Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1
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Hier entsteht die Homepage Dr. Dr. Adolf von Grolman

1888 - 1973



Schriftsteller aus Karlsruhe


Dr. Dr. Adolf von Grolman hinterließ gut 5000 Briefe an und von den Schriftstellern(siehe Aufstellung Briefpartner), sowie an und von seiner Mutter ca. 50 eigene Werke (Aufstellung unter Bibliographie) zahlreiche Aufsätze, eine vielzahl an Rezensionen, wobei die meisten in der schönen später in der Neuen Literatur Hrsg. Will Vesper erschienen sein dürften, darüberhinaus liegt Schriftverkehr mit zahlreichen Verlegern, und einige unveröffentlichte Manuskripte und diverser Aufsätze vor.


Privatdozent Dr. Dr. Adolf von Grolman hielt 1919 in Gießen als einer der ersten eine Vorlesung über Thomas Mann (hierzu suche ich noch Aufzeichnungen, jeder Hinweis ist mir willkommen).

Laut der Vorlesungsverzeichnisse der Universität Giessen hielt Adolf von Grolman seine ersten Lehrveranstaltungen im Wintersemester 1919/20 ab und die letzten im Sommersemester 1922. In diesem Zeitraum gab es von ihm u. a. Vorlesungen über Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin und Gottfried Keller und Übungen über Werke von Schlegel, Schiller und Goethe.

Laut seiner Habilitationsakte (Signatur PrA Phil10 ) wurde die Venia legendi am 28. Mai 1919 erteilt für das Fach der Neueren Deutschen Literaturgeschichte noch im Verlaufe des Sommersemesters 1919 eine Vorlesung über Thomas Mann angeboten hat und diese keine Aufnahme mehr im Vorlesungsverzeichnis gefunden hat, da selbiges ja bereits gedruckt vorlag.


Beitrag aus "Die neue Literatur
Herausgeber Will Vesper 02. 1932

Adolf von Grolman

Von Philipp Leibrecht

„Einen Schriftsteller aus sich selbst zu

erklären, ist die honestas jedem honesto

schuldig.“ Herder

 

Wenn Aristotoles in der Nikomachischen Ethik von dem Großgesinnten spricht als von einem, der es insonderheit mit der Ehre und Unehre zu tun habe und sich maßgewisser als andere zur Ehre wie zur Unehre zu verhalten vermöge, so will mir gerade diese Betrachtung im ganzen Kreise ohrer Gedanken immer wieder von seltsamen Gewicht erscheinen für das Tun und Streben der literarischen Wissenschaft und Kritik. In ihrer starken Gegenwartsbezogenheit in ihrer urlaubslosen Gespanntheit hat diese Disziplin bei den ihr immer nahen Gefahren des Vergreifens dauernd mit Rechtsangelegenheiten der Sinne und Seele, des Geistes und der Gnaden zu tun; ein unausgesetzterEhrenhandel um die Reinheit der Kunst (Werk und Gesinnung) läßt diese Geisteswissenschaft kaum zu jener gesegneten Gelassenheit kommen, die am Wege anderer Arbeit zum Veratmen liegt, und jede Selbstschau noch wird ihr sogleich zum Recjten um ihre Daseinsform und ihre Grenzen, Richterant und Anklagezustand gehen oft wie in bösen Träumen ineinander über; und uns will die Tragik aller kritischen Tendenzen berühren.

            Es erscheint-unter solchem Aspekt – für das begriffliche Scheidungsvermögen und zumal für den Ehrbegriff des Literaturwissenschaftlers eine glückliche Zweiheit und fast sinngebende Entwicklung, wenn ein so Besonderer auf diesem Gebiet wie Adolf von Grolman von der Juriprudenz herkommt, Jurist war, bis er (1916) sich von rein juristischer Tätigkeit abwandte und – mit juristischer Schulung und Methode – Geschichte, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und die damit eng verbundenen Belange der Psychologie, Psychatrie studierte. Dieser Bildungsgang mußte eine im Grunde synthetische Persönlichkeit wesenhaft fördern bei dem Hineinwachsen in den höheren Beruf des Literaturhistorikers: Instrument zu sein und Träger geschichtlicher Gerechtigkeit. Und es ist sehr bezeichnend, wenn Grolman schon 1920 seine literaturkritisch-biographische Arbeit über Friedrich Maximilian Hessmer in der Einleitung einen „Versuch der Betätigung literarischen Gerechtigkeitsgefühls“ nennt.

            Die Aufgabe war hier nicht gering, weil in diesem Buche einem vielseitigen, aber nicht einheitlichen Menschen und Künstler Gerechtigkeit werden sollte. Das Werk ist aber vielleicht gerade dadurch viel mehr als die Ehrenrettung einer geistesgeschichtlichen Erscheinung schlichten und gesinnungstüchtigen Formats geworden, und Grolman hat die Aufgabe gemeistert, weil ihn vornehmlich an dieser Gestalt und ihrem Lebenskreise auch Elememte reitzten, die für die Gestaltung eigener Wesenheit und Arbeit Geltung beanspuchten und erhielten. Es erscheint nicht zufällig, dass die Darstellung der Freundschaft Hessemers mit Gervinius nicht zufällig in dem Buche so zentral wirkt, mit der ganzen Kust am innerlich Gegensätzlichen meisterlich behandelt. Das Freundschaftsproblem wird in den Schriften Grolmans sehr bedeutsam wahrgenommen, und vom ersten Erfassen schon führen die Linien deutlich bis zu jenem Erkenntnispunkte, von dem aus Grolman entscheidend in die Hölderlinforschung eintreten mußte. Davon wird noch kurz zu sprechen sein. – Was in dem Buche über Fr. M. Hessemer noch besonders liebevoll behandelt ist, sind die Reisen des Architekten, Zeichners, Künstlers und Poeten aus Frankfurt nach dem Süden. Reisen nach dem Süden, nach Italien und Südfrankreich vornehmlich, sind für Grolman selbst unentbehrliche Mittel zur Gestaltung seines Weltbildes und seiner Geistesbildung gworden; sein künstlerischer und landschaftlicher Sinn ist dort heimatlich geborgen, wie er auch seine Arbeitsstätte Karlsruhe ausgesprochen wegen der klassischen Bauten Weinbrenners liebt, und wie er überhaupt auf seinen vielen Fahrten einen Raum zwischen Brügge und Foggia , zwischen Neapel un Würzburg als ihm innerlichst gemäß erleben durfte. Davon zeugen u. a. auch seine zahlreichen Besprechungen über Bücher dieses Stoff- und Lebensgebietes, die, zusammengefügt eibe reizvolle Recensuo Italica ergeben würden.

