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Vorbemerkungen
Die Frage, ob Papageien von Hand aufgezogen werden sollen, wird häufig unterschiedlich beantwortet. Eine Übersicht der Argumente für oder gegen die verschiedenen Aufzuchtmethoden finden Sie im Beitrag "Handaufzuchten, Naturbruten oder Wildfänge?". An dieser Stelle soll nicht weiter auf den Sinn oder Unsinn der gebräuchlichen Zuchtpraktiken eingegangen werden. Fakt ist jedoch, dass es bestimmte Situationen gibt, bei denen das Eingreifen des Menschens unbedingt von Nöten ist. So passiert es leider nicht selten, dass Papageien ihre Gelege verlassen, Küken attackieren oder sie nicht beziehungsweise nur unzureichend mit Nahrung versorgen. "Der Natur freien Lauf zu lassen", also den Küken keine Hilfe zu gewährleisten, kann nicht im Sinne eines verantwortungsbewussten Züchters sein. Genauso wie wir heute mit kranken Vögeln zum Tierarzt gehen, um ihr Überleben zu sichern, sollten wir auch bei Zuchtproblemen durch das Zufüttern oder die Handaufzucht helfend eingreifen.
Ob ein Paar, dessen Küken bereits einmal zur Handaufzucht entnommen werden mussten, in Zukunft noch einmal die Möglichkeit zur Brut bekommen soll, ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Sind äußere Einflüsse (beispielsweise eine sehr unruhige Volierenumgebung oder andere Störfaktoren) die Ursache für das Fehlverhalten der Altvögel, so sollte man es auf alle Fälle noch einmal auf einen Versuch ankommen lassen. Ebenso wenn es die erste Brut eines Paares war und die Vögel vielleicht noch zu unerfahren zum Zuchtzeitpunkt waren. Es gibt jedoch auch Paare, die augenscheinlich sehr gut harmonieren, keine Schwierigkeiten erkennen lassen und trotzdem keine Brut alleine aufziehen können. Solche Vögel sollten möglichst nicht mehr zur Zucht eingesetzt werden, da andernfalls bei jedem neuen Zuchtversuch wieder die Handaufzucht nötig würde und dies im Normalfall nur wenig erstrebenswert ist (ausführliche Erklärungen hierzu siehe den weiter oben erwähnten Artikel).
Die folgende Aufstellung soll interessierten Lesern Schritt für Schritt eine Übersicht über das Handaufzucht-Geschehen ermöglichen. Sie ist vor allem dafür gedacht, unerfahrenen Papageienzüchtern, die unverhofft mit verwaisten Küken dastehen und darauf aus welchen Gründen auch immer nicht vorbereitet waren, zu helfen. Die folgenden Tipps sollen nicht dazu verleiten, Papageienküken "einfach so" ohne zwingenden Grund zur Handaufzucht zu entnehmen. Außer das die Naturbrut aus Sicht der Vögel generell der Handaufzucht vorzuziehen ist, gibt es noch einen anderen Grund. So einfach sich manches vielleicht auch anhört, die Handaufzucht ist ein totaler körperlicher und geistiger Einsatz über Wochen oder gar Monate hinweg. Nachtfütterungen und regelmäßiges Überwachen der Temperatur und Luftfeuchtigkeit gehören dazu. Es ist meist nicht möglich, für mehrere Stunden außer Haus zu gehen oder seiner Arbeit normal nachzugehen, insofern man keine Aushilfspersonen hat. Man sollte wirklich bei jedem Handgriff sehr achtsam sein, um Papageienküken großziehen, da bei besonders empfindlichen Tieren bereits kleine Fehler in der Handhabung und Fütterung Lebensgefahr bedeuten können. Das soll Sie nicht generell davor abschrecken, es mit der Handaufzucht zu versuchen (insofern es sich um Notfälle handelt), aber seien Sie sich auf alle Fälle darüber im Klaren, dass die Handaufzucht oft kein Kinderspiel ist und sehr viel Aufmerksamkeit und Vorsicht erfordert.
Die Kunstbrut
Hat ein Papageienpaar sein Gelege verlassen, kann es unter Umständen durchaus sinnvoll sein, die Eier in einen Brutapparat zu überführen. Grundsätzlich ist die Naturbrut (oder wenn möglich die Ammenaufzucht durch ein anderes Papageienpaar) zwar die beste Methode zur Bebrütung der Eier, ist diese aber aus irgendeinem Grund nicht möglich, kann man die Küken meist problemlos durch künstliche Wärmequellen zum Schlupf bringen.
