild
für die andächtig gepflegte Klarheit und Ordnung seines Denkens und Lebens.
Denn so wie über einer seiner Arbeiten das Motto steht: „Du hast es befohlen,
und so ist es auch, das jeder ungeordnete Geist ihm seine eigene Strafe sei“.
(Augustin, confessiones I.I2), so sagt er uns auch, „dass wa die Unordnung sei,
welche den Leuten Verderben bringt“.
Sein Wesen
ist ein Bekenntnis zur benediktinisch hellen lateinischen Klarheit, im
Gegensatz zur nordisch düsteren, romantisch verhangenen Welt.
Aus seiner
Landschaft stammt Schongauers „selig klare Graphik“, stammt Taulers „bewahrende
und fördernde Kraft“, stammt Weinbrenners „isolierte Energie“, stammt Thomas
„Wort gewordene Szatik der alemannischen Seele“, deren Haltung sich knapp aber
erschöpfend in drei Worten bekennen kann: „geboren werden verpflichtet“, wie auch
„nobless oblige“. Aus dieser Landschaft stammt auch des unbeirrbaren,
erziehlichen Hebels „Kannitverstan!, darin das Missverständnis „tiefsinnigstes
Symbol“ wird.
Adolf von
Grolman kennt den Zusammenhang von seelischer und sichtbarer Landschaft. Er
weiß:“ es muß sich zumindest das Wissen um die Tradition den Energien der
Zeugung gesellen, sonst schwankt ihne übergebene Weisheit Unsicherheit durch
die Gemüter jener, die villendet sicher
sein müssen“
Wer zu
seinem Werk gelangt, wird zuerst stutzen, denn er findet hier keineswegs immer
die Bestätigung. Des einst „Gelernten“, das mit einem bisher noch
unangefochtenen Anspruch von Gültigkeit in unser aller Schulsack steckte und
mit dem wir uns leidlich wohl fühlten und uns selbstherrlich, unbeirrt,
überzeugt durch die Welt bewegten.
Es muß
begriffen werden, dass es einer Traditions-Sicherheit und
Traditions-Verbundenheit in nichts widerspricht, wenn er viele gewohnten
Etiketts plötzlich ablöst – dass manche in ratloser Verwirrung anfänglich
stehen bleiben, bis sie es zugeben müssen, dass die Maßstäbe und Wertungen
nicht mit nachgesprochenen „Literaturgeschichten“ vollzogen werden und von uns
nur so lernenderweise übernommen werden können! Und daß jetzt vor einem ganz
andern Forum „Kritik“ geübt werden wird – „Kritik ist Unterscheidung“! –
nämlich vor dem Forum des zu gültiger Haltung gelangten Menschen – der zu
unterscheiden gelernt hat und Unterscheidung im Chaos der anschwellenden Dinge
dieser Welt tätig und unverdrossen übt und lehrt.
Vor einem
solchen Forum ist es nicht möglivh, dass die Welt mit ihren geschichtsmäßigen,
kulturellen, weltanschaulichen, psychologisch-individuellen ständig wechselnden
Gesichten die Statik oder gar in die gewachsene Form einer ethisch-bewußten
Persönlichkeit einbricht und sie irritiert.
In eine
solchermaßen geformte und gewachsene Persönlichkeit bricht die Welt nicht ein, aber sie wird angeschaut in wechselnder distance,
Dieses ist
vielleicht nicht gleich zu verstehen, dass es so etwas gibt und heute gibt, angesichts der scheinbar so
allgemeinen Unzuverlässigkeit und Wandelbarkeit von Institutionen, Seelen und
Weltanschauungen.
Wir
sind allzu sehr an das Unzulängliche
gewöhnt worden und misstrauen aller Menschen-Wandlung und allem menschlichen
Geschwätz darüber von vorne herein. Denn unser Instinkt sagt uns, und der
Augenschein überzeugt uns: Es ist etwas Ungeheuerliches: vor dieser Welt
unangetastet zu bestehen. Eben
„vollendet sicher zu sein“!
Es ist
etwas Ungeheuerliches, einen dornenvollen Weg bewusst nicht zu scheuen, sich
auseinanderzusetzen, in aller Wirklichkeit, in allem Ernst mit allem, aber auch
allem Erlebbaren, das nahekam – und
es kommt viel nahe dem, der Ohren hat, zu hören!
Es ist
viel, das Leben grundsätzlich anzunehmen, so anzunehmen, wie es ist! Und in
diesem Annehmen dann die harte Aufgabe der Kritik – Kritik=Unterscheidung! – zu
lösen. Wer leistet das? Fragt ein jeder mit berechtigtem Zweifel. Denn ein
jeder ahnt – wenn er auch nicht klar sieht – was dazu gehört, um solches zu
vollbringen.