            Dann aber noch dies: In dem Buch über Hessemer klingt auch manches schon bedeutsam an, was uns heute als eine Existenzfrage des Geistes erscheint, und bekenntnishaft, ahnungshart für sich und die Generation ist dort gesagt: „Es ist das Los und eigentümliche Widerspiel im Leben des Künstlers und Geistesarbeiters, dass er, von den idealen Schwingungen in seiner schönsten Betätigung vorwärts- und emporgetrieben, trotzdem in der eigenen Seele oder bei seiner Umgebung irdische, allzumenschliche Strömungen und Widerstände zu verspüren bekommt;zwischen beiden hat er dann für sich und für die anderen den harmonischen Ausgleich zu suchen, und wohl ihm, wenn er ihn findet, indem er sich bescheidet mit dem Gegebenen und Erreichbaren, wenn er komplett ist im Rahmen seiner Fähigkeiten und sich rein erhält von den beunruhigenden Strömungen, welche sein Künstlertum nicht zu klären oder zu fördern geeignet sind.“ Hat von Grolman so früh schon, das Unbedingte herausgestellt, den Weg sich vorgezeichnet zum Schwersten hin: dem Maße, - so ist doch nie seine bislang überschaubare Entwicklung in irgendeiner Festlegung verarmt: Beweglichkeit und Kraft, Reiz und Schmelz des frischen Geistes sind konstant geblieben und unmittelbar ansprechend. Bei aller Lust am Gegensätzlichen und Besonderen herrscht aber die Zucht in Seele und Form mit dem Erkenntnisziel des Gesetzmäßigen. – Wie allen Verantwortlichen haftet auch der literaturwissenschaftlichen Arbeit Grolmans etwas Erzieherisches an; manchmal weist es sich offen als solches aus bis zum Eigenwilligen, Zumutenden, niemals aber Verzwungenen.-

            Adolf von Grolman gehört bewusst keiner der herrschenden Schulen oder Gruppen seiner Fachwissenschaft oder seines weiteren Geisteskreises an; auch lehnt er es ab, als irgend jemandes Schüler zu gelten. Aller Gebundenheit und Versuchung zur äußeren Einordnung abhold vermochte er auch einer Dozentenlaufbahn nichts abzugewinnen. Für sein Streben nach exakter Forschung und unbeirrbarer Begriffsbildung in der Literaturwissenschaft und sachlich-seelischer Durchdringung (Anschauung) der Dinge sah er in größtmöglicher Unabhängigkeit eine erste Bedingnis; und er scheute in der Verwirklichung dieses seines Gelehrtenideals, das in einem lebensverbundenen Menschentum besonderer Verantwortung gipfelt, kein Opfer. Es ist insgesamt etwas Lessingsches in Grolman: In seinem Eintreten für die Verkannten und Niedergehaltenen in seinem Kampf gegen alle Vergötzung, gegen die drohende Industrialisierung von Wissenschaft, Kunst und Verlegertum; lessingisch ist er in der Bestimmtheit seiner Gesinnung und Geisteshaltung, dem Ernst seiner Tätigkeit und wiederum in der Gerechtigkeit (aequitas im Sinne des Aristides), - Aber das Nordisch-Reformatorische Lessings ist in Grolman umgebogen in die südliche Strenge scholastischer Prägung (doch fern aller erasmischen Weise).

            Man kann bei einem Gelehrten so eigenen Gepräges, dem es obliegt, über einen wesentlichen Teil der literarischen Produktion seiner Zeit abzusprechen oder die Hände zu halten, die Fundamentierung seiner inneren Existenz nicht klar genug herausarbeiten. Die Summe einer solchen Existenz zu ziehen erscheint jedoch noch zu frühe angesichts des vorhandenen Werkes, das sich mit so folgebetonter Entwicklung in seinen Teilen aufbaut, dass ein Letztes noch ungesagt erscheint.

            Wie Grolman in seinem Buche über Hessemer alles in allem seine Grundsätze wegbereit machte, so schafft er ihrer Wirkung Raum in seinen folgenden Schriften – schmalen, inhaltvollen Bänden voller Drang nach Entscheidungen. Gleich in den Stilkritischen Studien zu dem Problem der Entwicklung dichterischer Ausdrucksformen“, die Friedrich Hölderlins „Hyperion“ zum Gegenstand haben, ist mit einer kritischen Ergriffenheit der Wille offenbart, „einliterarisches Kunstwerk überhaupt sehen zu lernen und zu lehren“. Grolman hat sich hier – wie der aristotelische Großgesinnte – gleich an Großem versucht; und seine Teilnahme gehört auch fernerhin dem Beseutsamen, Ungewöhnlichem, Menschen und Dingen. Und immer übt dabei einen starken Anreiz auf ihn das Zarte und Zornige. –

            Indem nun Grolman den nach allgemeinen und entwicklungsbedingten Kriterien betrachteten Stil Hölderlins als biographisches Erkenntniselement verwertete, gelang ihm (1916) das überkommene Hölderlinbild von seiner reliefmäßigen Gebundenheit und einseitigen künstlerischen oder philosophischenProfilierung (Dilthey, Haym) zu lösen und es neu zu formen in einer Plastik von überraschender Einheit und Ganzheit. Es gelang ihm eine neue Art synthetischer Biographie. Diese literarästhetische Schau war in jenen Jahren ein Wagnis einer inneren Anwartschaft auf eine Rechtfertigung, die inzwischen eingetreten und uns rasch zu einer methodischen Gegebenheit geworden ist und zu einem so gangbaren Erkenntnisweg, das man des grenzerkühnen geistigen Pfadfinders ingerechterweise kaum dort Erwähnung findet, wo nach ihm von diesen Dingen und Zusammenhang die Rede ist, - Aus den anderen Aufsätzen über die Hölderlinliteratur und das Hölderlinbild ist übrigens unschwer zu erkennen, dass gerade dieses Problem den Gelehrten und Künstler in Grolman nicht mehr loslassen wird, dass er sich ihm verantwortlich verbunden weiß und dem großen Missverstandenen wegbereitend selbst immer näher kommt, reif für die Weißheit: „Die Alten wussten, dass man sein Urteil über die Größe der Seele nicht nach den Erfolgen des Lebens richten darf“ (Bachofen „Griechische Reise“).

            Linien dieser ethischen Kritik und erkenntnismäßigen Entwicklung führen von dem Hölderlinbuch sinnvoll zu der Schrift Adalbert Stifters Romane („Der Nachsommer“, „Witiko“) und treffen dieses neue Problem auf gleicher geistiger Ebene im Einklang der „drei deutschen Erzieher: Friedrich Hölderlin, Adalbert Stifter, Gottfried Keller“. – Die kritische Betrachtung über Hölderlins Verwendung von Naturerlebnis und Landschaftsbild, wie sie den stilkritischen Studien über den „Hyperion“ zum Ausgangspunkte diente, konnte gar nicht ohne Anruf aus der großen Sphäre Stifters bleiben; persönliches Erleben grolmans kam diesem Anruf entgegen und drängte zur Antwort, die dann – völlig aus dem Geiste des Wandervogels heraus – erfolgte, und in der die erzieherische Leidenschaft des Kritikers sich mit dem pädagogischen Gehalt des Dichters auseinandersetzte, und Grolman sich bekenntnismäßig mit Stifter dort fand, wo im Nachsommer gesagt ist: „Erziehung ist wohl nichts anderes als Umgang. Der Unterricht ist viel leichter als Erziehung. Zu ihm darf man nur etwas wissen und es mitteilen können, zur Erziehung muß man etwas sein.“ Weit über die Grenzen einer Jugendangelegenheit berührt diese wesenhafte Erkenntnis die geistige Erziehung des Volkes überhaupt und stellt den Dichtern wie den Literaturhistoriker in ihren gemeinsamen höheren Beruf voll großer Verantwortung im Maße des Seins und Könnens.

            Fast erübrigt sich zu sagen, dass dieses Stifterbuch ebenso wie die anderen Schriften Grolmans auch reich an rein wissenschaftlichen Ergebnissen ist. Vor allem dass hier zum ersten Male die Totalität der zwei Romane als ein Ganzes zur Anschauung gebracht wurde. Was aber das Stifterbuch m. E. zur wertvollsten seiner Arbeiten macht, ist, dass hier – frei von jedem blassen Historismus der Dinge – groß, warm und einfach die Maßgebung literarischer Erscheinungen nach ihrer Totalität und Eigengesetzlichkeit – wie sie Grolman zum Postulat erhoben hat – manifestiert sich hier in dem Werk über Stifter noch klarer und eindringlicher als in den Studien zu Hölderlins „Hyperion“; dass die Erkläring des Einzelnen bedingt ist in der Erfassung des Ganzen kommt hier noch gebieterischer zur Gestalt als bei der Biographie Hessemers,

            Von hier aus gewann auch die poetische Gestalt Eichendorffs ein neues Antlitz, und in der Einleitung zu seiner Eichendorffausgabe hat Grolman diesen Dichter in eine wesentlich andere Wirklichkeit hineingestellt, als das literarische Romantikerrezept ihn bisher bezettelte. Und wenn wir die Linien suchen, die im organischen Weiterbau der Arbeiten Grolmans von Stifter zu Eichendorff führen, so finden wir ihren Ausgangspunkt in dem Kapitel „Adel“ aus der Abhandlung über Stifters „Witiko“ und können ihnen folgen bis zu der meisterhaften Grundierung der dichterischen Besonderheit Eichendorffs in seiner durch den „Adel“ bedingten schöpferischen Einseitigkeit.