Die Eier werden beim Bebrüten durch den Altvogel auf etwa 2-3 Grad unter dessen eigene Körpertemperatur erwärmt. Dem zu Folge sollten die Eier im Brutapparat bei 37-38 Grad Celsius aufbewahrt werden. Geeignete Brutapparate gibt es in den unterschiedlichsten Ausführungen und somit auch zu den verschiedensten Preisen (siehe Abb. 1). Erkundigen Sie sich auf alle Fälle über diese Geräte. Auch wenn dieses Zubehör für eine einmalige Kunstbrut und Handaufzucht im ersten Augenblick nicht lohnend erscheint, bringt es doch wesentlich mehr Sicherheit für die Jungvögel und somit auch mehr Ruhe für den Pfleger. Wenn Sie nichts desto trotz dennoch auf die Anschaffung eines Brutapparates verzichten wollen oder müssen, können Sie die Eier bei entsprechender Temperatur und Luftfeuchte auch in dem weiter unten beschriebenen "Eigenbau-Brutkasten" lagern.
Das Alttier bebrütet die Eier immer von oben und dreht sie regelmäßig, um eine gleichmäßige Erwärmung zu erzielen. Um das nachzuahmen, sollten die Eier auch im Brutapparat mindestens 3-6 mal über den Tag verteilt gewendet werden. Man dreht die Eier dabei vorsichtig um die Längsachse und vermeidet auf alle Fälle ruckartige Bewegungen, welche die Eischale oder den Embryo schädigen könnten. Zu allererst sollte man die Eier allerdings mit einem Bleistift oder ungiftigem Filzstift markieren (siehe Abb. 2). Diese Markierung dient als Anhaltspunkt für das Wenden der Eier. Kennt man die genauen Legedaten, so kann es auch nützlich sein, die Eier zu nummerieren, damit man auf einen Blick erkennen kann, bei welchem Ei als erstes mit dem Schlupf zu rechnen ist. Man sollte dabei allerdings stets beachten, keine langen "Romane" auf der Eischale zu notieren, da Filzstifte oder ähnliches die Poren der Eischale verschließen und es somit im Extremfall zu Störungen im Gasaustausch kommen kann. Dies hätte das Absterben des Embryos zur Folge, sodass es sehr ratsam ist, sich beim Markieren der Eier lediglich auf das Nötigste zu beschränken.
Neben einer gleichmäßigen Erwärmung der Eier spielt auch die Luftfeuchtigkeit im Brutapparat eine wesentliche Rolle. Zuviel oder zu wenig Feuchtigkeit kann zum frühzeitigen Absterben des Kükens führen oder dessen Schlupf verhindern. Im Idealfall liegt die Luftfeuchtigkeit im Brutapparat bei etwa 50 %. Bei den hochtechnisierten Brutapparaten ist das Einstellen der Luftfeuchtigkeit in der Regel kein Problem. Bei "Eigenbau-Varianten" schafft bei zu niedrigen Werten eine flache, mit Wasser gefüllte Schale Abhilfe.
Schlupf und Schlupfhilfe
Die Brutdauer, also die Zeit zwischen der Eiablage und dem Schlupf, dauert je nach Papageienart unterschiedlich lange. Nähere Informationen dazu finden Sie im Vogellexikon unter der Adresse http://www.vogellexikon.deoder in artenspezifischer Literatur. Der Schlupf eines Kükens kündigt sich bereits Stunden oder gar Tage vorher an. Meistens lässt es bereits im Ei piepsende Töne von sich hören, die anzeigen, dass der Schlupfvorgang eingesetzt hat. Das Küken bricht mit seinem Eizahn (einem speziellen Vorsatz am Oberschnabel, der später abfällt) die Schale auf, sodass ein winziges Loch entsteht. Anschließend dreht es sich im Ei um die eigene Körperachse und trennt durch den Eizahn somit nach und nach einen "Deckel" ab. Durch starken Druck des Kükens von innen löst sich diese "Eikappe" letztendlich ab und das Jungtier kann sich von der Eischale befreien. Dieser Vorgang ist ein enormer Kraftaufwand für solch einen kleinen Vogel.
Ist das Küken aus irgendeinem Grund geschwächt, kann es sein, dass es den Schlupf nicht alleine ausführen kann. In diesem Fall hilft bei vielen Papageienarten ein Elternvogel nach. Da diese Möglichkeit bei der Kunstbrut nicht vorhanden ist, leisten manche Züchter bei Problemen Schlupfhilfe. Angesichts der vielseitigen Risikofaktoren sollte die Schlupfhilfe selbstverständlich ausschließlich dann zum Einsatz kommen, wenn es sich um einen wirklichen Notfall handelt, bei dem ohne Eingreifen des Menschens der Tod des Jungvogels zu befürchten wäre.