Und wir
nehmen schon voraus, dass in Adolf von Grolmans Sinn nur ein solcher überhaupt daran denken darf, ob ihn auch seine
anderweitigen Gaben zum Schriftsteller berufen. Ein Schriftsteller also ist
einer, der „vollendet sicher ist“! Das Wort tönt uns ganz unglaubhaft in den
Ohren. Denn „Schriftsteller“ ist heute eine abgegriffene Vokabel und gilt für
ein Simmelsammelsurium, dem Kritik=Unterscheidung bitter nötig wurde.
Denn was
war denn um uns „vollendet sicher!? Wir haben uns alle je und je umgeschaut und
es nicht gefunden: nicht in den Kirchen, nicht in den Obrigkeiten, nicht in den
Schulen und nicht (sic!) auf den Hochschulen.
Wir wollen
bei dieser Aufgabe etwas verweilen, die auch Adolf von Grolmans Aufgabe war und
ist, eine Aufgabe der einsamen
Vorläuferschaft und des Auf-sich-gestellt-seins, darin man dem Geist sich
verschrieben hat. Nicht etwa solange bis – oder: mit Ausnahme von – oder: unter
der Bedingung dass – oder wie sonst die Einschränkungen heißen von jenen, die
auch sagen, sie hätten sich dem Geist verschrieben, aber die nüchterne und
unerbittliche Konsequenz dieses Tuns doch nicht ermessen, geschweige denn
ziehen!
Aber hier
steht ein Leben und Werk vor uns, das hat
es ermessen und hat den Weg
angetreten, den Dornenweg voller Verzicht – denn es lebt sich leichter, wenn
man sich ungeschriebenen und vorgeschriebenen Meinungen und Konventionen fügt;
- voller Einsamkeit, denn es gehen nicht sonderlich viele mit auf solchem Weg;
- voller Missverständnisse, denn die Welt leidet kein Eigenmaß und dass man sie
in ihrer Nichtigkeit durchschaut.
Und wäre es
dieses alles überhaupt nicht zu leisten, wenn ein solches Leben nicht jenen
Zustrom hätte, den ein Weltkind „unbegreifliche Kraft“ den ein Frommer einfach
„Gnade“ nennt.
Aber sich
in dieser Kraft oder dieser Gnade zu erhalten, das ist letztlich das Geheimnis,
das jeden schöpferischen menschen umgibt und das wir als solches anerkennen.
Und nun die
Aufgabe, wie Adolf von Grolman sie fasst und vorlebt, auf dass Sicherheit werde
und völlige Unabhängigkeit von gewohnten und vereinbarten Bahnen
Das ist das
erste, was wir durch ihn als Möglichkeit erfahren und das, was zu allererst zu
tun ist: das anschauen zu lernen und
dann zu üben.
Nichts
zuerst als dieses: was auf uns zukommt, was die Welt in Fülle jedem anbietet,
Schönheit und Vergänglichkeit, alles Gewordene in der Menschheitgeschichte,
alles Werk des einzelnen, so etwas auszusagen vermag über den irdischen und
über die geliebten letzten Dinge der menschlichen Seele – alles dies fordert
von uns zuerst gar nichts anderes als dass wir es anschauen, ohne Eile, ohne
Hast, in großer Ruhe, die wir habem müssen, auch wenn um uns die Unruhe wächst.
Das ist
nicht so leicht, wie es sich anhört, denn es schließt vieles völlig aus: es
schließt aus den Mittanz um das goldene Kalb, es schließt aus jeden Seitenblick
und jeden Einbezug von persönlichem Vorteil, es schließt aus alle Wertschätzung
von „Ruhm“, den die Menschen so falsch und leicht vergeben!
Es steht
einzig da das Anzuschauende und wird
angeschaut von einem gereinigten Herzen, d. h. gereinigt von Vorurteil, vom
Schema überkommener Einordnung.
Nichts
steht da gegenüber als das kühle, sachliche, aufmerksame Auge, bereit,
aufzunehmen „was die Wimper hält“.
Völlig
aufgeschlossen und bereit, aufzunehmen, was das Werk auszusagen vermag.
Aber eben –
um Membran zu sein, die von jener Ausstrahlung schwingt, muß man etwas sein, muß man das Erlebbare und die menschlichen Herzen kennen
und darf selber nicht trägen Herzens sein. Ahnt man was allein dazu gehört :
anzuschauen?!
Es erwächst
daran schon jenes Mitdasein, jene Form des Liebens, das von sich abzusehen
vermag und nur den andern sieht oder das
andere, das anzuschauende.
Und so, mit
solcher Bereitschaft, mit solcher völligen Hingewandtheit, die sich ganz gibt,
vermag auch Adolf von Grolman „anzuschauen“, Gedachtes und Geformtes,
Landschaften und Völker, Staaten und ihre Geschichte, Menschen und ihre Seelen
. . .