            Nocheinmal spricht es Grolman in dem Vorwort zu der Sammlung seiner Aufsätze, die er unter dem Titel „Literarische Betrachtung“ zusammengefaßr, eindringlich aus: Es kommt im Leben und also auch in der Literaturwissenschaft auf den Menschen an, und ihn und sein Schicksal gilt es aktiv und produktiv anzuschauen; ebenso wie die Formen, in denen er und seine Zeitgenossen sich äußern. Aus der strengen Linienführung und dem unbestechlichen Mittlerernst dieser Aufsätze teilt sich uns die Bereitschaft von Grolmans für seinen Gegenstand lebendig mit als eine wissende Demut vor den großen Leidträgern der deutschen Geistesgeschichte: Sebastian Franck, Hölderlin, Kleist, - Dichter, an denen die gnadenlose Unruhe der Schöpferkradt gezehrt, und die durch eine Welt von Widerständen in einen tragischen Wuchs gezwungen wurden. Problemstellung und Interptrzation sind Grolman in dieser „Anschauung von Künstlerschicksalen“ so groß gelungen, dass wir es dann und wann erleben dürfen, wie ihm  die sachliche Zielsetzung deb eigenen Händen entwächst und sich eigenmächtig und zwingender dort erfüllt, wo Anschauung Mitleiden wird. Noch einen Schritt weiter, und man ahnt, dass Grolman sich mit großer Einfühlungskraft besonders jenen Gestalten zuneigt, die er sich letztlich wesensverbunden weiß; Sebastian Franck, der das Wort „selbständig“ geprägt und gelebt hat; Kleist, dem „die Not um das Recht“ zum schöpferischen Dämonium wird; Hölderlin, Jede echte Schau ist letztlich erlittenes Schicksal. Hier liegt der entscheidende Lebenswert der Sammlung „Literarische Betrachtung“: Die „ästhetische Anschauung“ kann die Inspiration nicht verleugnen, von der sie kommt, derem Gefahren sie ünerwunden hat, deren bestehende Kraft sie aber in keiner Kritik vermissen mag.

            In diese Bestimmung und Haltung fügte sich Grolmans neues Buch über „Kind und junger Mensch in der Dichtung der Gegenwart“ wiederum organisch in die Entwicklungsfolge seiner Schriften ein. Denn die glückliche Bearbeitung dieser Materie war sehr an Voraussetzungen gebunden und verlangte wahrhaft einen Maßbewußten – „Großgesinnten“. Es war die Zeit für dieses Buch, und es kam aus einer tieferen Notwendigkeit als aus dem Bedürfnis nach einer literarischen Problemschau. Grolmans geisige Grundhaltung und seine lebensvolle Verbundenheit mit der Jugendbewegung befähigten ihn, hier in kritischer Arbeit zu sondern und prüfen und, aus dem Chaotischen des schwierigen Problems das Form- und Lebensfähige erhebend und bewahrend, zuletzt „das Menschlich-Freudige zu bekennen“ (Carossa).von diesem Sinn erfüllt sind auch die zahlreichen informierenden Aufsätze grolmans, die meist in der „Neuen Literatur“ erschienen sind und wie die vielen Rezensionen und Kritiken durchaus eine besondere Artgeltung haben. Vor allem aber spricht auch aus diesen kleinen Arbeiten – wie aus der gamzen Leistung Grolmans überhaupt – stets der weltgewendete Mensch besonderer Verantwortung mit seelischen Reserven: Ein echt wissenschaftlicher Mensch. Als solcher weiß er sehr wohl, „daß man auch einmal den Mut zum Fehlen haben muß“ (Jakob Grimm), wenn es ein entscheidendes Wagnis gilt. Und deshalb hat ihn das Phantom einer sogenannten „objektiven Wissenschaft“ nie berücken und beirren können in seiner sicheren Orientierung am Leven selbst. Der schulmäßige Begriff „objektiv“ mußte sich in ihm notwendigerweise umbildem im dem reinen Grundsatz „diskret“, wenn er in seinem Beruf den tiefen Gegensatz zwischen strengem Erkenntnismühen und allem Indiskreten erkennen und ertragen lernen sollte. Das Indiskrete aber, das der reinen Hingebung nicht fähig ist und dem sich deshalb der Gegenstand immer zuletzt entzieht, ist heute wie eine Gewohnheit abspruchsvoll geworden, verbreitet sich hemmungslos und ist eine Versuchung zumal für jene Wissenschaft, die – wie wir sahen – es insonderheit mit Ehre und Unehre zu tun hat: Die literarische Forschung. Und weil die vielen Indiskreten nie begreifen werden, dass die Welt nur für den bestimmt ist und gegenständlich und wirklich wird, der sich hinzugeben vermag, werden ihnen die wenigen Diskreten stets unbegreiflich und unbequem bleiben wie ein Gewissen. Den Diskreten im Geiste aber wird ihr Wirken dadurch erschwert, und sie  müssen Unruhe sein, wo Maß und Sicherheit von ihnen allein ausgehen sollten. – In seiner Besprechung über Grolmans „Literarische Betrachtung“ sagt Emil Ermatinger: „Es geht der Ton der Bitterkeit durch dieses Buch.“ –

            Vielleicht kann diese Bitterkeit keinem Diskreten erspart werden. Es wird ihm nur bleiben, sie fruchtbar zu machen.



Weitere biographische Daten und die entsprechende Bibliographie ist unter Navigation "Bibliographie zu entnehmen, sofern es sich um Rezensionen und Aufsätze aus der schönen und später der Neuen Literatur handelt, finden Sie diese unter Navigation Schöne Literatur


Robert Minder schreibt in Acht Essays zur Literatur, Fischer Bücherei  Bücher des Wissens, 03. 1969 S.100

 

Adolf von Grolman, ein profunder Kenner  der Weltliteratur, hat das in seinem Buch „Wort und Wesen am Oberrhein“ ebenso genau herausgearbeitet wie er in einer seiner „Karlsruher Novellen“ unvergleichlich zart Hebel und Jung-Stilling kurz vor dem Tod ein Gespräch über die letzten Dinge führen läßt.




Gerd Grumbach

 

VOM ETHOS DES WAHREN SCHRIFTSTELLERS

 

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Zum 60. Geburtstag Adolf von Grolmans

Am 6. Oktober 1948

 

Heidelberg

 

Verlag Lambert Schneider

 

 

 

 

Wir sprechen hier von einem Schriftsteller unserer Zeit, anlässlich seines 60. Geburtstages: Adolf von Grolman. Und was mit diesem Namen verbunden ist und bleibt, daran wollen wir uns heute erinnern, in aller Klarheit und Deutlichkeit.

 

Das heißt wir wollen ihm nicht ins Wort fallen, wir wollen ihn nicht festlegen oder einengen und über sein Wirken und Sein kein Gotterwerk fragwürdiger Begriffe spannen.