Die Schlupfhilfe besteht meistens daraus, die Position des Kükens mittels einer starken Lampe zu ermitteln und die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, um einen Schlupf zu ermöglichen. Im Bereich der Luftkammer wird mit einer spitzen Pinzette oder einer starken Nadel mit ruhiger Hand ein kleines Loch in die Eischale gestochen. Anschließend versucht man, die Situation im Ei näher zu beurteilen. Ein Küken ist erst schlupfbereit, wenn der Dottersack vollständig eingezogen ist und keine vollen Blutgefäße mehr die Eihaut durchziehen. Diese Dinge richtig zu erkennen, ist selbst für einen Fachmann äußerst schwierig. Hat man das Ei geöffnet, obwohl der Schlupfzeitpunkt noch nicht gekommen ist, sollte man die Öffnung mit einem kleinen Stück Klebestreifen verschließen. Ist das Loch so groß, dass der Jungvogel eventuell an diesem Streifen fest kleben könnte, so legt man etwas Frischhaltefolie über die Öffnung. Wird das Ei trotz einer vorhandenen Öffnung einfach in den Brutapparat zurückgelegt, trocknet das Küken wahrscheinlich mehr und mehr aus und ist dann erst recht nicht dazu in der Lage, zu schlüpfen. Die Eihaut sollte in diesem Fall daher regelmäßig befeuchtet werden. Ist der Schlupfzeitpunkt nun endlich gekommen, kann man das Küken so weit freilegen, dass der Kopf aus dem Ei hinaus ragt. In der Regel wird der Vogel dann innerhalb weniger Minuten selbst aus dem Ei heraus kriechen.
Es kann vorkommen, dass ein Küken durch die Schlupfhilfe "aus dem Ei geholt" wird, bevor der Dottersack noch vollständig eingezogen ist. Sollte das der Fall sein, muss man unbedingt eingreifen, da die Überlebenschancen des Kükens sonst sehr gering sind. Der Dottersack wird mit einem reißfesten Bindfaden direkt an der Ansatzstelle am Bauch fest abgebunden. Spätestens wenn der Dotter sich vom gelblichen ins bräunliche verfärbt, wird er mit einer scharfen und sterilen Schere abgeschnitten. Der Fadenrest am Abbindbereich fällt in den folgenden Tagen meist von alleine ab. Sehr wichtig ist die Desinfizierung des Abbindbereichs durch einen Tropfen Jodtinktur, um einer Infektion vorzubeugen.
Unterbringung der Jungvögel
Im Idealfall setzt man die Küken direkt nach dem Schlupf vom Brutapparat in eine Aufzuchtbox um. Diese Boxen sind meist mit allerlei technischen Hilfsmitteln ausgestattet, wodurch eine konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit gehalten werden kann. Allerdings sind solche Aufzuchtboxen in der Regel nicht unter einigen 100 Euros und nur im Spezialfachhandel erhältlich, weshalb bei Hobbyzüchtern, die womöglich nur einmal in ihrem Leben verwaiste Jungvögel handaufziehen müssen, Alternativen gefragt sind.
Bewährt hat sich folgende Konstruktion (siehe Abb. 3): Man nimmt ein altes Aquarium oder eine Kunststoffbox und legt diesen Behälter mit einem Handtuch oder mehreren Lagen Küchenpapier aus. In den Behälter wird eine kleine Schale (ebenfalls mit Küchenpapier als Bodenbelag) gestellt, in welcher die Jungvögel bequem, aber nicht zu weit auseinander verstreut sitzen können. Muss man lediglich ein Küken aufziehen, so sollte man kleine Kügelchen aus Küchenpapier formen und diese rundherum um den Jungvogel in der Schale verteilen. Die Kügelchen wirken dann wie eine Art "Polster" und simulieren die fehlenden Nestgeschwister oder Eier, an denen sich die Küken anfangs gerne anlehnen. Neben dieser kleinen Schale sollte stets auch ein Thermometer und ein Hygrometer zur Innenausstattung gehören. Das Thermometer bringt man am besten direkt neben der Schale an, um die tatsächlich bei den Küken vorhandene Temperatur messen zu können. Als sehr gut hat es sich erwiesen, das Thermometer an einer Kaffeetasse mit einem Klebestreifen zu befestigen, sodass es aufrecht steht und jederzeit ohne Mühe die Temperatur abgelesen werden kann. Soviel zur Innenausstattung, um ein Vielfaches wichtiger gestaltet sich allerdings das Zubehör zum Erreichen einer konstanten Temperatur und Luftfeuchte.