Und vor der
Unbeirrbarkeit eines so gereinigten Blicks, teilen die Dinge sich mit, sagen
aus, was sie sind und haben, können nicht lügen und können nicht verbergen,
wenn falscher Schein mit Unrecht erhellt wurde.Hier wird den Dingen auf den
Grund geschaut. Und es entstehen andere Resultate, andere Bilder als
Literaturgeschichten und ein blinder Trott durch die Menschheitsgeschichte sie
liefert.
Hier spüren
wir plötzlich die riesengrüße Gefahr der verewigten Unwahrhaftigkeit im
Nachsprechen und Nachahmen vorgeschriebener Bahnen, wenn wir es uns feige und
träge erlassen, erst jedem Ding in solchem aktiven „anschauen“ zu begegnen, ehe
wir es richten und einordnen in die große Ordnungs- und Vorratskammer der
Menschen, aus der sie ja leben soll
und wir mit.
Wie – wenn
sie nun immer falsche Dinge zu ihrer Erhaltung gebrauchte? Das geht nicht. Die
Menschheit würde sterben und verderben noch ehe ihr Leib verdirbt! In dieser
Gefahr stehen wir sehr. Und Adolf von Grolman kennt sie und öffnet uns die
Augen darüber weit und weiß einen Weg, ihr zu begegnen.
Denn nun,
nach der reinen Aufnahme des rein „angeschauten“, „betrachteten“, kommt die
Kritik, Kritik-Unterscheidung! Jetzt ordnet sich das Angeschaute nach seinem
inneren Wert – nicht nach einer landläufigen Meinung, nicht nach einem
subjektiven Geschmack! –
Jetzt unterscheiden sich die Dinge! Und so
kommt es, dass gerade Adolf von Grolman soviel Vergessenes und lange nicht
gebührend Beachtetes wieder sichtbar, anschaubar macht, auf dass der
verschüttete Quell wieder rinne.
Wir können
es uns nicht leisten, viele zu verschütten. Denn es gibt nicht gar so viele!
Wir sind nicht so reich, wie wir immer meinen.
Da ist
Sebastian Franck, eine Lieblingsgestalt Adolf von Grolmans, dieser damals wie
heute verkannte Denker der Reformationszeit, der sich schließlich von beiden
sich befehdenden Konfessionen distanzierte, der parteilos und eschatologisch
gerichtet, die Welt anzuschauen vermochte, wie sie war, nicht wie sie sein
sollte, dem es in seinem „Radikalismus sittlicher Art! „weder auf Krieg noch
auf Frieden noch auf Sieg“ ankam, aber darauf:
„ der Unruhe seiner Zeit die Ruhe“ entgegenzustellen, d. h. die Ewigkeit.
Adolf von
Grolman hat uns diese Existenz als Bestand unseres seelischen Erbgutes wieder
vor Augen geführt. Und wie ihn, so noch etliche bislang vergessene oder
verkannte.
Adolf von
Grolman hat nie einen andern Zugang zu den Dingen gelten lassen als den der
unerbittlichen und vor keiner Konsequenz zurückschreckenden Auseinander –
Setzung mi der eigenen Seele – ganz so wie es Spiteier einmal von Burckhardt
sagte:“ Er gab nur Selbstgedachtes und –geurteiltes“. (Brief an Frey vom 22.
05. 1904.)
Wir treten
mit ihm immer und je in eine Atmosphäre gründlicher Wahrhaftigkeit, die sich
nirgends und nie scheut, auch das Ungewohnteste zu sagen, wie aufgestörte
Herzensträgheit auch dawiderbellen mag. Denn wer „due Philister zu
Achsenverschiebungen in ihrem Denken nötigt, ist ihnen ein Friedensstörer“ wie
es der Rembrandtdeutsche einmal ausdrückt.
Wir spüren
es erst durch dieses geistige Aufgemuntertwerden, welches beschämende Maß von
Trägheit unser ganzes Denken und Leben überspannt, und sich gegen solche
eindringende, lebensvolle Bezugnahme zu den Dingen feige wehrt.
Die
Hochschulen haben uns nicht zu solcher Freiheit des Geistes erzogen, auch nicht
die Hochschulen vor 1933 und nach 1945. Und nur, wer dieses bitter und
ahnungsvoll in sich empfand, wird die befriedigende Tat eines solchen
Eigenweges außerhalb aller vorgeschriebenen Bahnen, wie ihn Adolf von Grolman
geht, zu würdigen wissen.
Hier
beginnen erst die Verabtwortungen, die eine sittliche Existenz auf sich nimmt
wie ein Kreuz. Denn viel muß vom eigenen Wesen – das sich nicht etwa immer
leicht solcher Christopherusaufgabe vor Gott und den Menschen stellt! –
gekreuzigt werden, um solchen Auftrag zu erfüllen und Leben und Werk vom
Schwindel und falschen Sein freizuhalten und Gottes Gesetz von der wahren Ordnung
der Dinge wieder zum Dasein zu
verhelfen.