Wir wollen etwas ganz anderes: wir wollen von der lebendigen Wirkung zeugen, die von seinem Werk ausgeht. Und wenn wir das und nur das tun, so bleibt der offene Raum aller weiteren Möglichkeiten um ihn herum. Uns aber wird ein Bild erstehen, das uns den landläufigen Begriff des Schriftstellers zu unserem Staunen verwandelt: denn das ist nicht nur die Gabe des Erkennens und Deutens von Zusammenhängen und die gekonnte Niederschrift davon, das ist nicht nur science pour science! Das ist vielmehr etwas ganz anderes. Und was, das wird unser Zeugnis vom Wesen und Wort Adolf von Grolmans weisen.

Er stammt aus oberrheinischer Landschaft und ihrer Waldstadt Karlsruhe, die Kleist einst „klar und lichtvoll“ genannt hat. Und wie ihm alles figura wird im vielfältigen und angenommenen Dasein, d. h. Sinnbild für das inwendige Wort und den inwendigen Sinn, den alle Dinge haben, so wird ihm auch diese Herkunft Sinnbild für die andächtig gepflegte Klarheit und Ordnung seines Denkens und Lebens. Denn so wie über einer seiner Arbeiten das Motto steht: „Du hast es befohlen, und so ist es auch, das jeder ungeordnete Geist ihm seine eigene Strafe sei“. (Augustin, confessiones I.I2), so sagt er uns auch, „dass wa die Unordnung sei, welche den Leuten Verderben bringt“.

Sein Wesen ist ein Bekenntnis zur benediktinisch hellen lateinischen Klarheit, im Gegensatz zur nordisch düsteren, romantisch verhangenen Welt.

Aus seiner Landschaft stammt Schongauers „selig klare Graphik“, stammt Taulers „bewahrende und fördernde Kraft“, stammt Weinbrenners „isolierte Energie“, stammt Thomas „Wort gewordene Szatik der alemannischen Seele“, deren Haltung sich knapp aber erschöpfend in drei Worten bekennen kann: „geboren werden verpflichtet“, wie auch „nobless oblige“. Aus dieser Landschaft stammt auch des unbeirrbaren, erziehlichen Hebels „Kannitverstan!, darin das Missverständnis „tiefsinnigstes Symbol“ wird.

Adolf von Grolman kennt den Zusammenhang von seelischer und sichtbarer Landschaft. Er weiß:“ es muß sich zumindest das Wissen um die Tradition den Energien der Zeugung gesellen, sonst schwankt ihne übergebene Weisheit Unsicherheit durch die Gemüter jener, die villendet sicher sein müssen“

Wer zu seinem Werk gelangt, wird zuerst stutzen, denn er findet hier keineswegs immer die Bestätigung. Des einst „Gelernten“, das mit einem bisher noch unangefochtenen Anspruch von Gültigkeit in unser aller Schulsack steckte und mit dem wir uns leidlich wohl fühlten und uns selbstherrlich, unbeirrt, überzeugt durch die Welt bewegten.

Es muß begriffen werden, dass es einer Traditions-Sicherheit und Traditions-Verbundenheit in nichts widerspricht, wenn er viele gewohnten Etiketts plötzlich ablöst – dass manche in ratloser Verwirrung anfänglich stehen bleiben, bis sie es zugeben müssen, dass die Maßstäbe und Wertungen nicht mit nachgesprochenen „Literaturgeschichten“ vollzogen werden und von uns nur so lernenderweise übernommen werden können! Und daß jetzt vor einem ganz andern Forum „Kritik“ geübt werden wird – „Kritik ist Unterscheidung“! – nämlich vor dem Forum des zu gültiger Haltung gelangten Menschen – der zu unterscheiden gelernt hat und Unterscheidung im Chaos der anschwellenden Dinge dieser Welt tätig und unverdrossen übt und lehrt.

Vor einem solchen Forum ist es nicht möglivh, dass die Welt mit ihren geschichtsmäßigen, kulturellen, weltanschaulichen, psychologisch-individuellen ständig wechselnden Gesichten die Statik oder gar in die gewachsene Form einer ethisch-bewußten Persönlichkeit einbricht und sie irritiert.

In eine solchermaßen geformte und gewachsene Persönlichkeit bricht die Welt nicht ein, aber sie wird angeschaut in wechselnder distance,

Dieses ist vielleicht nicht gleich zu verstehen, dass es so etwas gibt und heute gibt, angesichts der scheinbar so allgemeinen Unzuverlässigkeit und Wandelbarkeit von Institutionen, Seelen und Weltanschauungen.

Wir sind  allzu sehr an das Unzulängliche gewöhnt worden und misstrauen aller Menschen-Wandlung und allem menschlichen Geschwätz darüber von vorne herein. Denn unser Instinkt sagt uns, und der Augenschein überzeugt uns: Es ist etwas Ungeheuerliches: vor dieser Welt unangetastet zu bestehen. Eben „vollendet sicher zu sein“!

Es ist etwas Ungeheuerliches, einen dornenvollen Weg bewusst nicht zu scheuen, sich auseinanderzusetzen, in aller Wirklichkeit, in allem Ernst mit allem, aber auch allem Erlebbaren, das nahekam – und es kommt viel nahe dem, der Ohren hat, zu hören!

Es ist viel, das Leben grundsätzlich anzunehmen, so anzunehmen, wie es ist! Und in diesem Annehmen dann die harte Aufgabe der Kritik – Kritik=Unterscheidung! – zu lösen. Wer leistet das? Fragt ein jeder mit berechtigtem Zweifel. Denn ein jeder ahnt – wenn er auch nicht klar sieht – was dazu gehört, um solches zu vollbringen.

Und wir nehmen schon voraus, dass in Adolf von Grolmans Sinn nur ein solcher überhaupt daran denken darf, ob ihn auch seine anderweitigen Gaben zum Schriftsteller berufen. Ein Schriftsteller also ist einer, der „vollendet sicher ist“! Das Wort tönt uns ganz unglaubhaft in den Ohren. Denn „Schriftsteller“ ist heute eine abgegriffene Vokabel und gilt für ein Simmelsammelsurium, dem Kritik=Unterscheidung bitter nötig wurde.

Denn was war denn um uns „vollendet sicher!? Wir haben uns alle je und je umgeschaut und es nicht gefunden: nicht in den Kirchen, nicht in den Obrigkeiten, nicht in den Schulen und nicht (sic!) auf den Hochschulen.

Wir wollen bei dieser Aufgabe etwas verweilen, die auch Adolf von Grolmans Aufgabe war und ist, eine Aufgabe der  einsamen Vorläuferschaft und des Auf-sich-gestellt-seins, darin man dem Geist sich verschrieben hat. Nicht etwa solange bis – oder: mit Ausnahme von – oder: unter der Bedingung dass – oder wie sonst die Einschränkungen heißen von jenen, die auch sagen, sie hätten sich dem Geist verschrieben, aber die nüchterne und unerbittliche Konsequenz dieses Tuns doch nicht ermessen, geschweige denn ziehen!

Aber hier steht ein Leben und Werk vor uns, das hat es ermessen und hat den Weg angetreten, den Dornenweg voller Verzicht – denn es lebt sich leichter, wenn man sich ungeschriebenen und vorgeschriebenen Meinungen und Konventionen fügt; - voller Einsamkeit, denn es gehen nicht sonderlich viele mit auf solchem Weg; - voller Missverständnisse, denn die Welt leidet kein Eigenmaß und dass man sie in ihrer Nichtigkeit durchschaut.

Und wäre es dieses alles überhaupt nicht zu leisten, wenn ein solches Leben nicht jenen Zustrom hätte, den ein Weltkind „unbegreifliche Kraft“ den ein Frommer einfach „Gnade“ nennt.