Die Temperatur in der Aufzuchtbox muss bei frisch geschlüpften Küken bei etwa 35 Grad liegen und wird nach und nach entsprechend der Entwicklung der Jungvögel abgesenkt. Um diese relativ hohe Temperatur möglichst gleichmäßig zu halten, ist die Kreativität des Pflegers gefragt. Eine Methode, die sich bei mir sehr gut bewährt hat, ist das Aufstellen einer oder mehrerer Infrarotlampen außerhalb des Aufzuchtbehälters, die durch einen Thermostat (im Zoofachhandel als Aquarien- und Terrarien-Thermostat erhältlich) geregelt werden (siehe Abb. 3 und 4). Ist die jeweils gewünschte Temperatur erreicht, schalten sich die Wärmestrahler aus, wodurch eine Überhitzung ausgeschlossen werden kann. Die Strahler stellt man wie gesagt außerhalb des Behälters auf und richtet den Schein der Lampe so aus, dass eine größtmögliche Wärmeausbeutung erreicht wird. Die Küken selbst dürfen allerdings keinesfalls den direkten Infrarotstrahlen ausgesetzt werden, da diese die Haut austrocknen und die Knochen spröde werden lassen. Deshalb, und weil im Inneren des Aufzuchtbehälters möglichst schummriges Licht herrschen sollte (sieht man sich die natürlichen Brutstätten von Papageien - vorrangig tiefe Baumhöhlen - an, wird schnell klar, warum), hängt man alle Seiten des Behälters bis auf die Frontscheibe mit feuchten Handtüchern zu. Die Infrarotlampen treffen also auf die feuchten Handtücher, sorgen somit für eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit (etwa 50%) und schotten den Behälter so weit ab, dass die Küken ungestört schlafen können (siehe Abb. 5). Die Handtücher müssen - je nach Luftfeuchte im "Handaufzucht-Raum" und Stärke der Infrarotstrahler - alle paar Stunden durchnässt und anschließend ausgedrückt werden, sodass sie zwar noch gut durchfeuchtet sind, aber kein Wasser in den Aufzuchtbehälter tropfen kann. Etwa einmal am Tag sollte man außerdem sämtliche Handtücher wechseln und durch eine neue "Handtuch-Garnitur" ersetzen.
Handaufzuchtfutter und dessen Zubereitung
Von Eigenmischungen ist grundsätzlich abzuraten, da die richtige Zusammensetzung meist nur sehr schwer zu erzielen wäre. Am geeignetsten sind spezielle Produkte zur Handaufzucht von Papageien (zum Beispiel der Firmen Harrison, Kaytee, Pretty-Bird oder Nutribird). Wenn Sie dieses Futter nicht im Zoofachhandel oder bei Züchtern in der Nähe auftreiben können, wenden Sie sich an Ihren Tierarzt. Handaufzuchtfutter wird nämlich auch zur Zwangsernährung kranker Vögel verwendet, sodass es in den Praxen meist lagernd ist. Als Alternative zu Handaufzuchtfutter können auch eingeweichte Pellets oder Extrudate der verschiedenen Hersteller verwendet werden. Falls auch Pellets bei Händlern oder Tierärzten in der Umgebung in der Eile nicht zu bekommen sind, kann HN25 (ein Brei für lactose-empfindliche Kleinkinder von Milupa) eingesetzt werden. HN25 ist in der Apotheke und in manchen Drogerien erhältlich. Im absoluten Notfall, wenn man beispielsweise nicht mit der Handaufzucht gerechnet hat und ein Zuchtpaar plötzlich seine Jungen vernachlässigt, bleibt eventuell nur der Einsatz von eingeweichtem Zwieback oder Weißbrot, angereichert mit einem Vitaminpräparat. Dauerhaft ist solch ein Futter jedoch keinesfalls geeignet. Sie müssen in diesem Fall spätestens nach wenigen Tagen auf Handaufzuchtfutter, eingeweichte Pellets oder HN25 umstellen und dabei sehr behutsam vorgehen. Fügen Sie immer nur kleine Teile des "neuen" Futters hinzu. Eine abrupte Futterumstellung vertragen Papageienküken nur sehr schlecht.