Adolf von
Grolmans Wissenschaft läuft keine Gefahr je zu verkümmern. Er verlangt von ihr,
dass sie sich nirgends schone und nie der Versuchung erliegt, in den „geradezu
vereinbarten Rahmen“ weiterzuschreiten. Seine Wissenschaft tut das nicht. Mit
ihr, wie mit aller Kunst und aller Erziehung, kommt es ihm einzig und allein
immer nur auf das Leben an, das hinter allem wartend steht, das begriffen,
geleitet und selbst gelebt werden will und werden soll.
Und das
ganze Bemühen geht dahin: zu zeigen,
wie man’s erträgt, wenn’s untragbar zu werden scheint. Daher sieht er wie
keiner die Bedeutung der großen Leidträger in der Menschheitsgeschichte: Hiob
etwa, oder Augustin – Vergil – Sebastian Franck – Leonardo – Grimmelshausen –
Racine – Bach – Lessing – Hölderlin – Stifter – grillparzer – gottfried Keller.
Alle
literarische Betrachtung drängt in Adolf von Grolman zur Praxis, zur
Verwirklichung des Gesagten im Leben. So weitet sich seine Arbeit am Geist
gewaltig über alles Geschriebene am Schreibtisch hinaus.
Das macht
ihn zum wahren Erziehenden im lebendigen Umgang, besonders mit der Jugend, die
er sucht – ganz so wie er es einmal seinem eigenen Lehrer dem langjährigen
Leiter des Karlsruher Gymnasiums, Professor Wendt, nachruft: „er war ein
Jugendlicher, wenn es Arbeit am Geist mittels Erziehung galt“.
Sein
schriftstellerisches Werk ist also kein Selbstzweck und verengt sich nirgends
zu: l’art pour l’art! Dieses Werk hat einen andern Sinn, aus dem sein Ethos
erwächst: der Erhaltung unserer besten Kräfte zu dienen; und das wird erreicht
durch das Sammeln und Festhalten und Vor-Augen-Führen jener besten und oft
vergessenen Kräfte, die in den geheimen Ordnungswillen fer Menschheit
hineinwirkten. Und er sieht wohl, dass dieses nie Kräfte einer Richtung, einer
Weltanschauung, einer Partei oder
irgend sonst einer Begrenzung sind, sondern er erspürt sie überall in der
Vielfaltigkeit des Daseins.
Und so gilt
bei ihm nicht das harte Entweder – Oder, sondern das: Je – Nachdem! Denn: fruchtbar werden die Kräfte je nach dem
Maß der sittlichen Gewalt und nicht navh den jeweils wechselnden Formen, die
Weltanschauungen sich im bunten Vielerlei nach außen hin schaffen.
Es kommt –
um praktisch zu reden – nicht letzten Endes darauf
an, ob einer Methodist oder Katholik oder Demokrat ist, sondern darauf, ob er mit seinem Sein und
Handeln und seinem Werke vor Gott, nicht vor den Menschen, besteht. Und dass
jene „aequitas“ erhalten oder wiederhergestellt werde, die antike Billigkeit,
die jedem das Seine läßt. Man erinnert sich dabei an Szifters „Sabftes Gesetz“
und dass ein Höheres in uns ergrimmt, wenn es mißachtet wird.
Diese
Haltung führt Adolf von Grolman immer wieder zur Auseinandersetzung mit dem
Recht – er war auch ursprünglich Jurist, ehe er sich den Geisteswissenschaften
verschrieb. – Er weiß um die Verhältnismäßigkeit aller irdischen Gerechtigkeit
und dass sie nur relativ geleistet werden kann, dass sie nur „eine ahnende
Hoffnung bleibt und in dieser Zeitlichkeit keine Erfüllung kennt“. Er weiß
auch, daß „der Verbrecher, wenn er der irdischen Justiz anheimfällt, auch im
Letzten noch ein Ankläger bleiben kann“.
Das ist die
Problematik aller begrifflichen Dinge, um die es im Letzten auch für Adolf von
Grolman nicht mehr geht. Er kennt ihre Grenze und die Gefahr aller Polemik, die
unnütz bleibt und nichts erzeugt. Wohl sucht er unsere Begrifflichkeit mehr zu
ordnen und wünscht ihre klare Unterscheidung und trägt selbst dazu bei, daß das
Chaos der Welt, wie es uns umgibt immer wieder durch den Eindruck der Ewigkeit
an diese erinnert werde. Es geht eben auch in diesem Leben schon um mehr als
nur Begriffe, es geht eben auch hier schon um die Ewigkeit. Und nun sind wir
dort, wo Wesen und Wort dieses Schriftstellers all seinen besonderen glanz
erhält, bei jenem „innerlich Bleibenden, das oberhalb der Ereignisse des Tages
steht!.