Aber sich in dieser Kraft oder dieser Gnade zu erhalten, das ist letztlich das Geheimnis, das jeden schöpferischen menschen umgibt und das wir als solches anerkennen.

Und nun die Aufgabe, wie Adolf von Grolman sie fasst und vorlebt, auf dass Sicherheit werde und völlige Unabhängigkeit von gewohnten und vereinbarten Bahnen

Das ist das erste, was wir durch ihn als Möglichkeit erfahren und das, was zu allererst zu tun ist: das anschauen zu lernen und dann zu üben.

Nichts zuerst als dieses: was auf uns zukommt, was die Welt in Fülle jedem anbietet, Schönheit und Vergänglichkeit, alles Gewordene in der Menschheitgeschichte, alles Werk des einzelnen, so etwas auszusagen vermag über den irdischen und über die geliebten letzten Dinge der menschlichen Seele – alles dies fordert von uns zuerst gar nichts anderes als dass wir es anschauen, ohne Eile, ohne Hast, in großer Ruhe, die wir habem müssen, auch wenn um uns die Unruhe wächst.

Das ist nicht so leicht, wie es sich anhört, denn es schließt vieles völlig aus: es schließt aus den Mittanz um das goldene Kalb, es schließt aus jeden Seitenblick und jeden Einbezug von persönlichem Vorteil, es schließt aus alle Wertschätzung von „Ruhm“, den die Menschen so falsch und leicht vergeben!

Es steht einzig da das Anzuschauende und wird angeschaut von einem gereinigten Herzen, d. h. gereinigt von Vorurteil, vom Schema überkommener Einordnung.

Nichts steht da gegenüber als das kühle, sachliche, aufmerksame Auge, bereit, aufzunehmen „was die Wimper hält“.

Völlig aufgeschlossen und bereit, aufzunehmen, was das Werk auszusagen vermag.

Aber eben – um Membran zu sein, die von jener Ausstrahlung schwingt, muß man etwas sein, muß man das  Erlebbare und die menschlichen Herzen kennen und darf selber nicht trägen Herzens sein. Ahnt man was allein dazu gehört : anzuschauen?!

Es erwächst daran schon jenes Mitdasein, jene Form des Liebens, das von sich abzusehen vermag und nur den andern sieht oder das andere, das anzuschauende.

Und so, mit solcher Bereitschaft, mit solcher völligen Hingewandtheit, die sich ganz gibt, vermag auch Adolf von Grolman „anzuschauen“, Gedachtes und Geformtes, Landschaften und Völker, Staaten und ihre Geschichte, Menschen und ihre Seelen . . .

Und vor der Unbeirrbarkeit eines so gereinigten Blicks, teilen die Dinge sich mit, sagen aus, was sie sind und haben, können nicht lügen und können nicht verbergen, wenn falscher Schein mit Unrecht erhellt wurde.Hier wird den Dingen auf den Grund geschaut. Und es entstehen andere Resultate, andere Bilder als Literaturgeschichten und ein blinder Trott durch die Menschheitsgeschichte sie liefert.

Hier spüren wir plötzlich die riesengrüße Gefahr der verewigten Unwahrhaftigkeit im Nachsprechen und Nachahmen vorgeschriebener Bahnen, wenn wir es uns feige und träge erlassen, erst jedem Ding in solchem aktiven „anschauen“ zu begegnen, ehe wir es richten und einordnen in die große Ordnungs- und Vorratskammer der Menschen, aus der sie ja leben soll und wir mit.

Wie – wenn sie nun immer falsche Dinge zu ihrer Erhaltung gebrauchte? Das geht nicht. Die Menschheit würde sterben und verderben noch ehe ihr Leib verdirbt! In dieser Gefahr stehen wir sehr. Und Adolf von Grolman kennt sie und öffnet uns die Augen darüber weit und weiß einen Weg, ihr zu begegnen.

Denn nun, nach der reinen Aufnahme des rein „angeschauten“, „betrachteten“, kommt die Kritik, Kritik-Unterscheidung! Jetzt ordnet sich das Angeschaute nach seinem inneren Wert – nicht nach einer landläufigen Meinung, nicht nach einem subjektiven Geschmack! –

Jetzt unterscheiden sich die Dinge! Und so kommt es, dass gerade Adolf von Grolman soviel Vergessenes und lange nicht gebührend Beachtetes wieder sichtbar, anschaubar macht, auf dass der verschüttete Quell wieder rinne.

Wir können es uns nicht leisten, viele zu verschütten. Denn es gibt nicht gar so viele! Wir sind nicht so reich, wie wir immer meinen.

Da ist Sebastian Franck, eine Lieblingsgestalt Adolf von Grolmans, dieser damals wie heute verkannte Denker der Reformationszeit, der sich schließlich von beiden sich befehdenden Konfessionen distanzierte, der parteilos und eschatologisch gerichtet, die Welt anzuschauen vermochte, wie sie war, nicht wie sie sein sollte, dem es in seinem „Radikalismus sittlicher Art! „weder auf Krieg noch auf Frieden noch auf Sieg“ ankam, aber darauf: „ der Unruhe seiner Zeit die Ruhe“ entgegenzustellen, d. h. die Ewigkeit.

Adolf von Grolman hat uns diese Existenz als Bestand unseres seelischen Erbgutes wieder vor Augen geführt. Und wie ihn, so noch etliche bislang vergessene oder verkannte.

Adolf von Grolman hat nie einen andern Zugang zu den Dingen gelten lassen als den der unerbittlichen und vor keiner Konsequenz zurückschreckenden Auseinander – Setzung mi der eigenen Seele – ganz so wie es Spiteier einmal von Burckhardt sagte:“ Er gab nur Selbstgedachtes und –geurteiltes“. (Brief an Frey vom 22. 05. 1904.)

Wir treten mit ihm immer und je in eine Atmosphäre gründlicher Wahrhaftigkeit, die sich nirgends und nie scheut, auch das Ungewohnteste zu sagen, wie aufgestörte Herzensträgheit auch dawiderbellen mag. Denn wer „due Philister zu Achsenverschiebungen in ihrem Denken nötigt, ist ihnen ein Friedensstörer“ wie es der Rembrandtdeutsche einmal ausdrückt.

Wir spüren es erst durch dieses geistige Aufgemuntertwerden, welches beschämende Maß von Trägheit unser ganzes Denken und Leben überspannt, und sich gegen solche eindringende, lebensvolle Bezugnahme zu den Dingen feige wehrt.

Die Hochschulen haben uns nicht zu solcher Freiheit des Geistes erzogen, auch nicht die Hochschulen vor 1933 und nach 1945. Und nur, wer dieses bitter und ahnungsvoll in sich empfand, wird die befriedigende Tat eines solchen Eigenweges außerhalb aller vorgeschriebenen Bahnen, wie ihn Adolf von Grolman geht, zu würdigen wissen.

Hier beginnen erst die Verabtwortungen, die eine sittliche Existenz auf sich nimmt wie ein Kreuz. Denn viel muß vom eigenen Wesen – das sich nicht etwa immer leicht solcher Christopherusaufgabe vor Gott und den Menschen stellt! – gekreuzigt werden, um solchen Auftrag zu erfüllen und Leben und Werk vom Schwindel und falschen Sein freizuhalten und Gottes Gesetz von der wahren Ordnung der Dinge wieder zum Dasein zu verhelfen.

Adolf von Grolmans Wissenschaft läuft keine Gefahr je zu verkümmern. Er verlangt von ihr, dass sie sich nirgends schone und nie der Versuchung erliegt, in den „geradezu vereinbarten Rahmen“ weiterzuschreiten. Seine Wissenschaft tut das nicht. Mit ihr, wie mit aller Kunst und aller Erziehung, kommt es ihm einzig und allein immer nur auf das Leben an, das hinter allem wartend steht, das begriffen, geleitet und selbst gelebt werden will und werden soll.