Der Brei muss vor jeder Fütterung neu gemischt werden, da er sehr schnell verdirbt. Achten Sie darauf, die zur Futterzubereitung benötigten Utensilien stets gut erreichbar aufzubewahren, um immer einen gewissen Überblick behalten zu können (siehe Abb. 6). Bei sehr jungen Küken oder bei kleineren Arten empfiehlt es sich, das Futter eher flüssiger als breiig anzurühren. Verwenden Sie dazu abgekochtes Wasser oder besser Kamillentee. Den Tee bereitet man entweder in kleinen Mengen vor jeder Fütterung zu, oder man kocht die Menge, die an einem Tag verbraucht wird und füllt sie in eine Thermoskanne.
Die Temperatur des Breis sollte bei etwa 38-39 Grad liegen. Zu kühles Futter kann nur schlecht verdaut werden, zu heißes Futter könnte den Kropf verbrühen. Am besten kontrollieren Sie die Futtertemperatur mit Hilfe eines digitalen Fieberthermometers. Steht dieses nicht zur Verfügung, so kann man auf eine praktischere - dafür aber auch wesentlich ungenauere - Methode zurückgreifen. Tropfen Sie dazu eine kleine Menge Handaufzuchtfutter auf Ihr Handgelenk. Fühlt es sich schön warm an, kann man davon ausgehen, dass die Temperatur einigermaßen im richtigen Bereich liegt. Ist das Futter zu kalt, kann es ohne Schwierigkeiten nochmals erwärmt werden. Füllen Sie den Brei in eine kleine, möglichst dünnwandige Tasse und stellen Sie diese in einen größeren, mit warmem Wasser gefüllten Behälter ins "Wasserbad". Durch Umrühren mit einem kleinen Löffel wird eine gleichmäßige Wärmeverteilung sichergestellt. Aus diesem Grund, weil das Futter gleichmäßig warm sein muss und keine kühleren oder heißen Stellen vorhanden sein dürfen, ist die Mikrowelle zum Aufwärmen des bereits angerührten Breis nicht geeignet. Sie können aber ohne Probleme das Wasser oder den fertigen Tee, der zum Mischen des Breis verwendet wird, in der Mikrowelle aufwärmen und anschließend mit dem Breipulver verrühren.
Die Fütterung
Als Anfänger in Sachen Handaufzucht verwendet man am besten eine Einwegspritze in passender Größe, bei der man die Nadel entfernt. Solche Spritzen sind in Apotheken erhältlich. Bereits ältere Jungvögel kann man auch mit schaufelartig zurechtgebogenen Löffeln füttern. Dringend abzuraten ist vom Einsatz einer Kropfsonde. Ungeübte können damit leicht die Kropfwände verletzen oder das Futter gar in die Luftröhre einflößen. Außerdem stellt die Spritzen- oder Löffelfütterung auch eine wesentlich "sanftere" Methode dar, bei der die Küken immer noch selbst abschlucken müssen. Die Kropfsonde sollte daher dem Notfall vorbehalten bleiben und keinesfalls als Standard-Mittel zur Handaufzucht verwendet werden.
Ist das Küken im Brutapparat geschlüpft und hat somit keinerlei Futter aus dem Kropf der Altvögel erhalten, ist die erste Fütterung besonders wichtig, um eine stabile Darmflora aufzubauen. Etwa 2 Stunden nach dem Schlupf (der eventuell in der ersten Zeit noch als dunkle Fleck sichtbar gewesene Dotter-Rest sollte dann bereits verschwunden sein) erhält das Küken einen dünnflüssigen Brei aus dem üblichen Handaufzuchtfutter, dem eine mit Lactobazillen angereicherte Verdauungshilfe beigemengt wird. Dieses Futtergemisch kann man auch verwenden, in dem Fall das ein bereits älteres Küken aus irgendeinem Grund schlecht verdaut oder generell geschwächt ist. Bewährt hat sich vor allem ein Produkt namens "Bird Bene Bac", das bei Tierärzten oder bei manchen Versandhändlern erhältlich ist. Steht ein solcher Futterzusatz nicht zur Verfügung, können ersatzweise auch wenige Tropfen Nestle LC-1 Joghurt ("Natur", also ohne Geschmacks-Zusätze) verwendet werden. Die erste Fütterung mit diesem Gemisch sollte den Kropf nur etwa zur Hälfte füllen. Nach spätestens 2-3 Stunden sollte dieses Futter restlos verdaut sein, was man bei jungen Papageienküken durch die fehlende Befiederung im Kropfbereich gut erkennen kann. Ist das der Fall, so geht man zum üblichen Futtergemisch mit bereits festerer Konsistenz und zur üblichen Futtermenge über.