Es ist
nicht so, daß davor die Welt an Wirklichkeit einbüßt. Sie bleibt das zu Durchwandelnde, das unter allen Umständen
Anzunehmende. Sie ist figura, Sinnbild für Gottes Wirklichkeit oder soll es
doch wenigstens werden. Und wir können uns mur durch figura und Sinnbild der
Welt jener Wirklichkeit nähern.
Und so
bleibt sie, diese Welt, bis ins Äußerste hinein, unaufhörlich Gegenstand
unserer Anschauung, nicht zu umgehender Ort unseres Mitdaseins.
Aber:
„welcher Mensch das Bild dieser Welt beschreiben will, der muß vorher inne
werden, dass diese Welt mit ihrer Lust vergeht“. So sagt Adolf von Grolman mit
Bezug auf den Geographen Ratzel. Und wir wollen hier nicht den schönen Ausdruck vergessen, den der
Dichter Adolf von Grolman einmal für diese schwermütige Erkenntnis gefunden
hat: so wie man im Sommer daliegt und den Sommertag sich vollziehen läßt,
wissend um den Abend und die endgültige Nacht, die einst kommen wird“.
Und dieses
Dennoch ist es, was zu leisten ist und von Adolf von Grolman geleistet wird: Das Hindurchwandeln durch alles, ohne dass es den Blick in die
Ewigkeit je verstellte. Das macht auch ihn zum unbeirrbaren Wanderer durch die
Zeiten der unermüdlich den Bogen spannt zwischen Zeit und Ewigkeit, nicht
anders, wie er selbst Bach als sittliches Phänomen deutet, dessen Werk ihm
erfüllender Klang dieses Bogens ist.
Adolf von
Grolman hat den Mut die „ewigen Dinge, welche so viele verleugnen, beim Namen
zu nennen“. Aber nicht nur die Bachs, auch seine eigene Musikalität ist eng
verbunden mit den geliebten, letzten Dingen, welche nach seiner Aussage „durch
die Übermittlung der Musik zum Menschen dringen können“.
Wir
begreifen, dass er alles polyphone Musizieren und die polyphonen Instrumente
vor andern liebt, das Klavier und vor allem die herrliche Orgel. Denn Welt wie
Seele sind ein Vielklang vor Gott und im Vielklang erheben sie sich zu seinem
Thron.
Bei aller
Ordnung, ja bei aller geheimen ratio, die der strengen Musik anhaftet, ist sie
ihm dennoch zugleich jener weite Raum vor der hochgebauten Stadt, darin die
Seele dann und wann tief grübeln und schweifen darf, „fern und sehr tief, wohin
Gedanken nicht mehr folgen“, im Sinne des Predigers; (7,24): alles, was da ist,
das ist ferne und ist sehr tief; wer will’s finden?“ Musik wird in ihrer
höchsten Entbundenheit zum fernsten
Traum.
Und Adolf
von Grolman kennt wie keiner die gefährdete Position, die gerade der im Alltag
besonders hilflose Musiker hat und die ihn so oft zur grotesken Erscheinung
macht für eine stumpfe unbegreifende Welz. - - - Immer behält das einmal Geschriebene für
Adolf von Grolman grundsätzliche Geltung und darf sie auch behalten, eben weil
es mie leichtfertig geschrieben wurde, sondern immer mit der Einbeziehung und
Darbietung der ganzen Existenz, die danach lebt,
„was sie erfahren und zum Wissen gebracht hat“. Man wird an joh. 19, 22
erinnert an das unwidersprechliche: „Was ich geschrieben habe, das habe ich
geschrieben“.
Und oft die
unantastbar scheinenden Wertungen von Gestalten und Ereignissen der
Menschheitsgeschichte erfahren nun bei Adolf von Groman nicht gar so selten
radikale Umwertungen! Mit tiefstem Misstrauen sieht er den dynamischen
Höhenrausch zu Gott, der aller Gotik, nicht nur dem Straßburger Münster
innewohnt. Mit tiefstem Misstrauen sieht er Ursprung und Folgen der Reformation
und ihrer Begründer, sieht er die viel Ungeist entwickelnde Renaissance, sieht
er die heldenmäßig für die Geschichte zurechtgestutzte Gestalt Gustav Adolfs,
Savonarolas Eifern, Nietzsches maßlose und in Krankheit verebbende
Exaltationen, Und mit allertiefstem Misstrauen sieht er auf die Weimarer Kunst-
und Kulturpolitik, die uns mit Moden aller Art überschwemmte, deren
Fragwürdigkeit noch heute dem Bewusstsein vieler nicht aufging. Eine
Erscheinung, die auf musikalischem Gebiet in den „Wiener Klassikern“ ihre
Parallele findet. Nicht zuletzt entgeht ihm die Brüchigkeit unserer modernen
Literaturwissenschaft selbst, die „nur in seltenen Ausnahmefällen den wahren
Stand der Dinge erkannte“.