Und das ganze Bemühen geht dahin: zu zeigen, wie man’s erträgt, wenn’s untragbar zu werden scheint. Daher sieht er wie keiner die Bedeutung der großen Leidträger in der Menschheitsgeschichte: Hiob etwa, oder Augustin – Vergil – Sebastian Franck – Leonardo – Grimmelshausen – Racine – Bach – Lessing – Hölderlin – Stifter – grillparzer – gottfried Keller.

Alle literarische Betrachtung drängt in Adolf von Grolman zur Praxis, zur Verwirklichung des Gesagten im Leben. So weitet sich seine Arbeit am Geist gewaltig über alles Geschriebene am Schreibtisch hinaus.

Das macht ihn zum wahren Erziehenden im lebendigen Umgang, besonders mit der Jugend, die er sucht – ganz so wie er es einmal seinem eigenen Lehrer dem langjährigen Leiter des Karlsruher Gymnasiums, Professor Wendt, nachruft: „er war ein Jugendlicher, wenn es Arbeit am Geist mittels Erziehung galt“.

Sein schriftstellerisches Werk ist also kein Selbstzweck und verengt sich nirgends zu: l’art pour l’art! Dieses Werk hat einen andern Sinn, aus dem sein Ethos erwächst: der Erhaltung unserer besten Kräfte zu dienen; und das wird erreicht durch das Sammeln und Festhalten und Vor-Augen-Führen jener besten und oft vergessenen Kräfte, die in den geheimen Ordnungswillen fer Menschheit hineinwirkten. Und er sieht wohl, dass dieses nie Kräfte einer Richtung, einer Weltanschauung, einer Partei oder irgend sonst einer Begrenzung sind, sondern er erspürt sie überall in der Vielfaltigkeit des Daseins.

Und so gilt bei ihm nicht das harte Entweder – Oder, sondern das: Je – Nachdem! Denn: fruchtbar werden die Kräfte je nach dem Maß der sittlichen Gewalt und nicht navh den jeweils wechselnden Formen, die Weltanschauungen sich im bunten Vielerlei nach außen hin schaffen.

Es kommt – um praktisch zu reden – nicht letzten Endes darauf an, ob einer Methodist oder Katholik oder Demokrat ist, sondern darauf, ob er mit seinem Sein und Handeln und seinem Werke vor Gott, nicht vor den Menschen, besteht. Und dass jene „aequitas“ erhalten oder wiederhergestellt werde, die antike Billigkeit, die jedem das Seine läßt. Man erinnert sich dabei an Szifters „Sabftes Gesetz“ und dass ein Höheres in uns ergrimmt, wenn es mißachtet wird.

Diese Haltung führt Adolf von Grolman immer wieder zur Auseinandersetzung mit dem Recht – er war auch ursprünglich Jurist, ehe er sich den Geisteswissenschaften verschrieb. – Er weiß um die Verhältnismäßigkeit aller irdischen Gerechtigkeit und dass sie nur relativ geleistet werden kann, dass sie nur „eine ahnende Hoffnung bleibt und in dieser Zeitlichkeit keine Erfüllung kennt“. Er weiß auch, daß „der Verbrecher, wenn er der irdischen Justiz anheimfällt, auch im Letzten noch ein Ankläger bleiben kann“.

Das ist die Problematik aller begrifflichen Dinge, um die es im Letzten auch für Adolf von Grolman nicht mehr geht. Er kennt ihre Grenze und die Gefahr aller Polemik, die unnütz bleibt und nichts erzeugt. Wohl sucht er unsere Begrifflichkeit mehr zu ordnen und wünscht ihre klare Unterscheidung und trägt selbst dazu bei, daß das Chaos der Welt, wie es uns umgibt immer wieder durch den Eindruck der Ewigkeit an diese erinnert werde. Es geht eben auch in diesem Leben schon um mehr als nur Begriffe, es geht eben auch hier schon um die Ewigkeit. Und nun sind wir dort, wo Wesen und Wort dieses Schriftstellers all seinen besonderen glanz erhält, bei jenem „innerlich Bleibenden, das oberhalb der Ereignisse des Tages steht!.

Es ist nicht so, daß davor die Welt an Wirklichkeit einbüßt. Sie bleibt das zu Durchwandelnde, das unter allen Umständen Anzunehmende. Sie ist figura, Sinnbild für Gottes Wirklichkeit oder soll es doch wenigstens werden. Und wir können uns mur durch figura und Sinnbild der Welt jener Wirklichkeit nähern.

Und so bleibt sie, diese Welt, bis ins Äußerste hinein, unaufhörlich Gegenstand unserer Anschauung, nicht zu umgehender Ort unseres Mitdaseins.

Aber: „welcher Mensch das Bild dieser Welt beschreiben will, der muß vorher inne werden, dass diese Welt mit ihrer Lust vergeht“. So sagt Adolf von Grolman mit Bezug auf den Geographen Ratzel. Und wir wollen hier nicht den schönen Ausdruck vergessen, den der Dichter Adolf von Grolman einmal für diese schwermütige Erkenntnis gefunden hat: so wie man im Sommer daliegt und den Sommertag sich vollziehen läßt, wissend um den Abend und die endgültige Nacht, die einst kommen wird“.

Und dieses Dennoch ist es, was zu leisten ist und von Adolf von Grolman geleistet wird: Das Hindurchwandeln durch alles, ohne dass es den Blick in die Ewigkeit je verstellte. Das macht auch ihn zum unbeirrbaren Wanderer durch die Zeiten der unermüdlich den Bogen spannt zwischen Zeit und Ewigkeit, nicht anders, wie er selbst Bach als sittliches Phänomen deutet, dessen Werk ihm erfüllender Klang dieses Bogens ist.

Adolf von Grolman hat den Mut die „ewigen Dinge, welche so viele verleugnen, beim Namen zu nennen“. Aber nicht nur die Bachs, auch seine eigene Musikalität ist eng verbunden mit den geliebten, letzten Dingen, welche nach seiner Aussage „durch die Übermittlung der Musik zum Menschen dringen können“.

Wir begreifen, dass er alles polyphone Musizieren und die polyphonen Instrumente vor andern liebt, das Klavier und vor allem die herrliche Orgel. Denn Welt wie Seele sind ein Vielklang vor Gott und im Vielklang erheben sie sich zu seinem Thron.

Bei aller Ordnung, ja bei aller geheimen ratio, die der strengen Musik anhaftet, ist sie ihm dennoch zugleich jener weite Raum vor der hochgebauten Stadt, darin die Seele dann und wann tief grübeln und schweifen darf, „fern und sehr tief, wohin Gedanken nicht mehr folgen“, im Sinne des Predigers; (7,24): alles, was da ist, das ist ferne und ist sehr tief; wer will’s finden?“ Musik wird in ihrer höchsten  Entbundenheit zum fernsten Traum.

Und Adolf von Grolman kennt wie keiner die gefährdete Position, die gerade der im Alltag besonders hilflose Musiker hat und die ihn so oft zur grotesken Erscheinung macht für eine stumpfe unbegreifende Welz. - - -  Immer behält das einmal Geschriebene für Adolf von Grolman grundsätzliche Geltung und darf sie auch behalten, eben weil es mie leichtfertig geschrieben wurde, sondern immer mit der Einbeziehung und Darbietung der ganzen Existenz, die danach lebt, „was sie erfahren und zum Wissen gebracht hat“. Man wird an joh. 19, 22 erinnert an das unwidersprechliche: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“.