Bei der Ermittlung der richtigen Futtermenge sollten Sie sich weniger auf ml-Angaben, als auf den Kropf des Vogels selbst verlassen. Je nach Entwicklungsschnelligkeit des Jungvogels kann die normalerweise empfohlene Menge für die jeweilige Art, wie sie in vielen Büchern wieder gegeben wird, bei Weitem zu viel oder auch zu wenig sein. Es hilft also nichts, stur nach diesen Angaben vorzugehen. Am besten hat es sich in der Praxis erwiesen, den Kropf des Jungvogels so weit zu füllen, dass er zwar voll ist, sich aber immer noch weich anfühlt. Füttert man zu viel, so kann es passieren, dass ein Küken beim geringsten Druck auf den Kropf Futter erbricht, weil es eine derart hohe Menge Brei einfach nicht fassen kann. Im Extremfall kommt es zu einer Überdehnung oder zum Platzen des Kropfes. Halten Sie sich daher lieber an die Regel, öfters und dafür etwas weniger zu füttern, anstatt die Küken so weit voll zu stopfen, dass sie sich die nächsten Stunden kaum mehr rühren können. Viele Züchter gehen leider immer noch nach dieser Methode vor, um sich die "lästigen" Nachtfütterungen zu ersparen. Man sollte sich im Vorhinein darüber im Klaren sein, welchen Aufwand und Einsatz es bedeutet, Papageienvögel von Hand groß zu ziehen, um sich nicht zu solchen unter Umständen gefährlichen Maßnahmen verleitet zu lassen.
Die Zeitabstände zwischen den einzelnen Fütterungen werden ähnlich wie die Futtermenge ermittelt. Gehen Sie auch hier nicht nach festen Zeitangaben vor, sondern beachten Sie den Kropf des Vogels. Man sollte erst neues Futter geben, wenn keine oder nur sehr geringfügige Reste von der letzten Mahlzeit mehr im Kropf enthalten sind. Mindestens einmal am Tag sollte sich der Kropf vollständig entleeren, um das Säuern von eventuell zurück gebliebenen älteren Futterresten zu verhindern. Hygiene
Vor allem die Küchenpapier-Einlage, auf der die Küken sitzen, muss etwa im Zwei-Stunden-Rhythmus gewechselt werden. Später kann man eventuell auf saugfähige Einstreu wie zum Beispiel Maisgranulat oder Sägespäne umsteigen. Dazu gibt es aber noch anzumerken, dass solch eine Einstreu nicht ohne Risiken ist. Bettelt ein Küken heftig nach Futter, so kann es leicht passieren, dass es die Einstreu schluckt und daran erstickt. Besonders im fortgeschrittenen Alter, wenn bei bestimmten Anreizen (beispielsweise beim Einschalten der Mirkowelle oder beim Hantieren mit der Futterspritze) auch außerhalb der Fütterungszeiten gebettelt wird, kann es zu solchen Vorfällen kommen. Es sollte daher möglichst auch bei älteren Küken bei der Küchenpapier-Einlage bleiben, zu der man eventuell Kügelchen aus dem selben Material (siehe weiter oben zum Thema Handaufzucht eines Einzelvogels) gibt, um die Unterlage nicht zu glatt und eintönig zu gestalten.
Nach jeder Fütterung müssen Sie die Küken selbst und alle verwendeten Utensilien gründlich reinigen. Sollte etwas Futter daneben gegangen sein, wischen Sie die Küken mit einem leicht angefeuchteten und warmen Tuch ab. Sie müssen die Jungvögel auch von eventuell haftendem Kot befreien. Achten Sie dabei vor allem auf die Füße und Zehen. Die Futterspritze und andere Gegenstände, die direkt mit dem Futterbrei in Kontakt geraten, sollten Sie wenn möglich nach jeder Verwendung abkochen. Auch kleine zurückbleibende Reste oder Krusten können verderben und die Gesundheit des Kükens gefährden.
Wem das zuviel des Guten in Sachen Hygienemaßnahmen ist, der sollte sich eines vor Augen halten: Man hat es bei der Handaufzucht nicht mit bereits immunstarken und robusten Tieren zu tun, bei denen man durchaus nicht so zimperlich sein sollte, sondern mit Vögeln, die je nach Grund für die Handaufzucht von Vornherein eventuell bereits sehr stark geschwächt sind. Vor allem Küken, die im Brutapparat geschlüpft sind und keinerlei Enzyme durch die Kropf-zu-Kropf-Fütterung durch die Elternvögel bekommen haben, können anfangs generell Schwierigkeiten haben, das Futter richtig aufzuschließen und zu verwerten (siehe Abb. 8 und 9). Man sollte das Immunsystem solcher Küken in der ersten Zeit daher nicht zu stark "fordern".