Doch nicht
um Einzelheiten ist es uns hier so sehr zu tun. Nur noch eines sei erwähnt, weil es viel erhellt: sein Misstrauen gegenüber
aller Scheinmystik von „Totentänzen“ bei aller Anerkennung großer Kunst, die
mancher darauf verwandte. Denn anders,
völlig anders ist sein Verhältnis zu diesem in so schauriger figura
festgehaltenen Symbolträger unserer irdischen Vergänglichkeit. Ihm nedeuted der
Tod keine von außen den Menschen überfallende, schreckliche Gewalt, ihm ist der
Tod ein innewohnendes Element unserer Existenz, wie unser Lebenstag, er wächst
mit uns, ist immer da und ist nichts anderes als das Tor zu neuer Wandlung,
gleichwie das Samenkorn erstirbt zu seiner Frucht. Tod wo bleibt da dein
Schrecken, den alle Totentänze so schaurig gestalten. Adolf von Grolman weiß
sich hier tief verwandt mit Bachofens und Simmels Todesmystik.
Überhaupt
haben Schrecken und Gewalt keinerlei Raum in seiner Seele, die aus einer tiefen
Einigkeit mit unserm Lebenmüssen und Sterbenmüssen schöpft. Zugleich damit
entsteht jene souveräne Freiheit gegenüber dem irdischen Dasein, die nur den
Kindern Gottes eigen ist, die sich geborgen wissen in seinem Walten.
In solcher
inneren Freiheit gedeihen nicht Schwermut und nicht Traurigkeit.
Der
Aufmerksame wird bei Adolf von Grolman immer wieder einem schnellen Hinblick
und Hinweis auf den Jünger Johannes begegnen. Der Aufmerksame wird es bald
herausspüren, dass erst mit dieser Gestalt sich ihm etwas vollendet und rundet,
was ohne diesen Wesenszustrom in der Welt tief im Dunkel der Gottesferne
bliebe: der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem
Geiste . . . die Verwirklichung jener Sanftmut, welche „die Knoten menschlicher
Verzweiflung wo nicht löst, so doch mindest lockert, dass sie erträglich bleiben“.
Das ist für
unsere Zeiten, die alle Ewigkeit nur Gewalt gegen Gewalt scheinen setzen zu
wollen, ein fernes, im Letzten noch unbegriffenes Wort.
Es soll
unsere Hoffnung sein, dass sich diese johanneische Grundstimmung noch einmal so
in Adolf von Grolman verdichtet, dass er aus seinen reifen Jahren heraus und
mit der heiligen Nüchternheit, die ihm eigen ist – jener benediktinischen
sobria ebrietas – dem johanneischen Dasein in der Welt zu Wort und Wirklichkeit
mit verhilft. Denn dieses ist köstlich und tut not, jetzt oder nie . . .
Hier folgt
die Bibliographie, die unter dem Navigationspunkt Bibliographie entnommen
werden kann.
http://www.repage1.de/member/vongrolman/bibliographie.html
Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg. Heft 12/13 Sept./Okt. 1953
Adolf von Grolman
Zu seinem 65. Geburtstag am 6. Oktober
Als die Generation der heute Sechzig- bis Siebzigjährigen zwischen 190O
und 1910 in das literarische Leben eintrat, war die stoffliche
Bestandsaufnahme der Literaturgeschichte von der damals herrschenden
Wissenschaft vollendet. Die jungen Literarhistoriker übernahmen den
voll registrierten Stoff nur mit einem Wunsch, ihn geistig zu
durchdringen und geistig zu ordnen. Sie sahen ihre Aufgabe vor allem
darin, eine geistige Ordnung zu schaffen,, die nicht eine Wissenschaft
fur die Wissenschaft darstellte, sondern durch Kritik als
Unterscheidung den geistigen Wesensgehalt der Dichtung bei aller
Anerkennung der gültigen Tradition im lebendigen Sein zur Wirkung
brachte. Die Literaturgeschichte wandelte sich zur
Literaturwissenschaft, zur Geistesgeschichte und Geisteswissenschaft,
ja zur Lebenswissenschaft . . .