Und oft die unantastbar scheinenden Wertungen von Gestalten und Ereignissen der Menschheitsgeschichte erfahren nun bei Adolf von Groman nicht gar so selten radikale Umwertungen! Mit tiefstem Misstrauen sieht er den dynamischen Höhenrausch zu Gott, der aller Gotik, nicht nur dem Straßburger Münster innewohnt. Mit tiefstem Misstrauen sieht er Ursprung und Folgen der Reformation und ihrer Begründer, sieht er die viel Ungeist entwickelnde Renaissance, sieht er die heldenmäßig für die Geschichte zurechtgestutzte Gestalt Gustav Adolfs, Savonarolas Eifern, Nietzsches maßlose und in Krankheit verebbende Exaltationen, Und mit allertiefstem Misstrauen sieht er auf die Weimarer Kunst- und Kulturpolitik, die uns mit Moden aller Art überschwemmte, deren Fragwürdigkeit noch heute dem Bewusstsein vieler nicht aufging. Eine Erscheinung, die auf musikalischem Gebiet in den „Wiener Klassikern“ ihre Parallele findet. Nicht zuletzt entgeht ihm die Brüchigkeit unserer modernen Literaturwissenschaft selbst, die „nur in seltenen Ausnahmefällen den wahren Stand der Dinge erkannte“.

Doch nicht um Einzelheiten ist es uns hier so sehr zu tun. Nur noch eines sei erwähnt, weil es viel erhellt: sein Misstrauen gegenüber aller Scheinmystik von „Totentänzen“ bei aller Anerkennung großer Kunst, die mancher darauf verwandte. Denn anders, völlig anders ist sein Verhältnis zu diesem in so schauriger figura festgehaltenen Symbolträger unserer irdischen Vergänglichkeit. Ihm nedeuted der Tod keine von außen den Menschen überfallende, schreckliche Gewalt, ihm ist der Tod ein innewohnendes Element unserer Existenz, wie unser Lebenstag, er wächst mit uns, ist immer da und ist nichts anderes als das Tor zu neuer Wandlung, gleichwie das Samenkorn erstirbt zu seiner Frucht. Tod wo bleibt da dein Schrecken, den alle Totentänze so schaurig gestalten. Adolf von Grolman weiß sich hier tief verwandt mit Bachofens und Simmels Todesmystik.

Überhaupt haben Schrecken und Gewalt keinerlei Raum in seiner Seele, die aus einer tiefen Einigkeit mit unserm Lebenmüssen und Sterbenmüssen schöpft. Zugleich damit entsteht jene souveräne Freiheit gegenüber dem irdischen Dasein, die nur den Kindern Gottes eigen ist, die sich geborgen wissen in seinem Walten.

In solcher inneren Freiheit gedeihen nicht Schwermut und nicht Traurigkeit.

Der Aufmerksame wird bei Adolf von Grolman immer wieder einem schnellen Hinblick und Hinweis auf den Jünger Johannes begegnen. Der Aufmerksame wird es bald herausspüren, dass erst mit dieser Gestalt sich ihm etwas vollendet und rundet, was ohne diesen Wesenszustrom in der Welt tief im Dunkel der Gottesferne bliebe: der verborgene Mensch des Herzens unverrückt mit sanftem und stillem Geiste . . . die Verwirklichung jener Sanftmut, welche „die Knoten menschlicher Verzweiflung wo nicht löst, so doch mindest lockert, dass sie erträglich bleiben“.

Das ist für unsere Zeiten, die alle Ewigkeit nur Gewalt gegen Gewalt scheinen setzen zu wollen, ein fernes, im Letzten noch unbegriffenes Wort.

Es soll unsere Hoffnung sein, dass sich diese johanneische Grundstimmung noch einmal so in Adolf von Grolman verdichtet, dass er aus seinen reifen Jahren heraus und mit der heiligen Nüchternheit, die ihm eigen ist – jener benediktinischen sobria ebrietas – dem johanneischen Dasein in der Welt zu Wort und Wirklichkeit mit verhilft. Denn dieses ist köstlich und tut not, jetzt oder nie . . .

 


Hier folgt die Bibliographie, die unter dem Navigationspunkt Bibliographie entnommen werden kann.

http://www.repage1.de/member/vongrolman/bibliographie.html


Aus Die Lesewelt Zeitschrift des Deutschen Bücher Bundes 4. Jahrg. Heft 12/13 Sept./Okt. 1953