Notizen
Ein unter Umständen sehr wichtiger Punkt, der leider vor allem bei vielen "Notfall-Handaufzuchten" in der Eile nicht bedacht wird, ist die Anlegung von genauen Notizen zur Kunstbrut und Handaufzucht (siehe Abb. 7). Da die Handaufzucht Wochen oder bei größeren Papageienarten auch Monate lang dauert, ist es oft ab einem bestimmten Zeitpunkt so, dass manche Pflege- oder Reinigungsarbeiten vernachlässigt werden und die Küken in der Folge Schaden nehmen können. Um solche Fehler zu vermeiden, sollten Sie vom ersten Tag der Kunstbrut oder Handaufzucht an über alle vorgenommenen Arbeiten und Veränderungen im Brut- oder Aufzuchtsystem Buch führen. Leute, die gerne mit dem Computer arbeiten, können sich dafür schnell und auf die eigenen Bedürfnisse angepasste Dateien erstellen. Entweder man druckt diese Notizen-Vorlagen dann aus und notiert wichtige Dinge mit der Hand, oder man nimmt die Buchführung gleich am PC vor. Problemen, die bei der Handaufzucht entstehen können, kann mittels solcher Notizen meist wesentlich schneller auf den Grund gegangen werden. Außerdem können Berichte mit detaillierten Angaben bei eventuellen späteren Kunstbruten und Handaufzuchten eine sehr große Hilfestellung sein, sodass nur empfohlen werden kann, die gemachten Erfahrungen festzuhalten und im günstigsten Fall auch anderen Papageienhaltern zugänglich zu machen.
Probleme?
Ein relativ häufiges Problem bei der Aufzucht von Papageien ist, dass sich Futter-Klümpchen im Kropf bilden können. In solch einem Fall war das Futter entweder zu dickflüssig oder zu kühl. Um diese Klümpchen aufzulösen, sollten Sie einmal nur Tee (Kamillentee oder Kümmeltee, letzterer regt die Verdauung an) füttern. Meist hat sich die Sache nach 1-2 Stunden dann erledigt. Sollte das nicht der Fall sein, greifen erfahrene Züchter zur Kropfsonde und ziehen den Futterbrei auf diese Weise heraus. Da die Handhabung einer Kropfsonde aber sehr viel Fingerspitzengefühl und darüber hinaus auch Kenntnisse über die Anatomie der Papageienküken erfordert, sei Anfängern dazu geraten, sich beim Tierarzt oder bei einem anderen Züchter zu erkundigen.
Neben diesem Problem mit der Klümpchen-Bildung im Kropf gib es auch noch eine andere Schwierigkeit, die vor allem kleine Papageienarten wie zum Beispiel Wellensittiche, Nymphensittiche und Agaporniden zu betreffen scheint. Nach jeder Fütterung, manchmal auch weit über diese Zeit hinaus, kommt es zur Ansammlung von Luftbläschen im Kropf, die diesen immer weiter aufblähen. Oftmals hat es den Anschein, als würden die Küken sozusagen "Luft schlucken", da sich das Auftreten der Luftbläschen nach den Fütterungen häuft. Man darf dieses Phänomen nicht mit Gasbildung im Kropf verwechseln, zu der es kommen kann, wenn Futter nicht gut verdaut wird und im Kropf verdirbt. Meist sind die Küken trotz dieser Luftansammlung wohlauf und lassen sich keine gesundheitlichen Probleme anmerken. Da wie gesagt mehr und mehr der ganze Kropf mit Luft aufgebläht werden kann, ist es wichtig, Abhilfe zu schaffen. Am besten nehmen Sie das Küken dazu in die Hand und massieren es sehr vorsichtig am Kropf, damit die Luft entweichen kann. Diese Behandlung erfordert bei Jungtieren kleinerer Arten extrem viel Fingerspitzengefühl und Vorsicht. Nehmen Sie sich also Zeit dafür und hantieren Sie keinesfalls hektisch am Jungvogel herum. Wenn Sie diese "Massagen" auch weiterhin nach und je nach Bedarf auch zwischen den Fütterungen durchführen, sind im Normalfall keine weiteren Probleme zu erwarten.
