


Lieselotte setzt sich durch.
„Komm nun endlich vom Baum runter,
Lieselotte. Sei nicht so stur!“, rief Willibald. Aber
Lieselotte schüttelte wild den Kopf.
„Nein, ich will hier oben bleiben.
Oder du lässt mir meinen Willen, dann steige ich natürlich sofort herab“,
kicherte sie belustigt auf.
„Komm, sei ein liebes Mädchen“,
lockte er fast zärtlich weiter und überprüfte die Leiter, die am Baum stand.
„Du weißt doch, wenn du runter fällst, kann das schwerwiegende Folgen haben.
Denk mal darüber nach!“, belehrte er sie weiter.
„Bah, du willst mir nur Angst
machen, aber das gelingt dir nicht. Das weißt du doch ganz genau“, lachte
Lieselotte und kletterte noch zwei Äste höher. Dass ihr Herz dabei raste,
erwähnte sie nicht. Ich werde es dem alten Bock schon zeigen, dachte sie noch. Aber nun wurde ihr doch etwas schwindelig in dieser
Höhe und sie umarmte den dicken Ast vor ihr.
Über so viel Dummheit konnte
Willibald nur den Kopf schütteln. Na ja, eigenwillig war Lieselotte schon immer
gewesen, aber liebte er sie nicht gerade deswegen? Machte sie doch einmalig.
Mit rauer Stimme rief er nun:
„Also gut, mein Liebling, dein Wunsch ist fast schon erfüllt. Und nun sei so
lieb und komm runter.“ Dabei schaute er angespannt noch oben. Triumphierend
blickte sie auf Willibald herab.
„Ehrlich, du erlaubst mir, alleine
tanzen zu gehen? Du bleibst ganz sicher zu Hause?“, fragte sie überglücklich.
„Sicher, mein Liebling“,
bestätigte er und schmunzelte vor sich hin. Kapriziös war seine Lieselotte ja
schon immer gewesen, aber diesmal ging sie zu weit. Dies wird ein Nachspiel
haben, dachte er grimmig bei sich. Schon beeilte sich Lieselotte, den Baum
herunter zu klettern, aber da krachte der Ast unter ihren Füßen hinweg.
Erschrocken hielten beide die Luft an.
„Siehst du, das hast du nun
davon“, beklagte sie sich und rutschte wieder sicher auf den oberen Ast. „Wie
soll ich denn nun hinter kommen?“
„Wieso ich?“, meinte Willibald mit
ernster Stimme und schluckte vor lauter Aufregung. „Liebling, bleib ruhig
sitzen. Ich rufe die Feuerwehr, die holen dich sicher runter“, und verschwand
schnell im Haus. Bald darauf waren die Sirenen zu hören. Drei Feuerwehrmänner
kamen eilig in den Garten gerannt. „Siehst du, ich habe es gleich gewusst. Das
kann sich doch nur um Frau Lieselotte handeln“, lachte der jüngste von den
Feuerwehrmännern.
„Ich will aber nur von dem da
gerettet werden“, rief sie und zeigte auf den jungen Mann, der gerade
gesprochen hatte.
„Na, dann wollen wir mal“,
antwortete er und erklomm die Leiter, die am Baum stand. Wie ein Eichhörnchen
kletterte er hinauf zu Lieselotte, die sich sofort in seine Arme schmiegte.
„Sie sind mein Held, mein Retter“,
flüsterte sie ihm kichernd ins Ohr. Er schlang seinen Arm um sie und brachte
sie vorsichtig den Baum herunter. Mit großem Schwung stellte er sie dann auf
die Erde. „So, mein Fräulein, damit wir uns richtig verstehen. Dies war in
diesem Monat das letzte mal, dass ich sie vom Baum geholt habe. Und Sie“, dabei drehte er sich zu Willibald herum,
„passen besser auf Ihre Frau auf. Um was ging es denn nun dieses Mal?“
„Ach, sie will alleine tanzen
gehen“, erklärte er erleichtert und strahlte seine Lieselotte überglücklich an.
„Wie wäre es, wenn Sie wie alle
Menschen Ihre Wünsche auf normalem Weg aus diskutieren, und nicht auf so
abenteuerliche Weise den Willen durchsetzen.“ Dabei schaute er tief in
Lieselottes Augen. „Werde mich bemühen“, lachte sie und jeder wusste, dass sie
es nicht ernst meinte.
„Wäre schön, denn nicht immer geht
es gut aus, gnädige Frau“, erklärte der
Feuerwehrbeamte, der den Einsatz leitete. Doch auch er konnte sich den Schalk
in seinen Augen nicht verkneifen. Bald darauf verließen sie den Garten.
„Mut und Courage hat sie ja, und
das mit sechsundsiebzig Jahren“, lachte der Einsatzleiter und seine beiden
anderen Kollegen stimmten dem zu. „Und dass sie ganz alleine zum Seniorenball
gehen will, ist schon bemerkenswert.“
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Uschi
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