Adolf von Grolman

Zu seinem 65. Geburtstag am 6. Oktober

Als die Generation der heute Sechzig- bis Siebzigjährigen zwischen 190O und 1910 in das literarische Leben eintrat, war die stoffliche Bestandsaufnahme der Literaturgeschichte von der damals herrschenden Wissenschaft vollendet. Die jungen Literarhistoriker übernahmen den voll registrierten Stoff nur mit einem Wunsch, ihn geistig zu durchdringen und geistig zu ordnen. Sie sahen ihre Aufgabe vor allem darin, eine geistige Ordnung zu schaffen,, die nicht eine Wissenschaft fur die Wissenschaft darstellte, sondern durch Kritik als Unterscheidung den geistigen Wesensgehalt der Dichtung bei aller Anerkennung der gültigen Tradition im lebendigen Sein zur Wirkung brachte. Die Literaturgeschichte wandelte sich zur Literaturwissenschaft, zur Geistesgeschichte und Geisteswissenschaft, ja zur Lebenswissenschaft . . .
Der junge Karlsruher Adolf von Grolman, der als Jurist mit der Auseinandersetzung mit dem Recht begonnen hatte, rückte schnell, als er in der Literaturwissenschaft sein eigentliches Arbeitsgebiet gefunden hatte, in die vorderste Front der neuen Verarbeitung der Vergangenheitsdichtung, weil er aus seinem allen, süddeutschen Adelsgeschlecht heraus, das auch romanisches Blut in sich barg, jene lichtvolle Klarheit mitbrachte, die, im Gegensatz zur nordisch düsteren, romantisch verhangenen Welt, sich aus der oberrheinischen Landschaft Schongauers ,,selig klare Graphik", Taulers ,,bewahrende und fordernde Kraft", Weinbrenners ,,isolierte Energie", Thomas ,,Wort gewordene Statik der alemannischen Seele", Hebels tiefsinnig symbolisches ,,Kannitverstan" holte und in der Einheit von seelischer und sichtbarer Anschauung lebte. Er trat der Dichtung sofort als vollendet sichere Persönlichkeit gegenüber, die unbeirrbar und voller Gnade dem Geist verschrieben war und nun aus reinem Anschauen und mit menschlichem Herzen in unbedingter Wahrhaftigkeit ohne jedes Nachsprechen und Nachahmen überkommener Begriffe und Formulierungen gegenüber dem Gedachten und Gestalteten, dem Geformten und Verdichteten, gegenüber Landschaften und Volkern, Staaten und Geschichte, Menschen und Seelen sich nur auf die eigene Stimme im eigenen Innern verließ. So wurde Adolf von Grolman vom Anbeginn seines literarkritischen, seines literarhistorischen Arbeitens an ein Ordner des wesentlich Angeschauten nach dessen innerem Wert. Er wurde ein Schatzgräber, ein Wegweiser zu den verschütteten Quellen des echten geistigen Lebens der Dichtung.
Darum legte er folgerichtig zuerst eine Schrift über den ,,Gang nach Emmaus" (1917) und eine stilkritische Untersuchung zu den Problemen der dichterischen Ausdrucksformen an Hand von ,,H6lderlins Hyperion" (1919) vor, jene ihn nie verlassende innere Verbindung des religiösen Erlebens mit der dichterischen Schöpfungskraft. Es ging ihm ständig um die Auseinandersetzung mit der eigenen Seele nach Spittelers Wort von Jacob Burckhardt: ,,Er gab nur Selbst- gedachtes und -geurteiltes." Es ging ihm um die sittliche Existenz und Gottes Gesetz von der wahren Ordnung.
Er hatte dadurch die klaren Augen, uns ebensosehr zum wirklichen Adalbert Stifter zu führen, dessen große Romane ,,Der Nachsommer" und ,,Wittiko" er uns 1926 erstmals grundlegend deutete, dessen Werke er später — 1934 — in einer Volksausgabe des Inselverlages herausgab und dessen Wesen, Werk und Wirklichkeit er in vielen Essays, jetzt gesammelt in ,,Vom Kleinod in allen Zeiten" (1952), zur vollen Erkenntnis gebracht hat. Wie weiterhin — 1927 — Eichendorffs Werke und schließlich in seinen berühmten drei Bänden der ,,Europäischen Dichterprofile" (1947 bis 1949) die gesamten schöpferischen Persönlichkeiten der Dichtung unseres Erdteils zu neuem Erlebnis zu bringen. Er war wirklich zum ,,Geiste" im reinsten Sinne durchgedrungen: mit seiner Auswahl der Worte Christi in Georg Müllers Sammlung ,,Religio" von 1928, mit seiner Studie zur ,,teutschen theologei" des Sebastian Franck, der eine Lieblingsgestalt von Grolman wurde und ihm die Distanz zu beiden sich befehdenden Konfessionen aus dem Denken der Reformationszeit und die partei-lose, eschatologische Anschauung der Welt, den Radikalismus sittlicher Art schenkte, dem es weder auf Frieden noch Krieg, noch Sieg, sondern nur auf die Ruhe, die Ewigkeit in der Unruhe, der Vergänglichkeit der Zeit ankommt. Er wußte um ,,das Verhältnismäßige in der Paradoxie des Seins" und konnte darum ebenso sehr in seiner ,,Literarischen Betrachtung" von 1930 Beitrage zur Praxis der Anschauung von Künstlerschicksal und Kunstform wie 1943 über den Wesensunterschied von ,,deutscher Dichtkunst und franzosischer art poetique" völlig neue und bleibende Erkenntnisse geben.
Niemals als weltfremder Gelehrter oder Fachwissenschaftler, sondern stets in voller Verbindung mit dem Leben, denn er lebte, zwar zeitweise Universitätsdozent, bald aber als freier Schriftsteller unablässig mitten in der Verantwortung für seine Gegenwart, die ihn 1932 über ,,die Lage und Verlagerung der bürgerlichen Jugend Deutschlands" Wichtiges an den Tag geben ließ, wie sie ihn dazu veranlaßte, immer fur die Dichtung seiner Heimat sich einzusetzen, mochte er nun wie 1935 und 1937 über ,,Wesen und Wort am Oberrhein" und in ,,W erk und Wirklichkeit" über Hebel, Gott und Thoma Grundsätzliches zum dichterischen Schaffen oder 1941 in den Aufsätzen zur Kultur- und Geistesgeschichte ,,Kampf am Oberrhein" Zeitgemäßes zu sagen haben. Er war ein zutiefst musischer Mensch, der in vielen Vortragen und Essays „ D i e Musik und das Musikalische im Menschen" (1942) zu solcher Erkenntnisklarheit brachte, daß er uns 1948 wohl das schönste Buch über Johann Sebastian Bach schreiben konnte und daß er mit seiner Deutung des „ Leonardo da Vinci" (1944) uns jene Universalität der geistig-seelischen Schau zurückgab, in der einst die Größe des deutschen Geistes und des geistig künstlerischen Schaffens auf religiösem Grunde beruht hat. Adolf von Grolman, der die Bedeutung der großen Leidträger der Menschheit von Hiob und Vergil, von Augustinus und Sebastian Franck über Lenonardo und Grimmelshausen bis Racine und Bach, Lessing und Hölderlin, Stifter und Grillparzer, Gottfried Keller und Jacob Burckhardt als notwendige Verwirklichung des Geistes in die Vielfältigkeit des Daseins gestellt hat, war von Natur ein reiner und echter Dichter, der die acquitas, die sobria ebrietas, die heilige Nüchternheit in sich tragt. Bisher haben wir nur in dem kleinen Roman„ F e r i e n " und in den ,,Karlsruher Novellen" '(1946) einmalige und einzigartige Zeugnisse seiner dichterischen Gestaltungskraft erhalten. Aber eines Tages werden wir aus dem Schatz seiner ungehobenen Manuskripte des in dornenvoller Einsamkeit Lebenden und Schaffenden erfahren, daB wir in ihm nicht nur einen großen Erzieher und Umwerter, der uns eine neue echtere Schau der Gotik, der Reformation, der Renaissance der Weimarer Kunst- und Kulturpolitik, der Nietzsche-Nachfolge, der modernen Literatur- und Geisteswissenschaft gebracht hat, zu verehren haben, sondern auch einen schöpferischen Dichter voll Gottestiefe und menschlicher Todesverbundenheit als innewohnen- dem Element unserer Existenz. Es ist bezeichnend fur den Literaturbetrieb und die Wissenschaftshaltung unserer Gegenwart, daB eine Persönlichkeit wie Adolf von Grolman in der Stille leben muB und auch der Existenznot nicht entbehrt. Hoffentlich tragt sein 65. Geburtstag nunmehr dazu bei, daB ihm wenigstens die Sorge um sein karges tägliches Brot abgenommen wird und er ganz seinem Werk gehören und endlich auch den Verleger finden kann, der sich der Verantwortung bewußt ist, wenn er die Lebensarbeit dieses johanneischen Menschen betreut, von dem wir noch viel und immer Bedeutendes zu erwarten haben.                                                                                   von Hanns Martin Elster


Robert Minder schreibt in Acht Essays zur Literatur, Fischer Bücherei  Bücher des Wissens, 03. 1969 S.100

Adolf von Grolman, ein profunder Kenner  der Weltliteratur, hat das in seinem Buch „Wort und Wesen am Oberrhein“ ebenso genau herausgearbeitet wie er in einer seiner „Karlsruher Novellen“ unvergleichlich zart Hebel und Jung-Stilling kurz vor dem Tod ein Gespräch über die letzten Dinge führen läßt.

Wolfgang Leppmann schreibt in "Goethe und die Deutschen" Scherz Verlag. München, 1982, S. 261

Es war in der Hauptsache dieser Biographic und Spenglers fast gleichzeitigem Untergang des Abendlandes, bei dem der tote Goethe als Taufpate bemiiht worden war, zu verdanken, da6 der Dichter nicht von dem durch die Ereignisse von 1918 ausgelosten Zusammenbruch des deutschen Idealismus betroffen wurde, als ein in den Grundfesten seiner seelischen und okonomischen Existenz erschiittertes Volk viele seiner geistigen Ahnen (darunter Kant, Hegel, Schiller, Wagner) auf die Waagschale legte und fur die Bediirfnisse der Zeit zu leicht befand. Kaum ein anderes Werk uber Goethe hat so viel Bewunderung und Kritik erfahren wie Gundolfs. Georg Simmel, selber Verfasser einer bahnbrechenden Goetheinterpretation, begriifite es als Erschliefiung ernes nicht unkritischen, aber positiven und vor allem lebendigen neuen Goethebildes; Adolf v. Grolman, ein tüchtiger Germanist der alten Schule, nahm es nur unwillig zur Kenntnis; Benedetto Croce, der damals bedeutendste auslandische Goetheverehrer, protestierte gegen die ihm zugrundeliegende Annahme einer mystischen Einheit von Leben und Werk; die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Euphorion mufite der kritischen Auseinandersetzung mit Gundolf noch 1921 eine ganze Extranummer widmen.





























































































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Dr. Dr. Adolf von Grolman Teil 1