Der junge Karlsruher Adolf von Grolman, der als Jurist mit der
Auseinandersetzung mit dem Recht begonnen hatte, rückte schnell, als er
in der Literaturwissenschaft sein eigentliches Arbeitsgebiet gefunden
hatte, in die vorderste Front der neuen Verarbeitung der
Vergangenheitsdichtung, weil er aus seinem allen, süddeutschen
Adelsgeschlecht heraus, das auch romanisches Blut in sich barg, jene
lichtvolle Klarheit mitbrachte, die, im Gegensatz zur nordisch
düsteren, romantisch verhangenen Welt, sich aus der oberrheinischen
Landschaft Schongauers ,,selig klare Graphik", Taulers ,,bewahrende und
fordernde Kraft", Weinbrenners ,,isolierte Energie", Thomas ,,Wort
gewordene Statik der alemannischen Seele", Hebels tiefsinnig
symbolisches ,,Kannitverstan" holte und in der Einheit von seelischer
und sichtbarer Anschauung lebte. Er trat der Dichtung sofort als
vollendet sichere Persönlichkeit gegenüber, die unbeirrbar und voller
Gnade dem Geist verschrieben war und nun aus reinem Anschauen und mit
menschlichem Herzen in unbedingter Wahrhaftigkeit ohne jedes
Nachsprechen und Nachahmen überkommener Begriffe und Formulierungen
gegenüber dem Gedachten und Gestalteten, dem Geformten und
Verdichteten, gegenüber Landschaften und Volkern, Staaten und
Geschichte, Menschen und Seelen sich nur auf die eigene Stimme im
eigenen Innern verließ. So wurde Adolf von Grolman vom Anbeginn seines
literarkritischen, seines literarhistorischen Arbeitens an ein Ordner
des wesentlich Angeschauten nach dessen innerem Wert. Er wurde ein
Schatzgräber, ein Wegweiser zu den verschütteten Quellen des echten
geistigen Lebens der Dichtung.
Darum legte er folgerichtig zuerst eine Schrift über den ,,Gang nach
Emmaus" (1917) und eine stilkritische Untersuchung zu den Problemen der
dichterischen Ausdrucksformen an Hand von ,,H6lderlins Hyperion" (1919)
vor, jene ihn nie verlassende innere Verbindung des religiösen Erlebens
mit der dichterischen Schöpfungskraft. Es ging ihm ständig um die
Auseinandersetzung mit der eigenen Seele nach Spittelers Wort von Jacob
Burckhardt: ,,Er gab nur Selbst- gedachtes und -geurteiltes." Es ging
ihm um die sittliche Existenz und Gottes Gesetz von der wahren Ordnung.
Er hatte dadurch die klaren Augen, uns ebensosehr zum wirklichen
Adalbert Stifter zu führen, dessen große Romane ,,Der Nachsommer" und
,,Wittiko" er uns 1926 erstmals grundlegend deutete, dessen Werke er
später — 1934 — in einer Volksausgabe des Inselverlages herausgab und
dessen Wesen, Werk und Wirklichkeit er in vielen Essays, jetzt
gesammelt in ,,Vom Kleinod in allen Zeiten" (1952), zur vollen
Erkenntnis gebracht hat. Wie weiterhin — 1927 — Eichendorffs Werke und
schließlich in seinen berühmten drei Bänden der ,,Europäischen
Dichterprofile" (1947 bis 1949) die gesamten schöpferischen
Persönlichkeiten der Dichtung unseres Erdteils zu neuem Erlebnis zu
bringen. Er war wirklich zum ,,Geiste" im reinsten Sinne
durchgedrungen: mit seiner Auswahl der Worte Christi in Georg Müllers
Sammlung ,,Religio" von 1928, mit seiner Studie zur ,,teutschen
theologei" des Sebastian Franck, der eine Lieblingsgestalt von Grolman
wurde und ihm die Distanz zu beiden sich befehdenden Konfessionen aus
dem Denken der Reformationszeit und die partei-lose, eschatologische
Anschauung der Welt, den Radikalismus sittlicher Art schenkte, dem es
weder auf Frieden noch Krieg, noch Sieg, sondern nur auf die Ruhe, die
Ewigkeit in der Unruhe, der Vergänglichkeit der Zeit ankommt. Er wußte
um ,,das Verhältnismäßige in der Paradoxie des Seins" und konnte darum
ebenso sehr in seiner ,,Literarischen Betrachtung" von 1930 Beitrage
zur Praxis der Anschauung von Künstlerschicksal und Kunstform wie 1943
über den Wesensunterschied von ,,deutscher Dichtkunst und franzosischer
art poetique" völlig neue und bleibende Erkenntnisse geben.