Die Futterumstellung
Je nach Papageienart sollten Sie nach einigen Wochen oder Monaten vermehrt Körner, Obst und Gemüse anbieten (siehe Abb. 10). Viele Tiere nehmen anfangs gerne gequollene Saaten, da sie besser geschält und leichter verdaut werden können. Auch Kolbenhirse wird vor allem bei kleineren Arten gerne als erste "feste" Nahrung aufgenommen. Anfangs wird das Futter sicherlich eher nur die Neugierde der Jungvögel stillen und sie werden mehr damit "Weitschießen" üben, anstatt es zu fressen. Darüber hinaus müssen die Küken erst lernen, Körner zu enthülsen und das Obst richtig zu zerkleinern. Einzelvögel brauchen bei der Futterumstellung meist um vieles länger als andere Tiere, da in diesem Fall das "Gruppenverhalten" (wenn eines der Küken vom angebotenen Futter probiert, kommt schnell der Rest der Gruppe nach) wegfällt. Als sehr gut hat es sich herausgestellt, wenn einem einzelnen Küken oder auch der ganzen Jungvogel-Gruppe zumindest ein älteres Tier hinzu gesellt werden kann. Dieser Vogel, der im Idealfall gleich ein Artgenosse sein sollte, "demonstriert" den Jungtieren das richtige Fressen und im Normalfall tritt schnell das zuvor beschriebene "Gruppenverhalten" ein.
Um die Papageienküken schon vor der eigentlichen Umstellung an den Geschmack von verschiedenen Futtersorten zu gewöhnen, können Sie etwas püriertes Obst und Gemüse dem Brei beimengen. Vor allem Bananen, Äpfel, Karotten und Gurken sind dazu sehr gut geeignet. Sobald die Jungvögel Interesse am Futter zeigen, sollten Sie die Breimenge etwas reduzieren und in den nächsten Tagen oder Wochen weiter nach unten korrigieren. In dieser Zeit müssen Sie jedoch kritisch darauf achten, dass genügend Nahrung aufgenommen wird und es zu keinen rapiden Gewichtsverlusten kommt. Eine leichte Gewichtsreduzierung ist während der Umstellung jedoch normal und sollte Sie nicht weiter beunruhigen. Notieren Sie sich am besten von Anfang an das Gewicht der einzelnen Küken und verschaffen Sie sich somit einen Überblick über die Gewichtsentwicklung. Während der Futterumstellung und der Zeit des Flüggewerdens kann ein Gewichtsverlust von bis zu 20 % des einst erreichten Höchstgewichtes (das oft sogar über dem Normalgewicht der Alttiere liegt) normal sein.
Spätere Haltung und Unterbringung
Wenn Sie einen einzelnen Papagei von Hand aufziehen mussten, wird er höchstwahrscheinlich sehr stark auf den Menschen fixiert sein. Er betrachtet den Menschen als Partner und überträgt sein Sozialverhalten auf die menschliche Bezugsperson. So nett und unproblematisch das anfangs vielleicht auch wirken mag, auf Dauer funktioniert es mit dem "Ersatz-Partner" Mensch kaum. Spätestens mit dem Eintritt der Geschlechtsreife oder Brutstimmung kommt es bei isoliert gehaltenen Papageien nicht selten zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen, die sichtbare Auswirkungen von psychischen Problemen sind. Ein einzeln von Hand aufgezogener Papageienvogel sollte daher bereits möglichst früh mit Artgenossen zusammengebracht werden. Ideal wäre die Integrierung in eine Gruppe etwa gleichaltriger Vögel direkt nach der Entwöhnungsphase.
Generell kann nur ausdrücklich empfohlen werden, handaufgezogene Papageien bei entsprechendem Platzangebot in der Jugendzeit gruppenweise mit Artgenossen oder zumindest ähnlichen Arten unterzubringen (siehe Abb. 11). In solch einer Gruppe werden sich voraussichtlich erstmals kleinere Trupps bilden, die durchaus dem Geschwisterverband entsprechen können. Nach und nach werden die Tiere aber auch unabhängig von den Nestgeschwistern Sozialkontakt zu den anderen Vögeln aufnehmen. Diese Zeit in einer Papageiengruppe ist für die Jungvögel ein unschätzbarer Vorteil. So oft diese Möglichkeit genutzt werden kann, sollte sie auch Anwendung finden. Es sollte auf alle Fälle oberstes Gebot sein, psychische Probleme durch die übermäßige Fixierung auf den Menschen zu verhindern und auch Handaufzuchten (oder besser gesagt besonders diesen Tieren, da sie ja bereits von Vornherein in ihrem Verhalten vom Menschen beeinflusst wurden) die Verpaarung mit einem Artgenossen zu ermöglichen.
Weitere Informationen zu Handaufzuchten, Naturbruten und Wildfängen sind unter www.vogelkauf.de abrufbar. WICHTIG!!! In Österreich ist die Handaufzucht (ohne die lebensrettende Notwendigkeit)verboten!!! |