Niemals als weltfremder Gelehrter oder Fachwissenschaftler, sondern
stets in voller Verbindung mit dem Leben, denn er lebte, zwar zeitweise
Universitätsdozent, bald aber als freier Schriftsteller unablässig
mitten in der Verantwortung für seine Gegenwart, die ihn 1932 über
,,die Lage und Verlagerung der bürgerlichen Jugend Deutschlands"
Wichtiges an den Tag geben ließ, wie sie ihn dazu veranlaßte, immer fur
die Dichtung seiner Heimat sich einzusetzen, mochte er nun wie 1935 und
1937 über ,,Wesen und Wort am Oberrhein" und in ,,W erk und
Wirklichkeit" über Hebel, Gott und Thoma Grundsätzliches zum
dichterischen Schaffen oder 1941 in den Aufsätzen zur Kultur- und
Geistesgeschichte ,,Kampf am Oberrhein" Zeitgemäßes zu sagen haben. Er
war ein zutiefst musischer Mensch, der in vielen Vortragen und Essays „
D i e Musik und das Musikalische im Menschen" (1942) zu solcher
Erkenntnisklarheit brachte, daß er uns 1948 wohl das schönste Buch über
Johann Sebastian Bach schreiben konnte und daß er mit seiner Deutung
des „ Leonardo da Vinci" (1944) uns jene Universalität der
geistig-seelischen Schau zurückgab, in der einst die Größe des
deutschen Geistes und des geistig künstlerischen Schaffens auf
religiösem Grunde beruht hat. Adolf von Grolman, der die Bedeutung der
großen Leidträger der Menschheit von Hiob und Vergil, von Augustinus
und Sebastian Franck über Lenonardo und Grimmelshausen bis Racine und
Bach, Lessing und Hölderlin, Stifter und Grillparzer, Gottfried Keller
und Jacob Burckhardt als notwendige Verwirklichung des Geistes in die
Vielfältigkeit des Daseins gestellt hat, war von Natur ein reiner und
echter Dichter, der die acquitas, die sobria ebrietas, die heilige
Nüchternheit in sich tragt. Bisher haben wir nur in dem kleinen Roman„
F e r i e n " und in den ,,Karlsruher Novellen" '(1946) einmalige und
einzigartige Zeugnisse seiner dichterischen Gestaltungskraft erhalten.
Aber eines Tages werden wir aus dem Schatz seiner ungehobenen
Manuskripte des in dornenvoller Einsamkeit Lebenden und Schaffenden
erfahren, daB wir in ihm nicht nur einen großen Erzieher und Umwerter,
der uns eine neue echtere Schau der Gotik, der Reformation, der
Renaissance der Weimarer Kunst- und Kulturpolitik, der
Nietzsche-Nachfolge, der modernen Literatur- und Geisteswissenschaft
gebracht hat, zu verehren haben, sondern auch einen schöpferischen
Dichter voll Gottestiefe und menschlicher Todesverbundenheit als
innewohnen- dem Element unserer Existenz. Es ist bezeichnend fur den
Literaturbetrieb und die Wissenschaftshaltung unserer Gegenwart, daB
eine Persönlichkeit wie Adolf von Grolman in der Stille leben muB und
auch der Existenznot nicht entbehrt. Hoffentlich tragt sein 65.
Geburtstag nunmehr dazu bei, daB ihm wenigstens die Sorge um sein
karges tägliches Brot abgenommen wird und er ganz seinem Werk gehören
und endlich auch den Verleger finden kann, der sich der Verantwortung
bewußt ist, wenn er die Lebensarbeit dieses johanneischen Menschen
betreut, von dem wir noch viel und immer Bedeutendes zu erwarten
haben.
von Hanns Martin Elster
Robert Minder schreibt in Acht Essays zur Literatur, Fischer Bücherei Bücher des Wissens, 03. 1969 S.100
Adolf von Grolman, ein profunder Kenner der Weltliteratur, hat
das in seinem Buch „Wort und Wesen am Oberrhein“ ebenso genau
herausgearbeitet wie er in einer seiner „Karlsruher Novellen“
unvergleichlich zart Hebel und Jung-Stilling kurz vor dem Tod ein
Gespräch über die letzten Dinge führen läßt.
Wolfgang Leppmann schreibt in "Goethe und die Deutschen" Scherz Verlag. München, 1982, S. 261
Es war in der Hauptsache dieser Biographic und Spenglers fast
gleichzeitigem Untergang des Abendlandes, bei dem der tote Goethe als
Taufpate bemiiht worden war, zu verdanken, da6 der Dichter nicht von
dem durch die Ereignisse von 1918 ausgelosten Zusammenbruch des
deutschen Idealismus betroffen wurde, als ein in den Grundfesten seiner
seelischen und okonomischen Existenz erschiittertes Volk viele seiner
geistigen Ahnen (darunter Kant, Hegel, Schiller, Wagner) auf die
Waagschale legte und fur die Bediirfnisse der Zeit zu leicht befand.
Kaum ein anderes Werk uber Goethe hat so viel Bewunderung und Kritik
erfahren wie Gundolfs. Georg Simmel, selber Verfasser einer
bahnbrechenden Goetheinterpretation, begriifite es als Erschliefiung
ernes nicht unkritischen, aber positiven und vor allem lebendigen neuen
Goethebildes; Adolf v. Grolman, ein tüchtiger Germanist der alten
Schule, nahm es nur unwillig zur Kenntnis; Benedetto Croce, der damals
bedeutendste auslandische Goetheverehrer, protestierte gegen die ihm
zugrundeliegende Annahme einer mystischen Einheit von Leben und Werk;
die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Euphorion mufite der
kritischen Auseinandersetzung mit Gundolf noch 1921 eine ganze
Extranummer widmen.